Kandern „Ein großer Verlust für Kandern“

Der Duft von Gänsebraten liegt in der Luft. An den festlich gedeckten Tafeln sitzen fröhliche Gesellschaften vor appetitlich drapierten Speisen. Manche sind bei der Vorspeise, andere schon beim Dessert. Fast alle Tische sind mit zufriedenen Gästen besetzt. Der erste Eindruck: So sieht kein Restaurant aus, das bald schließen muss. Doch genau das ist der Fall.

Von Alexandra Günzschel

Kandern. Es ist einer der letzten Öffnungstage im Gasthaus „Zur Weserei“ und auf der Speisekarte steht das beliebte Martinsgans-Menü – fünf Gänge inklusive Wein für 60 Euro. Das kommt an bei den Gästen. Die meisten wissen um die finanzielle Misere des Hauses.

„Wir bedauern, dass wir zum ersten Mal da sind“, sagt Arno Bürkert aus Schopfheim auch im Namen seiner Frau Angelika Beck-Bürkert. Die beiden gehören zu einem Freundeskreis, der sich jedes Jahr zum Martinsgans-Essen trifft – diesmal in der Weserei. Auch Christa Diehm und Martin Maier-Brehm gehören dazu, ebenso wie Barbara und Thomas Schaumann aus Wollbach. „Hier geht etwas Wertvolles verloren“, sagen alle – „ein schönes altes Restaurant und ein Aushängeschild für Kandern“. Von den Hotelbetten, die in Kandern nun wegfallen würden, ganz zu schweigen.

Am Nachbartisch sitzen Kathrin und Jörg Häusler mit Anne Wyss und Marcello Luzio aus Basel. Sie wurden von der schlechten Nachricht überrascht. Die Schweizer statteten der „Weserei“ zwei- bis dreimal im Jahr einen Besuch ab und bedauern, dass dies nun nicht mehr möglich ist. Das Ambiente im Restaurant, den Service und das gute Preis-Leistungsverhältnis haben sie sehr geschätzt.

Am langen Tisch daneben hat eine größere Gesellschaft Platz genommen. „Schade, dass es das Gasthaus nicht mehr gibt. Das ist ein großer Verlust für die Stadt“, sagt Marianne Wakaluk. „Kandern verliert viel dadurch“, pflichtet ihr Ehemann Alexander Wakaluk bei. Quasi zum Abschied zusammengekommen sind hier drei Schwestern mit ihren Familien aus Feuerbach.

Auch die Familie Feldheim aus Kandern nimmt Abschied von ihrem früheren Stammlokal. Christa Vollmer und Waltraud Feldheim kennen das Lokal noch aus Zeiten, als der „alte Herr Kramer“ noch da war. „Die Kinder sind hier aufgewachsen“, sagen die beiden. Auch die Damensauna des Hotels haben sie gerne genutzt.

„Ich komme seit 20 Jahren hierher und habe noch niemals schlecht gegessen“, sagt Roland Walter aus Bad Säckingen, der auch gerne mehr bezahlt hätte, voller Bedauern. Die „Weserei“ hatte er seinerzeit durch eine Hochzeit kennengelernt. Am Tisch sitzt auch der zwölfjährige Luka. „Der Salat hat auch gut geschmeckt“, hat er ein für sein Alter besonderes Kompliment auf Lager.

Die größte Gesellschaft an diesem Sonntag ist ein treuer Stammtisch aus dem Elsass, der jedes Jahr zum Martinsgans-Essen kam.

Die Wirtsleute Ullrich und Renate Kramer haben eine Welle der Solidarität erlebt, als zu Beginn des Jahres bekannt wurde, das die Traditionsgaststätte in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Dennoch ist nun mit Beginn der Wintersaison erst einmal Schluss. Am Sonntag, 17. November, schließt das Hotel-Restaurant seine Pforten.

Ullrich Kramer, der das Wirtshaus mit langer Geschichte von seinen Eltern, Anna und Gerhard Kramer, übernommen hat, will Eigentümer des historischen Gebäudes bleiben und Hotel und Restaurant verpachten. Er selbst sucht nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen, vielleicht als Koch.

Ein wenig Hoffnung hat er noch, dass die Ära Kramer in der „Weserei“ doch nicht endgültig vorbei ist. Er will seinem erst 20-jährigen Sohn zumindest die Chance geben, sich in einigen Jahren für das Haus zu entscheiden.

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