Handball „Die Lena ist immer vorangegangen“

Lena Wiggenhauser sagt Adieu.Foto: Grant Hubbs Foto: Die Oberbadische

Freiburg (pd). Nach neun Jahren bei der HSG Freiburg ist Schluss: Lena Wiggenhauser verlässt die Red Sparrows und legt gemeinsam mit Ehemann Ralf eine einjährige Handballpause ein. Die Ausnahmetorfrau und langjährige Mannschaftskapitänin wird sportlich wie menschlich eine große Lücke hinterlassen.

Die Torwartposition ist eine zentrale in den Mannschaftssportarten. Besonders im Handball, wo pro Spiel um die 40 bis 50 Würfe aufs Tor kommen. Eine gewisse Verrücktheit und Einzelkämpfermentalität sagt man den Torleuten nach, die sich freiwillig 100 km/h schnellen Wurfgeschossen entgegenstellen.

Absoluter Fixpunkt innerhalb der Mannschaft

Über Verrücktheit lässt sich vermutlich streiten, aber eine Einzelkämpferin war Lena Wiggenhauser nie. Das Team, der Zusammenhalt der Gruppe stand für sie immer an erster Stelle, sowohl innerhalb der Subkultur „Torwartteam“ als auch der gesamten Mannschaft. „Lena war so eine Führungsspielerin, wie ich sie sein wollte. Sie ist immer vorangegangen, hat die Leute mitgezogen, war immer vorbildlich und man hat sich auch privat sehr gut verstanden“, erzählt Angelika Makelko, die sämt­liche neun Jahre mit „Fischi“ als Mitspielerin erlebt hat.

Dabei ging es der aus Oberasbach/Mittelfranken stammenden Torhüterin vor ihrem Wechsel in den Breisgau im Jahr 2012 gar nicht gut: Nach einer frustrierenden Saison beim SV Allensbach hatte die hochtalentierte und ehrgeizige 20-Jährige, die mit der Jugend des Thüringer HC die Deutsche Meisterschaft und Gold beim Schulwettbewerb Jugend trainiert für Olympia gewann, „eigentlich gar keine Lust mehr auf Handball“. Der Anruf von HSG-Trainer Ralf Wiggenhauser, am letzten Tag der Einschreibefristen für die Uni, kam für sie „wie vom Himmel geschickt“. Göttliche Fügung, könnte man sagen. Bei der HSG Freiburg fand Lena Fischer ihr Glück – sowohl sportlich als auch privat.

Seit letztem Jahr ist sie mit Ralf Wiggenhauser verheiratet, die Mannschaft war bei der Trauung natürlich dabei. Obwohl: Womöglich wurden die beiden am Tag der Hochzeit erstmals als richtiges Paar wahrgenommen, denn beim Handball haben Trainer und Torhüterin Sportliches und Privates strikt getrennt. "Es gab auch einige Spielerinnen, die es am Anfang gar nicht wussten, dass wir zusammen sind, und die das auch ganz lange nicht geblickt haben“, lacht die 29-Jährige.

Deutlich auffälliger waren ihre Auftritte auf dem Feld. Im familiären Umfeld der HSG Freiburg fühlte sie sich von Beginn an pudelwohl und entwickelte sich schnell zu einem absoluten Fixpunkt innerhalb der Mannschaft.

Neben ihrer zentralen Rolle als Spielerin brachte sie sich auch als Jugendleiterin und -trainerin ein.

Nachdem sich Wiggenhauser als langjährige Kapitänin und Teil des Mannschaftsrats stets um die Belange ihrer Mitspielerinnen gekümmert hat, hatte sie in ihrem letzten Jahr in Freiburg selbst Unterstützung nötig. Bei einem häuslichen Unfall brach sie sich kurz vor Saisonbeginn einen Lendenwirbel. „Das hat mich ganz schön gebeutelt. Ich hatte das am Anfang ein bisschen auf die leichte Schulter genommen, ich hatte ja schon zwei Kreuzbandrisse, also hab ich gedacht, ‘So schlimm kann es ja nicht werden’. Aber das war tatsächlich nochmals um einiges schlimmer“, blickt die Torhüterin auf ihren größten Tiefpunkt ihrer HSG-Zeit zurück. Nach einer unumgänglichen Operation konnte sie sich viele Wochen lang kaum bewegen, war selbst bei Kleinigkeiten im Alltag auf Hilfe angewiesen. An Sport, geschweige denn Handballspielen, war nicht zu denken. Eine schwere Zeit für das Energiebündel, das nur schwer die Füße stillhalten kann.

Inzwischen geht es ihr wieder gut, selbst das unter Mannschaftssportlern eher mäßig beliebte Joggen bereitet ihr Freude. Auch im Rahmen des Zweitliga-Teams war Wiggenhauser in den vergangenen Monaten wieder aktiv. Zunächst nur als mentale Stütze, dann als Torwarttrainerin und beim letzten Auswärtsspiel in Bremen erstmals sogar als Cheftrainerin, wo sie Ralf Wiggenhauser vertrat, der zeitgleich erfolgreich seine Trainer A-Lizenz-Ausbildung abschloss. Beim abschließenden Heimspiel gegen Solingen wurde es dann ganz emotional: Nach monatelanger Leidenszeit stand Lena Wiggenhauser erstmals in dieser Saison im Kader und feierte in der Schlussviertelstunde ihr viel umjubeltes Comeback. „Das war ein überragendes Gefühl, noch einmal mit meinen Mädels auf dem Feld zu stehen“, schwärmt sie.

In der Mannschaft flossen beim Abschied die Tränen

Dass sie ihr finales Jahr bei den Red Sparrows (fast) nicht als Spielerin auf dem Feld erleben durfte, fiel ihr dadurch nicht ganz so schwer, wie sie gedacht hätte. „Dass ich so nah dran bleiben konnte und mein Wissen an die beiden Torhüterinnen weitergeben und die Mannschaft insgesamt unterstützen konnte, dafür bin ich dankbar“, sagt sie.

Auf einen Abschied vor Publikum musste Wiggenhauser nach neun erfolgreichen Jahren wegen der coronabedingten Einschränkungen verzichten, in der Mannschaft flossen beim Abschied aber natürlich die Tränen. Lena Wiggenhauser wird dem Team fehlen. Sportlich, keine Frage, aber vor allem auch menschlich. Und sie wird ihrerseits vieles vermissen, wenn sie sich in Kürze in ein Sabbat-Jahr auf Rädern mit Ehemann Ralf stürzt.

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