Nancy - Auf den ersten Blick wirkt Dinah Eckerle mit ihren nur 1,70 Meter Körpergröße und ihrer zurückhaltenden Art fast ein wenig zerbrechlich.

Doch zwischen den Pfosten ist die Torfrau der deutschen Handball-Frauen ein Vulkan, in dem es permanent brodelt. Nach ihrer Gala-Vorstellung beim 29:23 gegen Spanien zum Auftakt der Hauptrunde will die 23-Jährige, die 15 Würfe abwehrte und danach zur besten Spielerin gekürt wurde, auch im Duell mit Ungarn an diesem Sonntag (15.00 Uhr) glänzen.

"Wir haben eine geile Chance", betonte Eckerle vor dem zweiten Hauptrundenmatch. "Es ist genial, mit dieser jungen Mannschaft zu spielen. Und wenn wir diesen Spaß und die Lockerheit bewahren, können wir ganz weit kommen."

Eben jene Lockerheit hatte Eckerle in den beiden ersten EM-Spielen gegen Norwegen (33:32) und Rumänien (24:29) noch gefehlt. "Ich bin zu verkrampft ins Turnier gegangen, hatte mir selbst zu viel Druck gemacht. Jetzt versuche ich, viel entspannter in die Spiele zu gehen. Und das klappt", berichtete die Torhüterin vom Bundesligisten SG BBM Bietigheim. Das sieht DHB-Torwarttrainerin Debbie Klijn genauso: "Vor dem Spiel gegen Tschechien hat es bei ihr Klick gemacht - und jetzt läuft es super."

Der anfängliche Druck hängt mit Eckerles neuer Rolle im Team zusammen. Bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2017 sowie bei der EM 2016 war sie als dritte Torfrau hinter den erfahrenen Clara Woltering und Katja Kramarczyk kaum zum Einsatz gekommen. Seit dem Rücktritt der Routiniers nach der verkorksten Heim-WM ist Eckerle plötzlich die Nummer 1.

"Dinah ist sehr unerfahren ins Turnier gegangen, hat gegen die Weltklassespielerinnen aus Norwegen und Rumänien gemerkt, dass eine EM etwas anderes ist als die Bundesliga", sagte Bundestrainer Henk Groener. "Aber sie hat immer an sich geglaubt, wir haben an sie geglaubt - und dann hat das Spiel gegen Tschechien ihr enormen Auftrieb gegeben. Jetzt hat sie das nötige Selbstvertrauen."

Eckerle war in ihrer Karriere immer früh dran: Mit 14 Jahren wechselte die gebürtige Leonbergerin ins Nachwuchsinternat des Thüringer HC, debütierte mit 16 Jahren als jüngste Spielerin der Geschichte in der Bundesliga, spielte mit 17 schon in der Champions League und ist mit 23 Jahren bereits sechsfache deutsche Meisterin. 2015 feierte sie ihr Debüt in der DHB-Auswahl, nachdem sie ein Jahr zuvor als beste Torhüterin der U20-WM in Kroatien ausgezeichnet worden war.

Nun will Eckerle, die sich durch Talent, starke Reflexe und ein gutes Stellungsspiel auszeichnet, mit dem Team ihren Traum vom Halbfinale verwirklichen. Mit einem Sieg gegen die Ungarinnen (2:4 Punkte), die in ihrem ersten Hauptrundenspiel gegen Titelverteidiger Norwegen mit 25:38 unter die Räder kamen, wäre Deutschland (4:2) sicher unter den besten drei der Gruppe. Dann würde die EM-Reise definitiv erst am nächsten Wochenende in Paris enden - entweder mit dem Spiel um Platz fünf oder in der Medaillenrunde.