Kandern Hymne für Frieden und Freiheit

 Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Kandern-Riedlingen. Stell dir vor, es ist Vernissage und keiner geht hin. In Corona-Zeiten durchaus nicht ungewöhnlich. Alle sagen ab. Wegen Geschmacksverlust. Gute Besserung! Das ist das Wichtigste.

In seinem neuen Abendprogramm serviert sich Jürg Kienberger nicht nur einen Tee, singt und spielt Klavier für die Zuschauer im Riedlinger Theater im Hof. Er zeigt auch ein Video, in dem er selbst die meisten Rollen spielt: „Vernissage“, eine Produktion „wegen coronabedingtem Aufführungsverbot in Filmformat“.

Da sitzt er also am altertümlichen Piano, und man glaubt einen pandemiegeschädigten arbeitslosen Barpianisten vor sich zu sehen. Schließlich stammt Kienberger ja aus einer berühmten Hoteliersfamilie aus Sils-Maria. Und die Kaffeehaus-Melodien haben sich ihm durch das Hotelorchester eingeprägt.

Gedämpftes Licht, am Instrument hängt eine einsame Maske, genannt Mund-Nasen-Schutz. Kienberger präludiert, improvisiert, fantasiert. Gibt er diesmal den Unterhaltungspianisten? Nein, er steht auf, zieht ein weißes Dinnerjacket an, legt die gestärkte und gebügelte Stoffserviette über den Arm und serviert sich ungelenk komisch einen Tee.

Mit wunderbarer Nonchalance

„What A Wonderful World“ spielt er zu Beginn und dann wieder am Ende, das ist die philosophische Klammer in seinem neuen Programm mit Überraschungen. Was für eine wundervolle Welt! Der berühmte Song, für Louis Armstrong geschrieben. Voller emotionaler Kraft, Hoffnung und Zuversicht (zum Mitsummen): „I see trees of green, red roses too“.

Kienberger singt mit wunderbarer Nonchalance, leichter Fistelstimme. Es rührt an, wie er dieses Protestlied gegen den Vietnamkrieg, das in einem Film als Antikriegslied verwendet wurde, gefühlvoll mit seiner zartbesaiteten, träumerischen Stimme erfüllt. Es erzählt ja von der Schönheit der Welt und den Sonnenseiten des Lebens; und wir haben ja jetzt die Schattenseiten, an die Kienberger in seinem Film subtil erinnert.

Die Intention dieses Klassikers von damals passt heute wieder als Gegenbewegung zum immer schlechter werdenden politischen Klima. Und so darf man Kienbergers liebevolle Darbietung durchaus als eine Hymne für Frieden und Freiheit betrachten. What A Wonderful World!

Da steht er vom Stuhl auf, verkleidet sich als Hausmeister, baut die Leinwand auf, grummelt und sägt hinter den Kulissen. Und dann heißt es: „Film ab!“ Kienberger besucht die Vernissage von einer gefeierten Künstlerin, es ist zufällig seine Frau Claudia Carigiet, die die ausgestellten Ölbilder, expressive Landschaften, gemalt hat. Er ist der einzige Besucher, hängt seine Maske an die Garderobe. Leere Stühle. Er hält die Laudatio über diese Frau, die ihn schon „38 Jahre aushielt“.

Kienberger als Nikolaus, Lausbub und Laudator

In diesem originellen Videozusammenschnitt einzelner Szenen sieht man Kienberger als Nikolaus, Lausbub, Empfangsdame, Laudator, Kellner, Musiker und Ehemann. Regie führt seine Frau, wie immer. Das Bühnenbild weist Reminiszenzen an seine früheren Soloprogramme auf, an der Wand im Scheunentheater hängt ein Gemälde von ihm als Zwingli, hier und da erinnert eine Nummer wie „Ich bin vermutlich wie die Sterne“ mit dem Refrain „Meine Lieder summ, summ, summ“ an seine erfolgreichen Bühnenprogramme.

„Und weiter geht es mit schönen Melodien, holen Sie sich Getränke und tanzen Sie, wenn nötig!“. Da sind wir wieder in der Hotelbar. Ballade pour Adeline, Schlagerparade, Debussysche Mondnacht, Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück...

Kienberger spielt die Rolle des Eigenbrötlers, dem der Sprachkünstler über die Schulter blickt. Er lebt seine Skurrilität am Klavier aus, aber auch seine Melancholie. Wir erleben die Einsamkeit des Künstlers in Ausnahmezeiten.

Und wir hören noch immer die Worte des Laudators in „Vernissage“, Bruchstücke, Fetzen nur: „Fassungslos gelähmt... höchst undurchschaubare Weltlage... mit ihren Verboten... man ist ja nur mit Kopfschütteln beschäftigt... wir alle sind fassungslos... Berufsverbot... Ausgangssperre... dubiose Zahlen, aus der Luft gegriffen... jetzt kommt das große Impfen...“. Auch der große Künstler und begnadete Musikspieler Jürg Kienberger kann ein Lied davon singen.

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