Kandern Mehr Wertschätzung bis zuletzt

Die IG Schlachtung mit Achtung setzt sich dafür ein, Tieren einen Tod ohne Angst und Stress zu ermöglichen. Schon der Lebend-Transport ins Schlachthaus soll ihnen erspart bleiben. Die Initiatoren haben deshalb eine mobile Schlachteinheit (MSE) für Rinder entwickelt, mit der die Schlachtung im gewohnten Umfeld der Tiere erfolgen kann.

Kandern-Riedlingen (ag). Der Prototyp ist seit einem Jahr im Einsatz. Über Direktvermarkter und die Firma SMA-Fleisch werden die damit geschlachteten Rinder vertrieben. Ihr Fleisch ist im hiesigen Handel und auch in einigen Restaurants erhältlich.

Mit der Übergabe der ersten auf Bestellung gefertigten Schlachteinheit am heutigen Mittwoch bei der MST Mobile Schlachttechnik in Kandern-Riedlingen, die den Prototyp entwickelt hat, wurde nun ein Teilerfolg erzielt. Den Käufer aus der Schweiz habe das Konzept voll und ganz überzeugt, freut sich das Team von Schlachtung mit Achtung.

Derart ermutigt hat die Interessensgemeinschaft bereits ein weiteres Ziel ins Auge gefasst: die mobile Schlachtung von Schweinen. Unter anderem über diese Pläne gab Sandra Kopf von der IG Schlachtung mit Achtung im Gespräch mit unserer Zeitung Auskunft.

Frage: Frau Kopf, die MSE ist als Futterstelle für Rinder konzipiert. Die Tiere begeben sich einzeln und freiwillig dorthin, wo sie schließlich betäubt und gleich im Anschluss geschlachtet werden. Wie würde ein ähnliches Konzept für Schweine aussehen?

Bei Schweinen wäre die Schlachtung von jeweils einzelnen Tieren zu teuer, um noch rentabel zu sein. Für sie soll ein Lkw-Anhänger konzipiert werden, in dem die Tiere zerlegt werden, die zuvor schonend und noch vor Ort in einer geplanten MSE für Schweine getötet worden sind.

Frage: Wie sieht der Prozess der Schlachtung von Schweinen derzeit aus?

In den Schlachthöfen werden die Schweine mit Kohlendioxid betäubt, das verursacht massive Erstickungsängste, und sie zeigen deutlich heftige Abwehrreaktionen. Die Fleischindustrie nutzt das Gas, weil es günstig und einfach zu beschaffen ist. Zwar wurden bereits schonendere Gase in Forschungen getestet, über das Versuchsstadium ist aber noch keine neue Betäubungsmethode hinausgekommen. Verbesserungen sind hier dringend notwendig.

Immer wieder kommt es vor, dass einzelne Tiere im Brühbad wieder aufwachen, weil sie zum Beispiel am Schlachter vorbeigefahren sind. In Großbetrieben hat er meist nur fünf Sekunden für den „Entblutestich“. Das ist dann wirklich grausam.

Frage: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Wenn es nicht im Akkord geschieht, ist momentan die Betäubung mit der Elektrozange die Methode der Wahl. Das Tier verliert dann das Bewusstsein, bevor es den Schmerzimpuls überhaupt wahrnehmen kann. Die Voraussetzung hierfür ist aber, dass dieser Vorgang sauber ausgeführt wird und die idealen Ansatzstellen für die Elektroden getroffen werden. Das Ganze sollte vor allem ganz in Ruhe und mit Sorgfalt geschehen.

Der Bolzenschuss ist bei Schweinen dagegen nicht ideal. Sie sind zwar sehr intelligent, haben aber ein relativ kleines Gehirn, das nur schwer zu treffen ist. Bei älteren Schweinen behindern zudem eine dicke Kopfhaut und breite Stirnhöhlen die Betäubung. Daher ist der Bolzenschuss nicht als Standardverfahren für Schweine zugelassen. Vielleicht wird ja irgendwann eine bessere Lösung gefunden.

Frage: Wie soll es dann weitergehen, wenn die Tiere betäubt sind?

Es soll ein spezieller Sattelauflieger angefertigt werden, in dem die Schweine gebrüht und zerlegt werden, also quasi ein fahrender Schlachthof.

Mit den toten Tieren geht es dann weiter zu den Zerlegebetrieben. Bei den Schlachthöfen findet gerade ein Zentralisierungsprozess statt, so dass lebende Tiere oft weitere Wege werden zurücklegen müssen. Deshalb wäre so ein Lkw eine tolle Lösung.

Frage: Wie weit sind diese Pläne schon gediehen?

Wir sind noch in der Findungsphase, aber der grobe Plan steht. Thomas Mayer und Peter Brandmaier von der MST-Schlachttechnik aus Riedlingen wollen einen solchen Prototyp entwickeln, suchen dafür aber noch Unterstützer. Die Idee hatten wir schon länger. Zuerst sollte aber die Sache mit den Rindern in trockenen Tüchern sein.

Frage: Gibt es bei den Schlachthöfen eigentlich Unterschiede?

Hier im Südwesten von Deutschland gibt es noch kleinere Schlachthöfe, weshalb die Wege nicht so weit sind.

Viele Leute denken aber, dass biologisch gehaltene Tiere in Bio-Schlachthöfe kommen, aber auch Bio-Tiere enden in einem normalen Schlachthof. Dieser braucht eine Bio-Zertifizierung. Sie besagt allerdings nur, dass die Bio-Tiere in einem eigenen Arbeitsgang, getrennt von konventionellen Tieren, geschlachtet und verarbeitet werden müssen.

Wir aber wollen, dass eine gute Haltung mit einer schonenden Schlachtung verbunden wird, und so eine komplette Wertschätzungskette für das Tier entsteht.

Frage: Wie stellen Sie sicher, dass diese Vorstellung auch in Ihrem Sinne umgesetzt wird?

Von den mit der MSE geschlachteten Rindern gibt es Videos, die den Prozess nachvollziehbar machen. Die Tiere gehen alle freiwillig in den Betäubungsstand, ansonsten brechen wir den Vorgang ab. Auch die Landwirte und Schlachter wissen, dass wir alles aufzeichnen. Das gibt Sicherheit. Sonst könnten wir es auch gleich lassen.

Letztlich handelt es sich dabei um eine Verbesserung für Mensch und Tier. Denn das Verladen von lebenden Rindern zum Transport kann ja durchaus auch gefährlich werden.

Frage: Der aufwendige Prozess erklärt sicherlich auch die höheren Preise für das SMA-Fleisch. Wie würden Sie Konsumenten dieses Fleisch schmackhaft machen?

Zunächst einmal ist es ein anderes Gefühl, Fleisch zu essen, wenn man weiß, dass das Tier nicht leiden musste.

Andererseits wirkt sich der Stress bei einer regulären Schlachtung auch auf die Fleischqualität aus. Die Stresshormone werden nicht mehr abgebaut. Natürlich spielen auch die Haltung und Fütterung eine Rolle. Dennoch ist unsere Fleischqualität eine ganz andere.

Weitere Informationen: www.schlachtung-mit-achtung.de; www.sma-fleisch.de

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