Kandern Voll Liebe und Verzweiflung

Berührende Lesung: Natascha Wodin liest aus ihrem vieldiskutierten und prämierten Mutter-Buch vor, eine dokumentarische Recherche auf den Spuren ihrer Mutter vor.                                                                  Foto: Jürgen Scharf Foto: Weiler Zeitung

Von Jürgen Scharf

Kandern-Riedlingen. „Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe“. Ein immer wiederkehrender Satz ihrer Mutter und der Kehrreim von Natascha Wodins Jugend. Es ist auch ein Schlüsselsatz in ihrem autobiografischen Roman „Sie kam aus Mariupol“, eine dokumentarische Recherche auf den Spuren ihrer Mutter.

Ruhig, bedächtig, in stetem Sprachfluss liest Natascha Wodin im Theater im Hof nicht unter der Kastanie, sondern wegen der Intimität des Textes und der Konzentration auf die Autorin in der Scheune, was sich nach Beginn der Lesung wegen des Regens zusätzlich empfahl. Es wurde, wie Dorothea Koelbing-Bitterli resümierte, ein literarisch-historisch bewegender Abend.

Zwar handelt diese schicksalhafte Biografie von der Suche nach den Wurzeln der Mutter, doch es ist auch eine Suche nach der eigenen Identität. 1956, als Natascha gerade zehn war, beging die psychisch kranke Mutter Selbstmord. 36 Jahre alt war sie, als sie sich das Leben nahm, die Zwangsarbeit zuvor hatte sie überlebt. 1944 war die schwer traumatisierte junge Slawin zusammen mit ihrem Mann vom stalinistischen in den Nazi-Terror gekommen, aus der Sowjet-Ukraine ins Hitler-Deutschland verschleppt worden. Natascha kam 1945 in einem deutschen Lager für „displaced persons“ zur Welt. Sie erinnert sich noch heute genau an die Baracke, in der sie aufgewachsen ist.

Es ist ein Mutter-Buch, aber auch ein Erinnerungsbuch und ein Familienroman. Viel Familienforschung fließt in diesen belletristisch-dokumentarischen Bericht, der ohne Fiktion, dafür realitätsgenau aufgeschrieben ist. Es ist auch ein existenzielles Buch über ein Schicksal wie Sein oder Nichtsein.

Bücher über den Holocaust gibt es ja genug, aber über Zwangsarbeit findet sich nur wenig. Eine ungeheure Recherche war notwendig – und ein Zufallsfund. Die intensive Suche beginnt auf einer russischen Internetseite. Natascha Wodin tippt den Namen ihrer Mutter in eine Suchmaschine und traut ihren Augen kaum: „Also, man muss sich mal vorstellen: eine junge bedeutungslose Frau, die vor 60 Jahren in Deutschland gestorben ist. Wie kommt die ins russische Internet? Das kann eigentlich nicht sein. Das Rätsel war, meine Mutter hatte einen sehr berühmten Onkel. Das war der erste russische Experimentalpsychologe und ein Philosoph“.

Nach dem Umzug ins Nachwende-Berlin hat die Autorin Dinge erfahren, von denen sie nichts geahnt hat. Denn ihre Mutter, eine „armselige, verschreckte Gestalt, geduckt“, die sie immer „im sibirischen Schnee und im altmodischen grauen Mantel mit Samtkragen und Samtstulpen“ gesehen hat, stammte aus einer großen multikulturellen Familie und hatte eine baltendeutschen adelige Großmutter. „Ich“, gesteht Natascha Wodin, „war ein verängstigtes Russenkind“.

Es ist ein verzweifelt-liebevolles Buch, behutsam geschrieben und erfüllt mit menschlicher Wärme. Die Zuhörer verstanden die Aufarbeitung dieser Geschichte als ein literarisches Mahnmal. Während die Mutter in diesem Roman ein Gesicht bekommt, bleibt der Vater blass und gesichtslos. Aber dem Bestseller über ihre Mutter, für den sie 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, ließ Wodin mit „Irgendwo in diesem Dunkel“ einen Fortsetzungsroman folgen: das Vater-Buch. Vielleicht sollte sie daraus in der nächsten Hof-Saison lesen.

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