Kandern Wortwitz, Komik und Skurrilität

Zeitlos in einer Reihe mit Kleist und Lenz: Sebastian Krämer im Riedlinger Theater im Hof Foto: Dorothee Philipp Foto: Weiler Zeitung

Von Dorothee Philipp

Kandern-Riedlingen. „Wenn Se so ne Fluchtleuchte nicht sehen, dann is echt“ – Sebastian Krämer, Chansonnier mit den Weihen höherer kultureller Bildung und einem frappierenden Sinn für Komik, bringt es auf den Punkt: In seinem Lied „Im Planetarium“ reflektiert er über nachgemachte und echte Realität und die Rolle der grünweißen Notausgangslichter als Ankerpunkte in virtuellen Welten.

Im Riedlinger Theater im Hof unterm nächtlichen uralten Kastanienbaum scheinen die digitalen Welten ein Universum weit entfernt. Die „Bühne“ im offenen, ebenfalls uralten Vorratsschuppen, auf der sich schon Kleist und Lenz in schier authentischer Erscheinung materialisiert haben, verwandelt auch einen Chanson-Künstler wie Krämer in eine Figur von zeitloser Bedeutung. Seine „vergnügten Elegien“ sprühen vor Wortwitz, Komik und Skurrilität. Das gediegene Großbürgerlichkeit verströmende Uralt-Klavier perlt mit chopinhafter Eleganz, schnuppert ab und zu an Bach und Debussy, um dann unvermutet in dröhnendes Boogie-Woogie-Gelächter auszubrechen.

Der Mann mit der Attitüde des gut gekleideten altklugen Klassenstrebers mit pittoresk um sich selbst verzwirbelter Krawatte ist ein Meister der Tasten, zwingt das Klavier in die Rolle des kongenialen Mitspielers. Für das „Lied über das bildkünstlerische Schaffen von Ernst Barlach“, das Krämers Fans so dringend in zahllosen Mails eingefordert haben, rekrutiert er zusätzlich einen Mann aus dem Publikum.

„Horst“ darf sich als Freiwilliger mit einem Buch in der Pose von Barlachs „Buchleser“ auf die Bühne setzen, ein lebendes Standbild sozusagen für die fantasievollen und unkonventionellen Betrachtungen zur „bronzenen Schrift“ und zum „bronzenen Blick“ die unversehens in einen philosophischen Exkurs zu Zeitlichkeit und Endlichkeit ausarten.

Panoptikum von skurrilen, unerwarteten und komischen Situationen

Der „Glanz der Vergeblichkeit“ fasziniert Krämer mehr als das „Erwähnen von Politikern“ („Nein, das mach‘ ich nich“), was ihn ja in die Nähe von hundsgemeinen Kabarettisten brächte. Dafür haben es ihm menschliche Urfragen nach Sinn und Ziel und eben auch nach Vergeblichkeit mehr angetan als billige Promi-Schelte. Die motivischen Fundstücke, die er verarbeitet, ergeben ein ganzes Panoptikum von skurrilen, unerwarteten und komischen Situationen: Puppi Duppi, die die Nacht im Garten verbracht hat, der Drachentöter, der mit Spezial-Equipment auszieht, im Inneren des Berges das Ungeheuer zu erlegen, Patricks Zimmer, das sich gegen Veränderungen aller Art sträubt und in dem das pubertäre Chaos auf ewig eingefroren scheint, das Kochbuch der Kannibalen, in dem sich auch vegetarische Rezepte finden, die in eine hexische Valse Noir gekleidete Metamorphose der einstigen Gothic-Queen zur mit Tüten und Kindern behängten Hausfrau im Linienbus, wo der Fokus auf einmal ganz nah auf das Salz auf der Brezel zoomt.

Auch sein Frühwerk ist beachtlich: In einer durch verständnislose Anmerkungen des überforderten Lehrers verunzierten Deutschklausur „Erörterung“ gab Krämer einst eine schlüssige Antwort auf die Frage, ob es richtig war, dass Max Brod sich dem letzten Wunsch seines Freundes Franz Kafka widersetzt hat, als dieser verlangte, dass sein Nachlass vernichtet wird. Krämers Fazit nach langen, herzerwärmenden Abschweifungen zur damaligen raumgreifenden Banknachbarin Finja Hernandez: Es war nicht richtig. Brod hätte Kafkas Werk verbrennen müssen, um es vor dem Deutschunterricht zu retten.

Und wie war das nun mit dem Glanz der Vergeblichkeit? Strahlt er aus dem Koffer, den Samuel L. Jackson und John Travolta in „Pulp Fiction“ abholen und von dem niemand weiß, was da drin ist? Oder aus der Tür, die Kafkas Türhüter in „Vor dem Gesetz“ schließt, nachdem sich der „Mann vom Lande“ davor buchstäblich zu Tode gewartet hat?

Das Publikum lauscht und applaudiert fasziniert und darf sich bei der Zugabe über „Mein Bruder“ aus Krämers Album „Lieder wider besseres Wissen“ freuen.

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