Kandern Zwingli als Bob Dylan-Fan?

Der Schauspieler und Musiker Jörg Kienberger kam als Zwingli ins Theater im Hof und beleuchtet in seinem neuen Solo die Kindheit des Reformators. Foto: Jürgen Scharf Foto: Weiler Zeitung

Von Jürgen Scharf

Kandern-Riedlingen. Wenn Zwingli heute leben würde, wäre er vielleicht ein Fan von Bob Dylan oder Pink Floyd. Das jedenfalls suggeriert Jürg Kienberger in der Musikauswahl seines neuen Bühnensolos „Ein fernes Lied aus Zwinglis Kindheit“.

„We Don’t Need No Education“? Kann ja nur ironisch gemeint sein, denn Klein-Zwingli bekam ja schon mit fünf Jahren Unterricht bei seinem Onkel, dem Dekan Bartholomäus Zwingli. Bereits als zwölfjähriger Studiosus lernt er ein Mädchen kennen, „viel zu schön“, mit „spitzen Brüstli“. Zwingli war den Frauen nicht abgeneigt, das Zölibat sollte weg. Musikalisch war der Junge obendrein, auch wenn er später in der Kirche keine Musik zuließ. Am allerliebsten spielte er Hackbrett.

Das Leben von Huldrych (Taufname: Ulrich) Zwingli gibt viel zu viel her, um es an einem Bühnenabend darzustellen. Und so konzentriert sich der geniale Jürg Kienberger, einer der Lieblinge im Theater im Hof, auf die Kindheit des 1484 geborenen Huldrych und setzt seine Fantasie in Gang. Die fiktive Biografie mit einem glaubhaften Briefwechsel des kleinen Jungen mit seiner Mutter (Regie und Co-Texterin: Claudia Carigiet) ist ein literarisch-musikalisches Sandkastenspiel, bei dem auch mal ein Wägelchen über die Bühne gezogen wird.

Beleuchtet wird die Geschichte des intelligenten, wissbegierigen und fleißigen „Götti-Bub“, der eine behütete Jugend erlebt haben muss. Auch seine Zeit an der Lateinschule Basel wird gestreift, und am Horizont leuchtet schlaglichtartig der Kurs des ersten Reformators der Schweiz auf. Man sieht ihn schon eifrig an der Kanzel predigen, einem guten Glas Rotwein nicht abgeneigt, umsorgt von einer thailändischen Haushälterin, von der er etwas über Karma, Buddhismus und Wiedergeburt lernt...

Kienberger trägt eine schwarze Tracht, wie man Zwingli von alten Gemälden kennt. Die schwarze Reformatorenmütze reißt er immer wieder vom Kopf und den Reformator vom Sockel. Unter der wuscheligen Perücke sieht er aus wie ein mittelalterlicher Beatle, und seine Schauspielerei erinnert immer wieder an Nestroysche Komik. Akrobatisch-gelenkig ist Kienberger auch noch, wenn er sich, den Federkiel in der Hand, ins Stehpult zwängt, wo eine kleine Zwingli-Marionette baumelt.

Erzählt wird in mehreren Zeitsträngen und Ebenen, zeitlos, historisch, heutig. Dieses szenisch-musikalische Solo ist ein subtiles Spiel, sogar mit einer Spieluhr, und natürlich mit Musik, ohne die ein Kienberger-Abend nicht denkbar wäre. Seine musikalischen Einfälle sind ja schon Kult. Diesmal ergänzt der Schweizer Musikdarsteller sie noch um ein herziges Schlaflied zum Schattenspiel, um Jux und Tollerei, und erzählt Huldrychs Jugendjahre mit Ernst, Ironie und tieferer Bedeutung.

Alles ist wunderbar spielerisch in den Lebenslauf des Jungen verwoben und ergibt eine spannende Bühnenfigur; alles kommt leichtfüßig daher, verspielt, und doch mit ernstem Hintergrund. „At his best“ ist Kienberger, wenn er sich ans Klavier setzt und den Schopf rockt: Holzrock in Riedlingen. Hut ab, dass er für diese Rolle eigens Hackbrett gelernt hat, das Instrument perfekt beherrscht und mit einem eigenen Ohrwurm-Walzer einprägsam vorführt. Vielleicht jodelt er in diesem Programm ein bisschen zu viel, so typische Schweizer Naturjodler, aber das kann man als ein fernes Echo aus Zwinglis Kindheit deuten.

Eine gute Stunde lang haben wir Zwingli, Teil eins gehört, ein Spiel um Ulrichs Jugend. Was gäbe es da nicht noch alles aus diesem ereignisreichen Leben? Vom Streitgespräch mit Luther und den theologischen Differenzen, dem Bildersturm, Ablasshandel und Zwinglis Rolle in der Täuferbewegung bis hin zu der von ihm geforderten Priesterehe. Das Ein-Mann-Stück ruft geradezu verdächtig nach einer Fortsetzungsgeschichte!  Heute, Samstag, 21 Uhr

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