Inzlingen Wenn sie nicht da ist, fehlt etwas

Tim Nagengast
Bürgermeister Marco Muchenberger überraschte Christa Kunzelmann mit einem Blumenstrauß samt Geschenkkarte. Foto: Tim Nagengast

Mit einem Strauß Blumen samt Geschenkkärtchen hat Bürgermeister Marco Muchenberger am Dienstagabend zu Beginn der Gemeinderatssitzung Christa Kunzelmann überrascht. Sie ist die treueste Besucherin der Sitzungen des Gremiums. In den vergangenen 45 Jahren hat sie nur sehr wenige verpasst. „Ein kleines Jubiläum“, wie Muchenberger fand.

Von Tim Nagengast

Inzlingen. Als Christa Kunzelmann im Jahre 1976 das erste Mal eine öffentliche Gemeinderatssitzung besucht, heißt der Bürgermeister der Gemeinde Inzlingen noch Richard Braun. Das „Fräulein“ – wie im Ratsprotokoll jener Sitzung amtlich korrekt vermerkt ist – bittet in der Bürgerfragestunde ums Wort. Die junge Frau von Ende 20 teilt mit, sie habe beobachten können, dass zwei Buben des Nachts an einer Baustellenabsperrung im Dorf die Lampen abmontiert hätten.

Fast jede Sitzung beginnt mit ihrer Wortmeldung

Doch nur aus diesem Grund ist Kunzelmann eigentlich gar nicht zur Sitzung des Gremiums gekommen. Vielmehr ist es die berufliche Neugier, welche die staatlich geprüfte Sekretärin antreibt: „Ich war nicht so gut in Protokollen und wollte daher einmal schauen gehen, wie die das im Gemeinderat so machen.“

Und dann?

„Dann hat’s mich interessiert, und ich bin wiedergekommen.“

Wieder und wieder. Denn es interessiert sie immer noch. Seit 45 Jahren hat die Frau mit dem gepflegten Erscheinungsbild und der modisch-kurzen Frisur kaum eine Gemeinderatssitzung im Waieland ausgelassen. Und wenn sie doch einmal nicht kommen kann – was selten der Fall ist –, dann meldet sie sich zuvor beim Bürgermeister ab, der dies zu Beginn der jeweiligen Sitzung dann auch stets betont. Bleibt Kunzelmanns Zuhörerstuhl – meist in der ersten Reihe – doch einmal leer, dann hat dies einen triftigen Grund.

Denn Punkt eins der Tagesordnung, die sogenannte Bürgerfragestunde, beginnt im Regelfall damit, dass Kunzelmanns Zeigefinger in die Höhe schnellt. „I wott emol öbbis sage“, beginnt die treue Zuhörerin zumeist mit ihren kurzen Ausführungen. Dies kann ein Lob sein dafür, dass der Bauhof mal wieder eine Stelle im Dorf besonders schön gestaltet hat. Aber dann und wann auch Kritik an Räten und/oder der Verwaltung. Dabei wahrt Kunzelmann stets die Form, bleibt höflich und konstruktiv, was ihr, wie sie nachdrücklich betont, auch sehr wichtig sei. „Mr derf schimpfe und kritisiere, aber mr mueß au emol lobe, wenn sie öbbis gut gmacht hen“, sagt sie.

Bekannt, wie sie ist, wird Kunzelmann gerne von Mitbürgern für die Weitergabe von Anliegen an Rat und Verwaltung genutzt. „D’Lüt chömme zue mr un sage: Du, lueg emol dört. Oder: Du, chasch du sell grad sage, wenn du in d’Sitzig gohsch?“

Und so geht es nun schon seit viereinhalb Jahrzehnten. Gemeinderäte wurden gewählt, Bürgermeister kamen und gingen: erst Richard Braun, dann Erich Hildebrand. Marco Muchenberger ist bereits der dritte Rathauschef, der Kunzelmann als verlässliche, aber kritische Zuhörerin im Publikum weiß. Und sich immer wieder freut, sie zu sehen.

Immer am Ball bleiben

„Christa, es ist schön“, sagte Muchenberger am Dienstagabend, als das Gremium wieder einmal unter dem ehrwürdigen Dachgebälk des Wasserschlosses tagte. Kunzelmann sei ein Beispiel für andere Bürger, lobte er.

Ob eine eigene Kandidatur für den Gemeinderat der Heimatgemeinde denn keine Option gewesen wäre, will der Autor dieses Artikels wissen, als er gemeinsam mit Kunzelmann über die Brücke des Wasserschlosses läuft.

Kunzelmann winkt ab. Sie habe vor Jahren in der Tat darüber nachgedacht, aber es wäre dann einfach zu viel gewesen. „Bei meinen ganzen Ehrenämtern!“

Stimmt. Seit 1953 ist die Tochter eines Gründungsmitglieds im Turnverein Inzlingen aktiv. Zum Beispiel als „Zetteli­maidli“ beim legendären Schlosspokalturnen. Und Senioren betreut Kunzelmann auch einige, singt mit ihnen, unterhält sich, bereitet den alten Menschen Freude auf vielerlei Weise. Ganz zu schweigen von Korrekturlesearbeiten – und, und, und. Wer Christa Kunzelmann kennt, weiß, dass es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, alles aufzulisten, was sie tut.

Wie gut, dass die Gemeinderatssitzungen in Inzlingen zumeist erst um 20 Uhr beginnen, nicht wahr, Frau Kunzelmann? Sie kommen doch weiterhin?

„He jo, so lang dass i gsund bi uf jede Fall!“

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