Häg-Ehrsberg Drama, Witz und eine Prise Moral

Häg-Ehrsberg. Das Stück „Insekten?! Es gibt für alles eine Lösung…“ ist bereits die achte Inszenierung des Theaters in den Bergen. Der 2011 gegründete gemeinnützige Kulturverein hat sich dem Landschaftstheater verschrieben. In den Aufführungen wandern die Zuschauer zusammen mit den Darstellern von Spielort zu Spielort durch die Natur. Das Bühnenbild ist dabei die Umgebung selbst. Mit dem Stückeschreiber, Schauspieler und Initiator Arnd Heuwinkel, der sich diesmal auf die Regie konzentriert, sprach Gabriele Hauger zwei Wochen vor der Premiere am 14. September.

Frage: In zwei Wochen ist Premiere. Sind Sie nervös?

Es ist immer ambitioniert, mit Schauspielern, die das nicht hauptberuflich machen, ein Stück in so kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen. Das bleibt bis zuletzt spannend. Da muss man einfach die Nerven behalten. Aber unsere Schauspieler sind wirklich großartig. Wir haben ein paar Neuzugänge dabei, auch aus der Umgebung. Ich bin guten Mutes, jetzt muss nur noch das Wetter passen.

Frage: Was macht für Sie den Reiz aus, mit Laienschauspielern zu arbeiten?

Reizvoll ist diese Arbeit vor allem deshalb, weil alle Mitspieler eine ganz eigene, oft überraschende Persönlichkeit mitbringen. Ich versuche dann, diese innerhalb der Stücke zum Glühen zu bringen. Ich schaue mir vorher genau an, wer, was in die Waagschale legen kann, an besonderem Charakter oder Temperament. Wenn man die Menschen so nimmt, wie sie sind und nicht versucht, ihnen etwas überzustülpen, dann kommen da ganz tolle Ergebnisse heraus. Alle unsere Mitwirkende investieren außerdem ihre kostbare Zeit in unser Theaterprojekt. Das gilt es zu schätzen. Bei einem bezahlten Profi kann ich als Regisseur schon mal sagen: Hey, du wirst dafür bezahlt, das musst du schon aushalten. Bei so genannten Laien allerdings muss ich immer im Hinterkopf haben, dass die alles geben und noch eine Menge anderer Dinge zu stemmen haben.

Frage: Wie schwer ist es, genügend Schauspieler gerade in der Ferienzeit zu finden?

Es wird allgemein schwieriger. Der Zeitgeist steht solchem Engagement eher entgegen. Generell individualisieren sich die Menschen immer stärker. Und wollen sich gerne mit eher individuellen Hobbys und Dingen beschäftigen. Sich längerfristig an einem Projekt größerer Gruppen zu beteiligen, ist nicht so sehr in Mode. In unserem Theaterprojekt allerdings ist das so. Da muss man sich überzeugt mit einer Sache auseinandersetzen – über einen längeren Zeitraum. Beim Theaterstück kommt es nicht darauf an, wer die größte oder bedeutendste Rolle hat, denn hier ist jede(r) wichtig. Es geht darum dass das ganze Stück funktioniert, dass alle zusammen Erfolg haben. Es geht für alle darum, sich auf einen gemeinsamen Weg einzulassen und diesem zu vertrauen. Das ist reinste Soziokultur, die einen großen Reiz hat, aber vor dem Hintergrund persönlicher Interessenlagen immer schwieriger wird.

Frage: Was macht Häg-Ehrsberg für Sie zur geeigneten Theaterkulisse?

Man nennt die Region hier den Hinterhag. Es ist landschaftlich sehr attraktiv, mit tollen Ausblicken. Die Natur ist schon ein Stück Schauspiel für sich. Die Gegend ist nicht grundlos Biosphärengebiet geworden. Die ganze Charakteristik der Landschaft ist besonders. Eine Rolle spielt natürlich auch ganz pragmatisch unser Familienanschluss hier. Zudem werden wir toll vom Bürgermeister und den Dorfbewohnern unterstützt. Das ist eine starke Gemeinschaft, die sich auch mal offen auf Neues einlässt.

Frage: Was hat das Theaterprojekt im Dorf bewirkt?

Die Außenwirkung von Häg-Ehrsberg hat sich total verändert. Das Theaterprojekt erhält auch überregional tolle Rückmeldungen wie z.B. aus Freiburg, Basel oder Donaueschingen. Durch das Landschaftstheater, das es ja nur selten gibt, rückt automatisch auch das Dorf stärker in den Fokus, wird etwas Besonderes. Am Anfang war die Euphorie dementsprechend groß. Inzwischen ist das Theater in den Bergen für die meisten hier selbstverständlich. Viele finden es fantastisch, dass es uns gibt, andere nehmen es einfach gelassen zur Kenntnis.

Frage: Zum Stück: Das Insektensterben ist in aller Munde. Dennoch wollen Sie sicherlich kein moralisierendes Drama liefern. Wie haben Sie den Stoff verarbeitet?

Ein bisschen moralisch wird es schon. Klar, muss man die richtige Verpackung für das Thema finden. Wir versuchen zwar, kurzweilig und witzig eine Geschichte zu erzählen. Das Geschehen ist indes durchaus dramatisch und zeigt –­ wenn auch auf einer anderen Ebene – das, was tatsächlich passiert: das Artensterben und die Naturzerstörung.

Frage: Wie verpacken Sie das?

In verschiedenen Episoden wird erzählt, wie ein unerfolgreicher größenwahnsinniger Chemie-Unternehmer (gespielt von Profi-Schauspieler Mario Brutschin) auf der Suche nach einem neuen Produkt ist, mit dem er endlich erfolgreich ist und viel Geld verdienen kann. Er beauftragt seine Mitarbeiter, ein Spray zu entwickeln, mit dem sich die Natur gefügig machen lässt. Das allerdings geht schief. Es gibt einen Zwischenfall, der ins totale Chaos führt. Alle sind dann irgendwie davon betroffen. So zum Beispiel ein Bienenvolk mit Fachkräftemangel oder die Tochter des Firmenchefs, die Umweltaktivistin ist... Das Ganze ist schön absurd und schräg, thematisiert aber durchaus ernsthaft die Frage nach Erfolg und Fortschritt um jeden Preis.

Frage: Die letzte Inszenierung mit „James Blond“ war ein voller Erfolg. Rechnen Sie mit ebensoviel Resonanz bei diesem vielleicht etwas weniger zugänglichen Thema?

Vor dem Hintergrund, dass wir uns diesmal im Gegensatz zum Blockbuster James Bond mit einem ernsthaften Thema beschäftigen, geht es mir nicht primär darum, einen Kassenschlager zu produzieren. Ich möchte möglichst viele Menschen dazu animieren und begeistern, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Und vielleicht auch ein bisschen dazu anregen, die eigene Handlungsweise in Frage zu stellen.

Frage: Träumen Sie nicht manchmal wieder von einem festen Engagement an einem renommierten Haus in einer großen, kulturaffinen Stadt?

Ich hatte das früher. Mir geht es jetzt eher um die Frage: Womit bin ich glücklich? In einer festen Position immer das Gleiche zu tun, ist nicht für jeden erstrebenswert, wobei natürlich eine abgesicherte Existenz ein wunderbares Privileg ist, das wir nicht haben. Bei uns kommt es immer auf die Bewilligung von Fördergeldern an. Das geht aber vielen freien Kulturschaffenden so. Zuweilen ist das schon ein Witz, wie man da trotz akademischem Titel und Ausbildung wahrgenommen wird. Es ließe sich lange darüber diskutieren, wie schlecht die freie Kultur finanziert wird. Wenn ich aber sehe, dass Häg-Ehrsberg inzwischen bei der Diskussion um Fördermittel in einem Atemzug mit der Stuttgarter Staatsgalerie genannt wird, entschädigt das für Vieles und zeigt, dass wir es richtig machen, dass wir wahr- und ernst genommen werden.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des Theaters in den Bergen?

Wir haben uns entschieden, hier zu leben, zu arbeiten, und die Arbeit auch noch auszuweiten, zum Beispiel in Richtung Theater in Schopfheim. Schließlich leben ich, meine Frau und meine Tochter auch davon. Wir versuchen, uns zu vernetzen, am Puls der Zeit und offen zu bleiben gegenüber Neuem. Vor allem geht es uns darum, gutes Theater für die Menschen hier zu machen.

 Premiere: 14. September, weitere Spieltermine: 21./22./28./29. September und 12./13./19./20. Oktober; Vorstellungsbeginn Sa 15 Uhr und So 11 Uhr Preis pro Karte 18 Euro und 10 Euro ermäßigt  siehe auch Kulturpunkt

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