Industriegeschichte Ein Wahrzeichen der Stadt Lörrach

Hubert Bernnat

Lörrach - Sucht man in Lörrach nach stadtbildprägenden Wahrzeichen, so gehören gewiss das Röttler Schloss und der 85 Meter hohe, weiß getünchte Kamin mit der schwarzen Aufschrift „KBC“ dazu. Vor genau 100 Jahren ist der Kamin gebaut worden. Nun wurde er auf Initiative von Hubert Bernnat unter Denkmalschutz gestellt.

Der mächtige Kamin erinnert an die Textilindustrie, die den Aufstieg Lörrachs zur modernen Industriestadt begründete. Gleichzeitig war er Symbol für das Wohlergehen der Stadt. Denn die KBC war einst der größten Arbeitgeber und Steuerzahler. Nun ist die dominierende Ära der Textilindustrie schon einige Zeit vorbei und die KBC existiert nur noch als KBC Fashion. Die Produktion ist nach Italien verlagert und durch die Umstellung auf eine neue Wärmeversorgung wird der KBC-Kamin nun nicht mehr benötigt.

Hätte dies das Ende des stadtbildprägenden Wahrzeichens bedeuten können? Auf diese Frage bin ich bei der Recherche zu „100 Jahre KBC-Kamin“ gestoßen. In den einschlägigen Darstellungen über Lörrachs Geschichte ist nichts über den Kamin zu finden. Überraschend musste ich feststellen, dass der Kamin bisher nicht unter Denkmalschutz stand. Spannend wurde es, als auf meine Nachfrage im Lörracher Stadtarchiv zwei Akten zum Bau des Kamins vorhanden waren. Denn die Baugeschichte ist höchst interessant und führte letztlich zur Klärung der Frage nach dem Denkmalschutz.

Drei große Infrastrukturprojekte nach 1918

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Lörrach mit den Folgen des verlorenen Krieges zu kämpfen. Besonders die Textilindustrie war hart getroffen, da die Verbindungen zum Elsass unterbrochen und in die Schweiz erschwert waren. Arbeitslosigkeit und Inflation waren die Folge. Dennoch wurden 1920/21 drei große Infrastrukturprojekte verwirklicht.

Alle waren schon vor 1914 geplant, als Lörrachs Aufstieg zur modernen Industriestadt unvermindert seinen Weg zu nehmen schien. So sollten die Industriebetriebe am Gewerbekanal ans Schienennetz angeschlossen werden. Auslöser war der dringend notwendige Bau eines neuen Gaswerks mit eigener Gaserzeugung unterhalb der KBC am Wiesenweg. Doch erst 1921 wurde das neue Werk fertig, in dem Gas aus Kohle erzeugt und der Reststoff Koks als Heizmaterial verkauft wurde.

Die Mengen an Kohle und Koks konnten aber nur über die Schiene transportiert werden. So war schon im August 1920 die neue Gewerbebahn in Betrieb gegangen. Beim heutigen Wasserwerk im Grütt zweigte sie von der Wiesentalbahn ab und teilte sich beim Schwimmbad vor dem Gewerbekanal. Von dort führte ein Strang bis zur Tuchfabrik. Die andere Route führte entlang der wenig ausgebauten Wiesentalstraße zum Gaswerk und zur KBC. Für die Stadt als Teilhaber der Gewerbebahn-GmbH mit ihrem weitsichtigen Oberbürgermeister Erwin Gugelmeier diente der Bau zur Arbeitsplatzbeschaffung als Notstandsmaßnahme in einer Zeit großen Elends.

Der Kaminbau

Die Vorgeschichte des Kaminbaus der KBC begann um 1880, als schon über 1000 Menschen hier arbeiteten. Der Bedarf an Energie war immens, wie Wilhelm Höchstetter 1882 schreibt: „Es sind 20 Dampfkessel in Thätigkeit mit einem jährlichen Kohleverbrauch von 260 000 Zentner.“ Elektrizität spielte noch keine Rolle, Gas nur für die Beleuchtung. Nach 1880 begann man durch ein Maschinen- und Kesselhaus eine Energiezentrale aufzubauen. Zwei 40 Meter hohe Kamine ergänzten bis 1893 die Anlage.

Schon vor 1914 wurden durch Vergrößerung des Kesselhauses der Bau eines noch höheren Kamins vorbereitet. Als Mitte 1921 mit dem Gaswerk und der Gewerbebahn zwei der drei Infrastrukturprojekte fertig waren, konnte man nun die Energie- und Wärmeversorgung weiter zentralisieren, um rationeller arbeiten zu können. Investitionen in Modernisierung schienen für die angeschlagene Textilindustrie ein Weg aus der Krise zu sein.

Am 25. Oktober 1921 gab es ein Ersuchen der KBC beim Bezirksamt zum Bau eines neuen Fabrikschornsteins beim Kesselhaus mit einer Höhe von 85 Metern. Die KBC begann mit dem Bau noch vor der Genehmigung. Der Weiterbau wurde aber baupolizeilich gestoppt.

Als Grund wurde die „Neuerung in der Kaminbauweise“ genannt. Diese bestand darin, dass der Kamin mit Eisenbetonteilen (= Stahlbeton) errichtet werden sollte. Dies war ein Verfahren der Frankfurter Firma Franz Hof, das erst seit 1915 patentiert worden war. Zwar gab es schon Erfahrungen mit Brücken- und auch Hochhausbauten aus Stahlbeton, aber noch kaum mit Industriekaminen.

Die ersten Kamine dieser Art hatte die BASF 1917 für Ihr Ammoniakwerk in Merseburg mit 111 Meter Höhe und für ihr Stammwerk in Ludwigshafen mit 120 Meter gebaut. Bedenken bei der Bezirksbaubehörde bestanden wegen der Statik und der Windlast, da der neue Kamin ja mehr als doppelt so hoch wie die bestehenden werden sollte. Der KBC-Kamin war der erste seiner Art in Baden.

Weiterbau „auf eigene Gefahr“

Doch die KBC intervenierte beim badischen Arbeitsministerium und bekam von dort den Bescheid, die Firma könne „auf eigene Gefahr“ weiterbauen. In der Akte ist auch ein Gutachten von Diplom-Ingenieur A. Frey aus Freiburg enthalten. Darin heißt es: „Die statische Berechnung gibt zu Beanstandung keinen Anlaß.“

Doch erst nach der Vorlage von Unterlagen durch die Firma Hof, die extra nach Lörrach gekommen war, wurde der Weiterbau durch das Bezirksamt genehmigt. Die Firma „Franz Hof – Schornstein- und Feuerungsbau“ gibt es heute noch. Am 20. Dezember 1921 meldet die KBC dem Bezirksamt die Fertigstellung des Kamins. Der 85 Meter hohe Kamin war also innerhalb von nur wenigen Wochen gebaut worden.

Nach der Prüfung durch den Kaminfegermeister Will am 23. Dezember 1921 konnte der Kamin in Betrieb genommen werden. Die beiden 40 Meter hohen Kamine beim Kesselhaus wurden im Laufe der Zeit abgebaut, ebenso ein weiterer ebenfalls 40 Meter hoher Kamin, der weiter südlich stand. Dadurch wird die dominierende Wirkung des neuen Kamins noch stärker hervorgehoben.

Frage des Denkmalschutzes

1998 hatte das Landesamt für Denkmalpflege festgestellt: „Die Sachgesamtheit der Bauten der KBC ist ein Kulturdenkmal aus wissenschaftlichen, vor allem architektur-, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen und regionalgeschichtlichen Gründen. Ihre Erhaltung liegt insbesondere wegen des dokumentarischen und exemplarischen Wertes, wegen des Seltenheitswertes sowie aus heimatgeschichtlichen Gründen im öffentlichen Interesse.“ Überraschenderweise gehörte aber der Kamin mit Maschinen- und Kesselhaus nicht dazu. Die Begründung war damals, Industriekamine gebe es viele und das Kesselhaus sei nicht mehr im Originalzustand erhalten.

Für mich war aber durch die neuartige Bauweise mit Stahlbeton eine neue Situation gegeben. Ich habe meine Erkenntnisse an Marion Ziegler-Jung von der Wirtschaftsförderung weitergeleitet. Sie hat mein Anliegen sofort unterstützt. Das gleiche gilt für Bürgermeisterin Monika Neuhöfer-Avdic und Meike Neumann, die bei der Stadt Lörrach im Fachbereich Recht/ Stiftungen/ Baurecht beziehungsweise der Unteren Denkmalschutzbehörde angestellt ist. Sie erklärten sich bereit, eine Anfrage mit den neuen Erkenntnissen an das Landesdenkmalamt weiterzuleiten.

Diese erfolgte am 15. Juni dieses Jahres und schon am 15. Juli teilte Patrick Jung vom Landesdenkmalamt, Dienstsitz Freiburg, mit: „Hiermit bestätigen wir Ihnen, dass es sich bei dem Schornstein auf dem KBC-Areal … nach unserer Auffassung um ein Kulturdenkmal nach § 2 des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes handelt. Der Schornstein ist außerdem Bestandteil der Sachgesamtheit ’Bauten der Firma KBC’.“

Öffentliches Interesse für Erhaltung

Er begründet die Denkmalwürdigkeit wie folgt: „Der Eisenbetonschornstein ist aus wissenschaftlichen (insbesondere technikgeschichtlichen und bautypologischen) Gründen ein Kulturdenkmal … Das Bauwerk prägt durch seine Höhe das Lörracher Stadtbild und ist gleichzeitig Teil der Sachgesamtheit historische Bauten der Firma KBC. An der Erhaltung besteht aufgrund seiner dokumentarischen und exemplarischen Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte des Schornsteinbaus, der Baugeschichte der KBC sowie dem Maß seiner Originalität ein öffentliches Interesse.“

In einer weiteren Mitteilung des Landesdenkmalamtes heißt es: „Anlässlich der geplanten Außerbetriebnahme des Schornsteins war es der ausdrückliche Wunsch der Stadt Lörrach, dass dieses stadtbildprägende Bauwerk auch nach Aufgabe seiner ursprünglichen Funktion als identitätsstiftendes Zeugnis der Lörracher Textilindustrie erhalten bleibt.“

Markantes Zeichen für zukünftigen Gewerbepark

Die Erhaltung liegt nun in den Händen der Immobilien-Pool Wiesental GmbH, die als örtlich ansässiges Unternehmen der Volare Group AG in enger Zusammenarbeit mit der Stadt langfristig einen Gewerbepark auf dem KBC-Areal entwickeln möchte. Mit dem KBC-Kamin hat der zukünftige Gewerbepark schon ein markantes Zeichen. Zudem ist der KBC-Kamin das einzige noch erhaltene Infrastrukturprojekt von 1921: Denn Gaswerk und Gewerbebahn sind schon längst fast spurlos verschwunden.

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