Häg-Ehrsberg Humorvoll Kritisches transportieren

Zum zehnjährigen Bestehen des Theaters in den Bergen geht es dreieinhalb Stunden über Stock und Stein, durch Feld, Wald und Wiese. Dazu lädt die Jubiläumsproduktion, der Open-Air-Theaterkrimi „Der Herr der Augenringe - und die Brille der Macht“ ein, der am 11. September Premiere hat.

Von Jürgen Scharf

Häg-Ehrsberg. Wegen der Corona-Situation sind die Aufführungen auf jeweils 100 bis 120 Zuschauer limitiert. Das Publikum wird zusammen mit den Akteuren auf verschlungenen Wegen im und ums Dorf unterwegs sein und von Spielort zu Spielort rund um Ehrsberg in 850 Metern Höhe wandern – den Klappstuhl mit dabei.

Die Theatergruppe aus dem Hinterhag ist ein Musterbeispiel für Theater im öffentlichen Raum, preisgekrönt mit dem Staatspreis des Landes in der Sparte Freilichttheater 2019 für die beste Freilichtinszenierung („James Blond“) und mit einer respektablen Finanzspritze für die Neuproduktion ausgestattet, der Förderung durch den Innovationsfonds Kultur Baden-Württemberg. Da lässt sich Theater im ländlichen Raum auf die Beine stellen, vor allem, wenn man einen solchen Motor und Macher hat wie den Regisseur, Schauspieler und Autor Arnd Heuwinkel.

Er ist ein Meister des Absurden und Skurrilen, der in seinen selbst geschriebenen Stücken Realität und Fiktion vermischt und Dinge zusammenführt, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Dass er vorwiegend Landschaftstheater inszeniert, hängt damit zusammen, dass „Landschaft ein Abbild von Realität, von Alltagswelt ist“, wie er sagt, und mit dem Leben zu tun habe, sehr direkt und unverfälscht sei.

Für seine Stücke wählt der studierte Kulturwissenschaftler aktuelle Themen, die in der Luft liegen, zeitbezogen sowie von aktuellen Ereignissen und persönlichen Überzeugungen inspiriert sind. „Es sind Themen, die mir über den Weg laufen oder sich mir aufdrängen“, so der Theatermacher.

Das färbt auf sein neues Stück ab, in dem es in erster Linie um Verantwortung in Krisenzeiten geht. Solche zeit- und gesellschaftskritischen Themen sind Grundlagen für Heuwinkel, um das Moralische zu thematisieren, „ohne jemanden belehren zu wollen“.

Ein Blick zurück: Bei „James Blond“ (2017), der Agentenparodie auf 007, ging es um die Globalisierung und die Gefahr, dass demokratische Werte abhanden kommen – immer noch hochaktuell. „Insekten“ (2019) behandelte vor dem Hintergrund des Bienensterbens die Bedrohung der Lebenswelt, die Naturzerstörung, bedrohte Arten, das Ausbeuten von Ressourcen, „um unseren Lebensstil durchzusetzen“, wie Heuwinkel erläutert.

Folglich sind seine Stücke zum Nachdenken, aber auch unterhaltsam. „Über Humor“, so der Autor, „lassen sich viele kritische Dinge transportieren.“ Nicht nur mit dem Zeigefinger Menschen aufklären, sondern über Dinge lachen, obwohl es gar nicht lustig ist, das ist ihm ein großes Anliegen.

Zum Jubiläum kommt die Besetzung nicht allein aus dem Dorf, sondern aus der ganzen Umgebung des Wiesentals, von Schopfheim bis Lörrach. Zudem ist eine Profi-Schauspielerin dabei, die viele Jahre am Freiburger Theater Ensemblemitglied war und jetzt mächtig Spaß an der Rolle der durchgeknallten Kommissarin Schimpansky hat. Lena Drieschner ist eine jener Profis, die Heuwinkel gern zu seinen Produktionen dazu holt, weil sie eine Vorbildfunktion für die Amateurdarsteller haben und ihnen einen sicheren Rahmen geben. Die Laienspieler fühlen sich dadurch animiert, mitgerissen und gehen aus sich heraus.

Bestes Beispiel war bei der besuchten Probe auf einer Matte vor einer Scheune die aberwitzige Szene, in der die komische Polizistin einen Ganoven-Clan aushebt. Überhaupt geht es in dieser Farce um den Brillenkönig und Firmenpatriarchen Billy Bob turbulent zu. Die ganze Familie, die „bucklige Verwandtschaft“ und finstere Gesellen sind hinter besagter Brille her, durch die man die Wahrheit sehen kann.

Sie ist natürlich eine Metapher, eine „Sehhilfe“ für Menschen, die den Durchblick verlieren, Vehikel und Hilfsmittel, um wieder klar sehen zu können.

„Der Herr der Augenringe - und die Brille der Macht“; Premiere am 11. September. Aufführungen samstags und sonntags bis 17. Oktober. Für einzelne Vorstellungen gibt es noch Karten über die Internetseite www.theaterindenbergen.de.

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