Von Alexandra Günzschel

Kandern. Vom Kanderner Bahnhof aus ist es nur ein Spaziergang und man befindet sich in einer anderen Welt: Wildromantisch und schon aufgrund des Namens ein wenig geheimnisvoll kommt die Wolfsschlucht daher. Das Bild ist geprägt von hohen moosbewachsene Felsen umgeben von einem alten Wald. Farne verstärken den Eindruck der Urtümlichkeit.

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160 Millionen Jahre alte Ablagerungen des Jurameers, wie sie an einigen Orten im Markgräflerland vorkommen, bilden den Grundstock für diese bizarre Felsenlandschaft. Der Schluchtwald, der sie umgibt, wurde zum Schonwald erklärt, die Eingriffe beschränken sich auf dessen Erhalt.

„Viele Buchen, einzelne Eichen, Ahorn, Eschen und vereinzelt noch Ulmen“, so beschreibt Revierförster Reiner Dickele die Zusammensetzung des Waldes, dessen Alter er auf gut 200 Jahre schätzt. „Dies ist immer ein schöner Ort gewesen und man hat den Wald wachsen lassen“, sagt der Förster. Und so stehen forstwirtschaftliche Belange in der Wolfsschlucht hintenan. Hier geht es einzig darum, die Gesundheit und den schönen Charakter des Waldes zu erhalten.

Immer wieder sieht man Wanderer mit schwerem Gepäck auf dem Rücken durch die enge Schlucht schreiten. Sie sind auf dem 285 Kilometer langen Westweg zwischen Pforzheim und Basel unterwegs. Im Rahmen einer Qualitätsoffensive wurde die Streckenführung des Fernwanderwegs durch den Schwarzwald vor acht Jahren abgewandelt – und auch die Wolfsschlucht mit ihren eigentümlichen Reizen wollte man den Wanderern nicht vorenthalten. Unter dem Motto „Den Westweg neu entdecken“ wurde die Etappe zwischen der Wolfsschlucht und der Burg Rötteln am 7. Juli 2007 offiziell eingeweiht.

Die Westweg-Wanderer sind aber keineswegs die einzigen, die den Reiz dieser Landschaft zu schätzen wissen. Auch die Kanderner verbringen hier gerne ihre Freizeit. So ist der Rastplatz inmitten der kühlen Wolfsschlucht gerade an heißen Sommertagen ein beliebtes Ausflugsziel. Sonntags gesellen sich auch Touristen hinzu, die den Weg durch den Wald von Kandern nach Hammerstein mit einem Ausflug mit der historischen Kandertalbahn verbinden.

Einmal im Jahr sieht deshalb auch der Schwarzwaldverein in der Schlucht nach dem Rechten: Freiwillige Helfer sammeln Abfall auf, schneiden Wegweiser frei und befreien die Steintreppen von Moos. „Nur wenn wir umgefallene Bäume sehen, verständigen wir das Forstamt“, sagt Berthold Schmitz vom Schwarzwaldverein, der sich freut, dass sich die Menge an Abfall zumindest in diesem Jahr in Grenzen hielt.

„Wir haben hier ein Karstgebiet“, erklärt Förster Dickele, „wenn es regnet ist es feucht, sonst aber trocken.“ Immerhin gibt es eine Quelle in der Nähe der Kandertalbahn, die ganzjährig sprudelt. Um die so genannte Hebelquelle herum befindet sich ein kleines Erlenwäldchen. Die Erle sei ein Baum, der mit Überschwemmungen gut klar komme, sagt Dickele.

Der Förster hat aber auch Geschichten zur Wolfsschlucht auf Lager – traurige, bemerkenswerte und geheimnisvolle. So hatten sich vor ein paar Jahrzehnten Jugendliche zwischen den Felsen eine Seilbahn gebaut, ohne dass der Förster davon etwas ahnte. Die Konstruktion gab irgendwann nach, ein Jugendlicher stürzte ab und kam zu Tode.

Deutliche Spuren hinterlassen hat eine Kosaken-Einheit, die während des Zweiten Weltkriegs ein Lager in der Wolfsschlucht aufgeschlagen hatte. Noch heute sind beim Rastplatz die Hufeisen zu sehen, die von den Kosaken in den Baum geschlagen wurden, um daran die Pferde anzubinden.

Regelrecht mysteriös ist dagegen die Sage um das Brudersloch im Behlenwald, einer kleinen Höhle im Kalkgestein in der Nähe einer markanten Felsformation. Dort soll tatsächlich einmal ein „Bruder“ gelebt haben. Und um diesen Mönch ranken sich sagenhafte Geschichten. Hatte er tatsächlich ein Fläschchen bei sich, mit dem er Kieselsteine in Gold verwandeln konnte?

Um der Verfolgung zu entgehen, soll der Eremit sein Pferd umgekehrt mit Hufeisen beschlagen haben. In Basel soll er der Legende nach dann aber doch gefangen genommen worden sein. Sein Fläschchen habe er vorher noch in den Rhein geworfen. So jedenfalls steht es in der Holzener Chronik geschrieben.

Kein Wunder, dass ein solcher Ort auch die Phantasie beflügelt. Die Kanderner Autorin Ellen Heinzelmann hat ihn in ihrem Lokalkrimi „Es geschah in der Wolfsschlucht“ zum Tatort gemacht. Doch zumindest bei ihrer weiblichen Leiche in wildromantischer Felsenlandschaft kann man sich sicher sein: Es ist nicht wirklich geschehen.

Wolfsschlucht ist ein im deutschsprachigen Raum gebräuchlicher Flurname für tiefe Täler. Dabei muss der Name nicht unbedingt etwas mit dem tatsächlichen früheren Vorkommen von Wölfen zu tun haben. Gemeint sein könnte auch das an Wölfe erinnernde Heulen des Windes zwischen den Felswänden, oder es ist eine Anspielung auf eine Jagdtaktik, bei der Wölfe zwischen Felsen getrieben wurden.