Hausen im Wiesental Ein besonderer Ort für Literatur

Hausen - Vor zehn Jahren wurde das Hebelhaus in Hausen zu einem modernen Dichtermuseum umgestaltet. Dass es ein besonderer Ort für die Literatur wurde, ist auch das Verdienst von Thomas Schmidt vom Deutschen Literaturarchiv Marbach, dem für seine nachhaltige Museumskonzeption mit der diesjährigen Hebel-Gedenkplakette gedankt wird (wir berichteten).

Er würde auch gut in die Sonderausstellung des Spielzeugweltenmuseums Basel über Geh- und Funktionsstöcke passen: Johann Peter Hebels Spazierstock. Im Hebelhaus hat das mit Schnitzereien und Ornamenten verzierte Prachtstück, das Hebel als Hauslehrer und Seelsorger im 30 Kilometer von seinem Heimatort Hausen entfernten Hertingen auf Wanderungen benutzte, einen Ehrenplatz. Das originale Objekt bildet mit einer Haarlocke des Dichters, einem Brief und authentischen Gegenständen den Grundstock des vor zehn Jahren zum Literaturmuseum ausgebauten Hebelhauses.

Die Gemeinde Hausen hatte sich zu dem Konzept entschlossen, vom früheren Heimatmuseum wegzukommen hin zu einer vielfältig vernetzten multimedialen Literaturausstellung, die sich auf sensible Weise Hebel und seiner Dichtung nähert. 2010 wurde das Haus aus Anlass von Hebels 250. Geburtstag erweitert und neu gestaltet.

Der spezielle Charme und die symbolische Funktion, die das Hebelhaus im Badischen hat, wurde bei der Neugestaltung berücksichtigt. Teil der Konzeption war es, die Besonderheit des Ortes zu betonen. Die Leute sollten nicht mal nur so nebenbei, weil Wandertag ist, ins Hebelhaus gehen, so der Germanist und Kulturwissenschaftler Schmidt, der maßgeblich an der Umgestaltung des alten Dorf- und Heimatmuseums beteiligt war, sondern sich dort intensiv mit dem Dichter, Pädagogen und Theologen beschäftigen.

So ist das Hebelhaus, dieser Ort aus Hebels Kindheit, nicht nur ein richtiges Schmuckstück geworden, sondern ein innovativer Literaturort. Das 1562 errichtete und 1718 umgebaute Haus, in dessen ersten Stock die Familie Hebel wohnte und das für den heranwachsenden Johann Peter Heimat war, sieht heute noch idyllisch aus mit seinem Fachwerk, den Geranien an den Fenstersimsen und dem Weinlaub, das sich an der Fassade entlang rankt. Bis 1958 wurden die Räume noch von der Hausener Gemeindeschwester bewohnt.

1960 ist das Haus als Dorf- und Heimatmuseum eröffnet worden, seither war die Sammlung auf mehrere hundert historische Gegenstände angewachsen. Es war das kulturelle Archiv und Gedächtnis des Ortes, in dem viele alte Dinge aufbewahrt wurden, eine kleine Autographen-Sammlung, darunter ein kostbarer Originalbrief von Hebels Hand aus dem Jahr 1804, Schriften und wertvolle Erstausgaben seiner Bücher sowie Zeugnisse seines Lebens und Wirkens.

Die Museumsgestalter haben sich der Sammlung mit Respekt genähert und die Geschichte des Hauses respektiert. Bekanntlich ist die Gestaltung einer Wohnwelt bei Dichtern eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, bei der die Abwesenheit des Literaten inszeniert wird. Da es kein originales Mobiliar aus der Hebelwohnung mehr gab, abgesehen von einem Schüttstein, dem Küchenherd und dem Kachelofen, die Chunst, wie es im Alemannischen heißt, war das Individuelle von Hebels Heim ein bisschen verloren gegangen.

Alte Schätze entdeckt

Im ehemaligen Dorfmuseum wurde alles gesammelt, was alt war, und auf die Räume aufgeteilt: Der Nachttopf wurde dorthin gestellt, wo das Bett stand, in die Küche kam alles, was mit Kochen zu tun hat, bis hin zum Kochtopf, so dass Hebel etwas hinter den Dingen verschwand. Die gesammelten Dinge wurden bei der Neukonzeption aber aufgehoben und sortiert, und dabei wurden manche alten Schätze entdeckt.

Heute steht das Tafelklavier von Hebels langjähriger Freundin Gustave Fecht, das 1982 der Hausener Hebelstiftung geschenkt wurde, ebenso in der Dauerausstelllung wie ein Webstuhl aus Hebels Zeit, der daran erinnert, dass Hebels Vater Weber war. Ebenso zu sehen ist der Auszahlungstisch des Hausener Eisenwerks, in dem Johann Peter als Junge wohl gearbeitet hat. „Wir haben Hebel wieder sichtbar gemacht“, beschreibt der 56-jährige Schmidt, der die Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg leitet, diese Neuausrichtung. „In dem radikalen Umbruch, in dem wir leben, ist es wichtig, die Tradition auf neue Weise zu vermitteln.“

Dazu wurde ein Ausstellungsformat geschaffen, das sich an einem Vers aus Hebels Gedicht „Die Wiese“ orientiert. Die Zeile „’S isch au kei Wort verlore“ wurde umgedeutet in: „Es ist auch kein Ding verloren.“ Die Grundausstattung ist geblieben und die ständige Präsentation zeitlos angelegt, so dass sie auf entspannte Weise reichlich Information über Hebel vermittelt. Da nach der Maxime der Museumsmacher das Haus immer das „erste Exponat“ ist, spielt auch die Außenhülle, die Wahrnehmung des Museums, eine wichtige Rolle.

Ebenso durchdacht ist die Gestaltung der Innenräume. Im Erdgeschoss wurde ein Multifunktions- und Veranstaltungsraum für wechselnde Ausstellungen eingerichtet. Auch Lesungen der Hebelpreis- und Hebelplakettenträger finden in diesem Raum statt. Blickfang in den Vitrinen sind die Briefe Hebels sowie bibliophile Ausgaben des „Rheinländischen Hausfreunds“.

Wesentlicher Bestandteil der Ausstellung sind die alemannischen Gedichte des Dichterfürsten. An seine Heimatgemeinde im Wiesental, das er sein „Mutterland“ nannte, an den Sehnsuchtsort seiner Kindheit und Jugend, hat Hebel seine alemannischen Verse adressiert. Über eine Hörstation, gelesen von regionalen Sprechern, kann man dem Gedicht „Die Wiese“ lauschen, und anhand von 14 Stationen auf einer Karte vom Feldberg bis zur Mündung dem Fluss im Geiste nachwandern.

Über eine enge Holzstiege gelangt der Besucher ins Dachgeschoss, das mit schwebenden Vitrinen ausgestattet ist. In diesem Stockwerk geht es um die Wirkung von Hebel und seine Bedeutung für die Weltliteratur, auch um die literarische Rezeption. An den Dachbalken finden sich Zitate großer Literaten wie Tolstoi, Rilke und Kafka, von dem der berühmte Satz stammt: „Sehr gut wäre zeitweilig Hebel.“ Dieser Museumsbereich ist dynamisch angelegt und man kann sich über eine Medienstation informieren.

Fortlaufend wird die Liste der Hebelpreisträger als auch der Gedenkplakettenträger aktualisiert, deren Bücher in Vitrinen ausliegen. Den nach dem Schillerpreis zweitwichtigsten Literaturpreis des Landes erhielten so prominente Persönlichkeiten wie der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer (1951), der Philosoph Martin Heidegger (1960), die Schriftsteller Elias Canetti (1980), Peter Bichsel (1986), Arno Geiger (2008), Arnold Stadler (2010), der Dramatiker Lukas Bärfuss (2016), der Maler-Dichter Christoph Meckel (2018) und aktuell die Dramatikerin Sibylle Berg. Man sieht: Die Hebel-Tradition lebt.

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