Kandern Kunstvermächtnis einer fast Vergessenen

Weiler Zeitung, 11.06.2018 22:37 Uhr

Kandern (bn). In bemerkenswerten Kunstbesitz gelangte dieser Tage die Stadt Kandern dank des unermüdlichen Engagements von Volker Scheer. Der jetzt in Freiburg lebende frühere Kanderner Geschäftsmann, Gemeinderat und Chronikverfasser konnte ein Konvolut keramischer Arbeiten von Erna Kientz-Vogel am Bürgermeister Christian Renkert übergeben.

Die 1945 in Bopfingen verstorbene Malerin, Bildhauerin und Keramikerin war von 1934 bis 1941 als künstlerische Mitarbeiterin in der Fayence-Manufaktur von Richard Bampi tätig. Zu den bedeutenden Kreationen ihrer Kanderner Zeit gehören die beiden fast lebensgroßen allegorischen Figuren „Brigach“ und „Breg“ im Villinger Stadtpark. Dass die Künstlerin später in Vergessenheit geriet, hat wohl mit ihrem frühen Tod – sie wurde nur 38 Jahre alt – aber auch damit zu tun, dass ihr Name in einem Standardwerk über Bampi und seine Fayence-Manufaktur falsch geschrieben wurde. Scheers umfangreiche Recherchen in ganz Deutschland und der Schweiz nach einer „Erna Kinz“ liefen deshalb immer ins Leere.

Ausgelöst wurde die Suche durch ein Foto aus den Dreißiger Jahren, das Erna Kientz-Vogel zusammen mit dem Kanderner Töpfer Wilhelm Gimbel bei der Arbeit in Bampis Werkstatt zeigt. Weitere nur fragmentarische Angaben wie „während des Zweiten Weltkriegs verstorben…“ brachten den ambitionierten Lokalhistoriker ebenso wenig weiter wie Zeitungsaufrufe und eine Fahndung über den DRK-Suchdienst.

Der Zufall kam schließlich zu Hilfe. In Rahmen einer anderen Recherche bekam Scheer Kontakt zu einem Verwandten der Künstlerin und über diesen wiederum zu deren Sohn, den vergangenes Jahr verstorbenen Freiburger Objektkünstler Peter Vogel. Ebenso zu ihrer im Großraum Zürich lebenden Tochter Hanna Sagiv. Sie ist auch die generöse Spenderin der Gefäße und Objekte aus dem Nachlass ihrer Mutter, die Scheer jetzt der Stadt Kandern für das Heimat- und Keramikmuseum überbringen konnte.

Es handelt sich dabei um eine größere Vase mit filigran gezeichnetem Figurendekor, eine kleine Vase mit floraler Unterglasurmalerei, mehrere roh gebrannte kleine Figuren zu einer Weihnachtskrippe sowie jeweils zwei glasierte kleine Musikantenfiguren, Märchenfiguren (Froschkönig-Prinzessin), glasierte Kacheln, Figurenentwürfe und vollplastische Büsten.

Eine davon ist ein Selbstporträt der Künstlerin, die 1907 in Mulhouse (Elsass) zur Welt kam und ab 1919 mit ihrer Familie in Freiburg lebte, wo der Vater Lokführer der Höllentalbahn war. Die Tochter absolvierte später ein Kunststudium in Berlin beim Markgräfler Professor Adolf Strübe. Um 1934 kam es zur Verbindung mit Kandern und 1936 heiratete Erna Luise Kientz in Freiburg den Kunstmaler Alfred Vogel.

Wegen der bedrohlichen Grenznähe Freiburgs zu Frankreich in der Schlussphase des Krieges ging sie mit den beiden Kindern zu Verwandten auf der Schwäbischen Alb. Nach dem Tod des Mannes und selbst gesundheitlich schwer angeschlagen verstarb sie dort nach der Geburt der zweiten, später von Verwandten in den USA adoptierten Tochter am 2. Februar 1945.