Kandern Von der Eiszeit bis zur Neuzeit

Der Vortrag des ehemaligen Forstdirektors Martin Groß über den Wald in der Stadtbücherei stieß auf großes Publikums-interesse. Foto: Alexandra Günzschel

Kandern - Vor vollem Haus hielt der pensionierte Forstdirektor Martin Groß am Mittwoch in der Stadtbücherei einen Vortrag über den Wald im Wandel. Dabei nahm der Referent sein Publikum mit auf eine Reise durch 1700 Jahre Waldgeschichte, gespickt auch mit wissenswerten lokalen Bezügen. Die Einnahmen des Abends werden dem Förderverein der Stadtbücherei zugute kommen.

Über die Jahrhunderte hinweg war der Wald schon vielen klimatischen Veränderungen ausgesetzt, so eine Erkenntnis des Referenten. Und er fing gleich mit einem Extrembeispiel an: Die letzte Eiszeit hatte die Bäume nach Süden hin verdrängt. Doch an den Alpen beziehungsweise Pyrenäen war Schluss, weshalb die Vielfalt an Baumarten heute in Nordamerika viel größer ist als in Europa. Dort versperrten keine Gebirgsketten den Weg nach Süden, von wo aus sich die Arten später wieder in Richtung Norden ausbreiteten konnten.

6000 Jahre vor Christus war der Kontinent von wildem Urwald bedeckt. Die Temperaturen lagen um drei Grad höher als heute.

Die Menschen waren Jäger und Sammler. Von Ötzi, er lebte vor mehr als 5000 Jahren, wisse man, dass seine Ausrüstung aus 17 verschiedenen Holzarten bestand.

Der Mensch und der Wald

Schon früh war der Wald auch – in weit stärkerem Ausmaß als heute in Europa – den Bedürfnissen der Menschen unterworfen. Davon, so Groß, zeugen Gewannnamen wie der „Mohrensattel“. Mutterschweine wurden im Alemannischen Mohren genannt. Sie wurden in den Wald getrieben, wo es Bucheckern und Eicheln gab.

Seit 4000 Jahren herrschen in Deutschland ideale Bedingungen vor allem für die Buche. „Ohne den Menschen gäbe es in ganz Deutschland Buchenmischwälder“, erklärte Groß.

Die ersten entscheidenden Veränderungen erlebte der hiesige Wald mit der Besiedlung durch die Alemannen im Mittelalter. Der Wald wurde bald extensiv genutzt, ja regelrecht ausgebeutet. Besonders die Tannenbestände seien stark zurückgegangen, da sie empfindlich waren gegen den Verbiss durch die vielen Tiere, sagte Groß.

Auch Äste wurden gerne an das Vieh verfüttert. Darauf weise zum Beispiel der Gewannname „Hohe Stückbäume“ hin. Auf dem Heuberg wurde im lichten Wald wohl Heu gewonnen. Der Köhlgarten lieferte Holzkohle für Basel. Und „Egerten“ deutet auf eine extensive Feld- und Graswirtschaft hin.

Holz war genauso Brennmaterial wie Werkstoff, und der Verbrauch war sechs- bis achtmal so hoch wie heute.

Die Wende

Die Wende für den Wald kam Mitte des 18. Jahrhunderts. Hans Carl von Carlowitz hatte das Prinzip der Nachhaltigkeit in die Welt gebracht. Das Übrige tat die zunehmende Industrialisierung. Ein Meilenstein war Groß zufolge auch das fortschrittliche Badische Forstgesetz von 1833, das die Waldbewirtschaftung regelte.

Nachgepflanzt wurden vor allem schnell wachsende Fichten. Noch war ihre Anfälligkeit bei Stürmen und für Käferbefall unbekannt. Die Fichte ist aber auch der Verlierer der aktuellen Klimaveränderungen. Eigentlich sei es dieser Baumart bei uns längst zu warm und zu trocken.

Der Kanderner Wald

In Kandern besteht nur noch acht Prozent der Waldfläche aus Fichten, zu Hochzeiten lag der Anteil bei 15 Prozent. 75 Prozent der Waldfläche macht dagegen Laubholz aus.

Glück hatte Kandern mit seinen Douglasien. Groß zufolge haben sie sich als einzige nicht heimische Baumart erwiesen, die erfolgreich in deutsche Wälder integriert werden konnte. Und auch für den Klimawandel scheint der nordamerikanische Einwanderer gut gerüstet zu sein.

Der Wolf kehrt zurück

Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Wolf auch den äußersten Südwesten der Republik zurückerobert habe, war sich Groß sicher. Zu 90 Prozent ernähre er sich von Rehen, Hirschen und Wildschweinen, machte er deutlich. Und die seien derzeit leichte Beute, da sie die vom Wolf ausgehende Gefahr verlernt hätten.

Groß riet zur Gelassenheit: Von den scheuen Wildtieren gehe für den Menschen kaum Gefahr aus. Dahingegen gebe es jährlich 10 000 Beißattacken durch Hunde. So bekomme der Waldspaziergang wieder einen Touch von Abenteuer, meinte er.

Er sprach sich aber auch dafür aus, Problemwölfe, die Kontakt zu Menschen gehabt haben, zu entnehmen.

Der Klimawandel

Der Klimawandel ist in der Forstwirtschaft schon lange ein Thema. Es kommt bei den einzelnen Arten zu Verschiebungen in den Höhenlagen. „Wie warm wird es werden?“, ist deshalb eine Frage, die sich ein Förster im Hinblick auf Neuanpflanzungen stellen muss. Man setze auf weniger anfällige Baumarten und genetische Vielfalt, erklärte Groß.

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