Inzlingen Der Marktleiter wird zum Inhaber

Nadine und Stefan Berger freuen sich sehr auf die Übernahme des Landmarktes in Inzlingen.Foto: Tim Nagengast Foto: Die Oberbadische

Das Kolping-Bildungswerk Freiburg übergibt den Inzlinger Landmarkt in die Hände des bisherigen Marktleiters Stefan Berger. Gemeinsam mit seiner Frau Nadine übernimmt der 31-Jährige zum 1. Dezember in Eigenregie den einzigen Vollsortimenter im Waieland.

Von Tim Nagengast

Inzlingen. Die Inzlinger können aufatmen. Nicht nur einmal war der Fortbestand des Landmarktes in den vergangenen Jahren unsicher. Es war ein offenes Geheimnis, dass das Kolping-Bildungswerk Freiburg in sein zunächst integrativ geführtes Inzlinger Lebensmittelgeschäft den einen oder anderen Euro „zubuttern“ musste. Durch die wirtschaftliche Brille betrachtet, hätte das ambitioniert gestartete Projekt eigentlich beendet müssen. Zu oft stand die Frage im Raum: Wie geht es weiter?

Laden stand wirtschaftlich auf der Kippe

Angepasst wurde das Sortiment, vor zwei Jahren wurden die Öffnungszeiten gekürzt. Es wurde gestrafft, umorganisiert und sogar über ein Genossenschaftsmodell nachgedacht, damit der Nahversorger eine Zukunft hat. Die politische Gemeinde steuerte ihren Anteil zum Erhalt des Dorfladens durch die Hintertür bei – nicht nur über Appelle an die Bevölkerung, sondern auch in barer Münze. So gewährte die Kommune dem Kolping-Bildungswerk, das als gemeinnützige GmbH geführt wird, zuletzt einen Zuschuss für die Anmietung der Landmarkt-Räume. Deren Besitzer sollen, wie es heißt, dem Kolping-Bildungswerk bei der Kalkulation der Pacht sehr entgegengekommen sein. Gleichwohl war all dies nicht als Dauerlösung gedacht. Ziel war immer, dass der Landmarkt auf eigenen Füßen stehen kann. Und das tut er inzwischen.

Keine indirekten Subventionen mehr

Denn das Blatt hat sich gewendet. Die Inzlinger haben ihren Dorfladen offenbar für sich entdeckt. Die Akzeptanz ist merklich gestiegen. Indirekte Subventionen – aus Steuermitteln – sind somit kein Thema mehr. Unter der Regie des jungen Marktleiters Stefan Berger gab es nicht nur Anpassungen bei Lieferanten und Sortiment, sondern auch eine tiefere Ausrichtung hin zum Regionalen. „Und das ist eine Nische, die extrem gut läuft“, weiß der künftige Ladenbetreiber aus Erfahrung. Er will zukünftig noch viel stärker den Fokus auf Produkte aus regionaler Erzeugung setzen.

Neuer Inhaber ist „vom Fach“

Bereits sein halbes Leben arbeitet der gelernte Kaufmann im Einzelhandel auf seinem Beruf – mal in Deutschland, mal in der Schweiz. Wie der Landmarkt funktioniert, den er seit dem vergangenen Jahr führt, das weiß er. „Und die Zahlen haben sich zuletzt echt gut entwickelt“, freut sich der angehende Jungunternehmer. Optimistisch fügt er an: „Ich kann’s!“

Corona verhindert Feier zur Übernahme

Die Ladenübernahme wird recht geräuschlos vonstatten gehen. Name und Optik bleiben genauso bestehen wie der Großteil des Warenangebots. So will das Ehepaar Berger mit seinen drei Teilzeitkräften und einer Aushilfe nicht nur weiterhin ein Vollsortiment vom Preiseinstiegs- bis zum Premiumsegment vorhalten, sondern auch die Postagentur weiterbetreiben. Eine Lotto-Annahmestelle soll aber noch dazukommen. Der Getränke-Lieferdienst hingegen wird eingestellt.

Großartig feiern können Nadine und Stefan Berger die Übernahme des Landmarktes und ihren Sprung in die unternehmerische Selbstständigkeit jedoch nicht. Derartige Pläne hat Corona zunichtegemacht. „Wir wollen aber dennoch mit Aktionen und Angeboten auf uns aufmerksam machen“, stellt Stefan Berger in Aussicht.

Örtliche Gegebenheiten spielen positive Rolle

So scheint es nun, dass sich in Inzlingen bereits zum zweiten Mal „etwas gefunden“ hat. Und beide Male spielten besondere örtliche Umstände dabei eine entscheidende Rolle. Schließlich ist es dem im Ort lebenden, früheren Gemeinderat Bernhard Neth-Schell zu verdanken, dass sich das Kolping-Bildungswerk Freiburg anno 2017 überhaupt darauf eingelassen hatte, den früheren Lebensmittelmarkt Drechsle wieder zu eröffnen und diesen sogar integrativ zu führen. Neth-Schell war seinerzeit Vorstand des Bildungswerkes und hatte es damals überzeugen können, etwas völlig Neues zu wagen.

Stefan Berger wiederum, der seit acht Jahren in Inzlingen lebt, erzählt, wie er noch zu Drechsle-Zeiten immer wieder mal auf das kleine Ladengeschäft geschielt und gedacht habe: „So etwas, das wär’s.“ Als aus dem temporären Leerstand schließlich der Landmarkt wurde, kam Berger bald ins Team, übernahm voriges Jahr dessen Leitung – und übernimmt in Kürze gemeinsam mit seiner 26-jährigen Ehefrau das Geschäft.

Inzlingens Infrastruktur ist vergleichsweise gut

Bürgermeister Marco Muchenberger ist heilfroh über diese Lösung, wie er im Gespräch berichtet. Nicht nur, weil der Landmarkt mit den weiteren örtlichen Betrieben bestens zusammenspannt, sondern auch wegen der Fragilität der dörflichen Infrastruktur. Gerade in Inzlingen reagierte man zuletzt sehr sensibel auf den Weggang zweier Geldinstitute, schaute genau hin, als die Deutsche Post für eine Weile im Container logierte, und fürchtete seinerzeit einen Sogeffekt, als Drechsles ihren Lebensmittelladen aufgaben.

Was nun herausgekommen ist, bezeichnet Muchenberger daher gerne als „Glücksfall“. Sein Dank gilt Bernhard Neth-Schell für dessen unermüdlichen Einsatz und auch dem Kolping-Bildungswerk dafür, dass es den Weg freigemacht hat für die Zukunft des Lebensmittelgeschäfts in privater Regie. Froh ist der Rathauschef auch darüber, dass ein junges, engagiertes Paar aus dem Ort das unternehmerische Wagnis auf sich nimmt.

Diesen Ball spielen Bergers gerne ans Rathaus zurück. „Wir werden immer toll unterstützt. Es gibt immer ein offenes Ohr, und in Gesprächen wird immer das Gemeinsame gesucht“, freut sich der Landmarkt-Chef über die gute Zusammenarbeit mit der Verwaltungsspitze. Jetzt bauen alle Seiten darauf, dass die Inzlinger „ihren“ Laden weiterhin gut annehmen und mit dafür sorgen, die für ein Dorf vergleichbarer Größe nach wie vor respektable Infrastruktur zu erhalten.

Der Inzlinger Landmarkt hat ab Dezember folgende neue Öffnungszeiten:

Mo.: 8-12.30 & 14-18.30 Uhr

Di.: 8-12.30 & 14-18.30 Uhr

Mi.: 8-12.30 Uhr

Do.: 8-12.30 & 14-19.30 Uhr

Fr.: 8-12.30 & 14-18.30 Uhr

Sa.: 8-14 Uhr.

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