Kandern Das Schlachthaus zum Tier gebracht

Mit Hilfe von Fördermitteln des Landes hat die IG „Schlachtung mit Achtung“ (SMA) in Abstimmung mit den Behörden eine teilmobile Schlachteinheit für die Rinderschlachtung entwickelt. Auf dem Kreuzegertenhof in Riedlingen wurde eine solche mobile Schlachteinheit gestern vorgestellt. Als besonderer Gast war auch Landwirtschaftsminister Peter Hauk gekommen.

Von Alexandra Günzschel

Kandern-Riedlingen. Es war ein großes Stelldichein von Produzenten, Vermarktern und anderen Personen, die das Projekt möglich gemacht haben, welche gestern auf dem Hof der Familie Weber zusammenkamen. Begrüßt wurden sie von Thomas Mayer, einem der Begründer der IG „Schlachtung mit Achtung“.

„Wir haben schon einiges erreicht“, blickte Mayer auf die drei Jahre seit der ersten Probeschlachtung auf dem Riedlinger Hof zurück, seinerzeit noch mit einer Wanne zum Entbluten, wie er sich erinnerte.

Mittlerweile ist die mobile Schlachteinheit (MSE) ein ausgeklügeltes System, bei dem sich das Tier freiwillig in einen Futterstand begibt, in dem es für den Bolzenschuss problemlos fixiert werden kann. Das betäubte Tier wird dann in einen für die Schlachtung umgebauten Anhänger gezogen, wo es ausbluten und im Anschluss in ein Schlachthaus weitertransportiert werden kann.

Davon, wie problemlos und schnell dieser Prozess vonstatten geht, konnten sich die Gäste gestern Mittag beim Betrachten der Aufzeichnungen überzeugen. Denn jede MSE ist mit einer Kamera bestückt, die die Vorgänge filmt, so dass sich Abnehmer rückversichern können, dass dem Anspruch einer stressfreien Tötung Rechnung getragen wird.

Mayer bedankte sich bei der Firma Hieber für die Vermarktung des besonderen Fleisches. „Wenn das Fleisch keiner kauft, brauchen wir es nicht zu machen“, betonte er. „Wir brauchen keine Fördermittel, nur Leute, die das Fleisch kaufen.“

Die Nachfrage sei im Kommen, berichtete Martin Weisslämle, Bereichsleiter Theke und Frische bei Hieber, am Rande. Seit zwei Jahren hat die lokale Supermarktkette das SMA-Fleisch im Angebot. Dank eines guten Wurstprogramms laufe die Vermarktung rund, sagte Weisslämle. Das Fleisch sei in zwei Dritteln aller Hieber-Märkte vorrätig und könne vorbestellt werden.

Eine Möglichkeit, das Fleisch deutschlandweit zu erwerben, ist die Bestellung über SMA-Fleisch, wie Julian Liewer vor Ort berichtete.

Peter Brandmaier aus Kandern, der die Anlage entwickelt hat, schilderte das Grundproblem, das man zunächst lösen musste. „Weil keine Tot-Anlieferung an der Schlachtstelle erlaubt war, musste die Schlachtstelle zum Tier.“ Dabei war ihm bei der Entwicklung der Arbeitsschutz genauso wichtig wie der Tierschutz. Denn ein panisches Tier kann auch gefährlich werden. Bei der MSE dagegen könne die Schlachtung gefahrlos von nur einer Person durchgeführt werden – und dies in durchschnittlich 37 Sekunden für bis zu 1300 Kilogramm schwere Rinder. Für den Transport ins Schlachthaus nach Wies bleiben dann noch 45 Minuten.

Wichtig für den reibungslosen Ablauf ist ein baugleiches Fressgatter, um die Tiere an die Vorrichtung zu gewöhnen. Der Kreuzegertenhof verfügt nun über ein solches Gatter. Inhaber Markus Weber führte vor, wie unproblematisch sich die Tiere mit Futter an den gewünschten Standort für die Fixierung locken lassen.

Zu den Gästen zählte gestern auch Christine Pemsel-Tritschler, Sachgebietsleiterin Tierschutz & Fleischhygiene beim Landratsamt Lörrach. Sie erklärte, dass das Veterinäramt die MSE genehmigt habe.

Minister Hauk sprach abschließend davon, dass das Tier, „das erst getötet werden muss, damit es bei uns auf dem Teller landet“, es verdient habe, mit Respekt behandelt zu werden. Er zeigte sich vom Projekt SMA überzeugt, auch wenn auf diese Art keine großen Mengen erzeugt würden. Es müsse ein Nebeneinander von großen, mittleren und auch kleinsten Produzenten geben, meinte er und wollte gerade in Baden-Württemberg auch bei Lebensmitteln mehr auf hochpreisige Nischen setzen. „Wer Gutes will, muss dafür gute Preise zahlen“, so sein Appell an die Konsumenten.

Und Hauk dachte in Bezug auf die MSE auch schon einen Schritt weiter: Als Ergänzung konnte er sich eine mobile Schlachtbox zum Ausweiden der Tiere vorstellen, so dass irgendwann vielleicht auch die Fahrt zum Schlachthaus ganz entfallen könnte.

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