Kandern Aus Liebe zum Wort und zur Musik

Die junge Autorin. Katharina MevissenFoto: Jürgen Scharf Foto: Weiler Zeitung

Von Jürgen Scharf

Kandern-Riedlingen. Im Buch von Katharina Mevissen, einem beachtlichen Debütroman, der von der Literaturkritik über den grünen Klee gelobt wird, findet sich ein Satz, der auf die ungewohnte Situation bei dieser ersten Lesung im coronabedingt ausgedünnten Theater im Hof passt: „Die Friedlichkeit ist absurd und das Idyll beklemmend.“

Da sitzt also diese junge Autorin, Jahrgang 1991, die in Berlin lebt, unter dem Blätterdach der Kastanie – ein wie immer in diesem Innenhof friedliches Bild, und ein weiteres Zitat aus dem Buch kommt einem in den Sinn: „Die Abendsonne leuchtet durch das Blattwerk der Kastanie“.

Nur 20 Zuhörer verteilen sich in den mit Zollstock abgemessenen Abständen in dieser ländlichen Theateridylle. Das wirkt eigenartig, ist „in mancher Hinsicht herausfordernd in diesen seltsam wirkenden Zeiten“, wie Dorothea Koelbing zu Beginn sagt. Die Eröffnung der 28. Spielzeit in Riedlingen sei noch nie eine so luftige Veranstaltung mit so viel Raum gewesen...

Die junge Autorin schien beeindruckt von dieser Lesung als besonderem Format. Es sei nicht selbstverständlich, unter solchen widrigen und interessanten Bedingungen zu lesen, meinte sie. Ihr Roman mit dem Titel „Ich kann Dich hören“, eine gelungene literarische Fiktion, ist sehr experimentell in der Sprache, schichtet verschiedene Ich-Erzählerperspektiven übereinander. Er handelt von den Klängen, von der Liebe zum Wort und der Kraft der Musik, und ist in einem spielerischen Rhythmus und einer musikalischen Sprache konstruiert.

Die Autorin ist aber keine Musikerin, und doch hat sie sich so in die Klangwelt hineinversetzt, dass es ihr spielend gelingt, Musik zu „erzählen“. Ein Buch über das Hören, Zuhören und Weghören, was sich schon in der Hauptfigur niederschlägt: einem jungen Cellospieler.

Osman, 24, türkischstämmig, studiert Cello, übt lustlos, bereitet sich auf eine Prüfung vor. Er kann selbst nicht gut zuhören, was Probleme in der Familie machen wird, wenn sein türkischer Vater, ebenfalls Musiker, sich das Handgelenk bricht und seine unglückliche Tante Elide, seine Ziehmutter, ihn um Hilfe bittet.

Viel lieber flüchtet sich der Cellostudent in die Welt und das Leben der anderen. In die Welt zweier fremder Frauen, als er zufällig an einem Bahnsteig ein herrenloses Diktiergerät findet. Der Mitschnitt eines Streits zweier Frauen, die auf einer Irlandreise sind, lässt ihn nicht mehr los, und er vergräbt sich in diesen akustischen Fund.

Ein raffiniertes Spiel mit der Wahrnehmung des Hörens, ein Buch für Hörende, für Menschen, für die das Hören der wichtigste der Sinne ist. Aber auch ein Buch über die Leidenschaft für die Musik, bei dem das Thema nonverbale Kommunikation anklingt, das in einer Geschichte über Gehörlose und Gebärdensprache plastisch wird.

Schon bei der Lesung im Hof bekommt man mit, was der knapp 170-seitige Roman verspricht: Man lernt Musik „begreifen“, erlebt, wie die Autorin das Hörbare beschreibt, also in Schrift übersetzt, was für grandiose Formulierungen sie für Klänge und das „akustische Erzählen“ findet.

Man muss aber auch sehr aufmerksam zuhören, wenn sie das schwierige Kapitel liest, in dem Osman Track für Track die Aufnahmen abhört. Hier hat Mevissen einen, wie sie selber auch andeutet, anspruchsvolleren literarischen Stil gewählt. Da wird man mit dem Protagonisten zum voyeuristischen Lauscher.

Aus der verzweigten Geschichte hörte man Auszüge von Szenen mit der Tante und im Krankenhaus. Dass es bei der Hauptfigur auch um Identitätssuche geht und die Vater-Generation den Migrationshintergrund bildet, dass man anhand der Aufnahmen ein akustisches Irland erlebt und mitverfolgen kann, wie eine Beziehung durch Stimmen entsteht – all das wird bei der Lesung und dem anschließenden vertiefenden Gespräch unter der Kastanie, bei dem Dorothea Koelbing die Fragen stellte, nachvollziehbar.

Manches wurde da klar, was sich vorher dank der komplexen Sprache nur ahnen ließ. Dazu kommt, dass Katharina Mevissen es lieber hat, bei Lesungen so wenig wie möglich zu erklären, nur zwischendurch mal etwas bei größeren Sprüngen.

„Lieben Sie die Sprache?“, fragt Dorothea Koelbing die Autorin. „Ja“, antwortet diese, „sonst hätte ich den Beruf verfehlt.“

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