Kandern Der Stadtchronist und sein Archiv

Kandern - Gut gelaunt öffnet Volker Scheer die Tür zu seinem Anwesen in Todtnauberg. Hier, umgeben von Bergen, viel frischer Luft und Ruhe, hat der Kanderner Stadtchronist sein Archiv untergebracht – eine beachtliche Sammlung über die Töpferstadt mit vielen Bildern, Namen und Daten, nach einem eigens erarbeiteten System thematisch sortiert und erfasst in 50 Aktenordnern und 200 Hängemappen.

Auf dem Tisch an der Eckbank hat Scheer für das Gespräch seine Bücher und Chroniken zu Kandern ausgebreitet. Da ist über die Jahrzehnte einiges zusammengekommen. Kein Wunder, denn das Interesse an der Stadtgeschichte wurde bei dem heute 80-Jährigen bereits als Schüler geweckt.

„Ich habe immer Glück gehabt mit meinen Lehrern“, erinnert sich Scheer. Ganz entscheidend war wohl Albert Eisele in der sechsten und siebten Klasse. Der Lehrer und Nachbar schrieb auch historische Rückblicke für die Zeitung. Seinen Schüler, der die Texte sammelte, fragte er dann oft: „War’s recht?“ „Das hat abgefärbt“, erklärt der Kanderner den Beginn seiner Leidenschaft für Lokalgeschichte.

Scheer erzählt und erzählt. Es sprudelt regelrecht aus ihm heraus. Immer wieder fallen ihm neue Anekdoten ein. Zwei Stunden später ist klar: Die Tätigkeit als Stadtarchivar ist keine Einbahnstraße. Man sucht den Kontakt zu Zeitzeugen, stellt Fragen, bekommt Hinweise und immer wieder auch historisches Material überlassen. Auf der anderen Seite wird man viel angesprochen, gibt seinerseits Hinweise oder kann mit alten Fotografien dienen. „Das viele Material soll nicht für die Schublade sein. Ich gebe es gerne weiter“, sagt der ambitionierte Hobby-Archivar.

August Macke und seine Bedeutung für Kandern schon früh erkannt

Der Chronist nimmt für sich in Anspruch, die „August-Macke-Renaissance“ in Kandern eingeleitet zu haben. Allerdings brauchte es dafür einen Anstoß. Bei Scheer kam dieser durch Ottilie Cordier, eine ältere Frau und Angehörige der Macke-Familie, die rechtzeitig vor der 1200-Jahr-Feier von Kandern im Jahr 1976 zu ihm ins ehemalige Modehaus Brucker kam mit dem Hinweis, doch bitte auch „an den Onkel August“ zu denken. Der Kanderner Werbering, den Scheer gegründet hatte, plante seinerzeit zu diesem Anlass eine Broschüre.

Scheer ließ es dabei nicht bewenden: Er traf sich mit Verwandten des berühmten Malers, der in Kandern häufig bei Schwester und Schwager im Gasthaus „Krone“ weilte. „Sie hat sich unheimlich gefreut, dass sich jemand erinnert“, berichtet er über einen Besuch bei Elisabeth Erdmann-Macke in Bonn, der Witwe des Malers, die nach dessen frühem Tod zeitweise sogar in Kandern wohnte.

Bis zur „Macke-Renaissance“ dauerte es dann aber doch noch ein paar Jährchen. Kanderner Macke-Motive in einem 2005 von Scheer herausgegebenen Kalender brachten schließlich den Durchbruch: Bald darauf gab es den August-Macke-Weg und auch die August-Macke-Schule.

Wer sich für Kandern interessiert, kommt an ihm nicht vorbei

Heute kommt niemand, der sich für Kanderner Lokalgeschichte interessiert, an dem Namen Volker Scheer vorbei. Für den Schwarzwaldverein erstellte er schon früh detaillierte Wanderkarten, auch war er Herausgeber zweier Bildbände „Kandern – in alten Ansichten“. 800 Mark legte er da schon mal hin für das Kaschieren einer alten Fotografie.

Mit der Aufgabe des Modehauses hatte der umtriebige Kanderner schließlich mehr Zeit. Finanziert durch Anzeigen und auf Anregung von Helmuth Seiter entstand im Jahr 2001 das Buch „Kandern und Umgebung“, ein Streifzug durch die Stadt und ihre Dörfer, an dem auch viele Gastautoren beteiligt waren. Wichtig war Scheer dabei auch die abgelegene Werksiedlung St. Christoph. Es sei toll, was dort menschlich geleistet werde.

Es folgten Werke über die katholische Kirche Kandern und – im vergangenen Jahr – ein Büchlein über die Epitaphe der evangelischen Stadtkirche. Akribische Recherchearbeit war dafür erforderlich, da einige der Steintafeln 150 Jahre lang im Freien lagerten und die Inschriften kaum noch zu entziffern waren. Das Heft erschien pünktlich zum 90. Geburtstag des früheren Unternehmers Adolf Kammüller, dessen Wurzeln in der Töpferstadt weit zurückreichen.

Irgendwann näherte sich auch das Stadtrechtsjubiläum in Kandern: Mit diesem Termin vor Augen wurde Scheer von Altbürgermeister Bernhard Winterhalter darum gebeten, sein wohl umfassendstes Nachschlagewerk zu schreiben: „Kandern 1810 – 2010, zweihundert Jahre Stadtrecht“. Für eine neue Auflage soll es nun aktualisiert werden.

Wie kommt man an all die Informationen? Echte Hilfe habe er nur von zwei Männern erhalten, sagt Scheer. Zum Großteil seien es Frauen gewesen, die sich erinnerten. „Wenn von fünf Befragten vier dasselbe gesagt haben, dann wusste ich, da muss was dran sein“, lässt der Chronist erahnen, wie aufwendig seine Recherchearbeit oftmals war.

Umso schöner waren die Erfolgserlebnisse. So wusste Scheer lange Zeit nicht, wer die „schöne Frau“ auf dem Foto war, die offenbar in der Werkstatt von Richard Bampi gearbeitet hatte. Ein Aufruf zur Mithilfe in der Zeitung in Freiburg brachte den Durchbruch: Es handelte sich um die Künstlerin Erna Kientz-Vogel, deren Name zuvor immer falsch geschrieben worden war.

Wichtig war dem Stadtarchivar auch die Bebilderung der Chronik: „Schließlich leben wir im visuellen Zeitalter.“ An die 6000 Fotografien hat Scheer mittlerweile digitalisiert.

Nach einem Bild sucht er aber nach wie vor: Nur zu gerne würde Scheer seine Sammlung um ein Foto des verschwundenen Porträts von Pfarrer Andreas Irion ergänzen. Denn mit seinem „Memorabilienbuch“, das ab 1825 entstand, ist Irion der erste Chronist von Kandern.

Es ist eine Lebensaufgabe, in die Scheer da wohl nicht ganz unbedarft hineingerutscht ist. „Was meinen Sie, wie viele Jahre Arbeit stecken in dem Archiv?“ Scheer bemüht sich nicht einmal zu schätzen. Er lächelt nur und sagt: „Es ist ein tolles Hobby. Es hat immer Spaß gemacht.“

Volker G. Scheer wurde am 9. Juni 1940 in Kandern geboren. Sein Abitur machte er an der ersten deutschen Wirtschaftsoberschule in Freiburg. Der gelernte Betriebswirt war 35 Jahre selbstständig mit dem früheren Modehaus Brucker in Kandern. Er war Gründer und langjähriger Vorsitzender des Werberings Kandern, 19 Jahre Stadtrat und 13 Jahre im Vorstand des Schwarzwaldvereins Kandern. Er ist Autor und Herausgeber diverser Publikationen über Kandern.

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