Kleines Wiesental BUND kritisiert „Sofortmaßnahme“

Der Umgang mit dem an mehreren Stellen im Wald des Kleinen Wiesentals abgelagerten Straßenaufbruchmaterial treibt Naturschützer weiter um – parallel zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen. Insbesondere der Bereich Vordergrundbach auf Gemarkung Neuenweg, wo jüngst Einebnungen stattgefunden haben, wird sehr kritisch gesehen. „Dort wird nach wie vor das Gewässer verunreinigt“, sagt Dieter Berger.

Von Peter Schwendele

Kleines Wiesental. Der BUND-Mann spricht vor Ort von mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) kontaminiertem Boden auf dem Areal mitten im Neuenweger Wald, in dessen unterem Bereich der gleichnamige Bach vorbeifließt. Mit einem PAK-Detektor, einer Sprühdose, die eine entsprechende Verfärbung anzeigt, wird Berger bei einzelnen Teerstücken und anderen Brocken fündig.

Hangeinebnung stößt auf wenig Gegenliebe

Der Bereich wurde nach einem Hangrutsch mit Baggern eingeebnet und befestigt – nach Ansicht von Dieter Berger und Bernd Fischbeck, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Schwarzwald Vernunftkraft, der im Februar Strafanzeige wegen Ablagerung von PAK-haltigem Straßenabraum gestellt hatte, allerdings ohne das belastete Material vorab ausreichend zu eliminieren. In dem kompletten Areal sei geschreddertes Straßenaufbruchmaterial zu finden, monieren Berger und Fischbeck.

Dazu sei die Umgestaltung des Areals auch noch unfachmännisch abgewickelt worden. BUND-Mann Berger verweist auf Risse, die sich mittlerweile in dem eingeebneten Bereich oberhalb des Bachs zeigen. Dort dringe Regenwasser ein, löse PAK vom Gesteinsmaterial und leite die gesundheitsgefährdenden Stoffe ins Erdreich und in den Bach weiter. „Und alles, was im Bach fließt, wird früher oder später Trinkwasser“, sagt Berger.

Auf Nachfrage des Markgräfler Tagblatts erläutert Bürgermeister Gerd Schönbett, dass die Maßnahme vor etwa vier Wochen in Absprache mit dem Landratsamt Lörrach erfolgt sei. Man habe den Bereich als „Sofortmaßnahme“ aufbereitet, belastetes Material entfernt und im unteren Bereich zum Bach hin einen sogenannten Sandfang aufgestellt, um möglicherweise noch abgehendes Erdreich oder Gestein aufzuhalten. Man habe schnell reagieren wollen, um zu verhüten, dass aus diesem Bereich, der zwar an ein Biotop grenze, aber nicht im Naturschutzgebiet liege, bei eventuellem erneuten Starkregen Material in den Bach gelangt.

Die Arbeiten habe der Werkhof der Gemeinde durchgeführt, die Kosten würden allerdings den Verursachern der Materialablagerung, einer Baufirma und einem Privatmann, in Rechnung gestellt, berichtet Schönbett. Das Ganze sei zwischen Landratsamt und der Baufirma, auf die der Löwenanteil des besagten Straßenaufbruchs entfällt, vereinbart worden; die Gemeinde Kleines Wiesental habe dabei vermittelt.

Schönbett: Material ist unbedenklich

Gleichzeitig bekräftigt der Bürgermeister, dass das Material in diesem Bereich mehrfach beprobt und für unbedenklich erklärt worden sei. Dieses grundsätzliche Ergebnis werde vom Landratsamt als direkt zuständiger Behörde akzeptiert. „Wenn man seitens des BUND immer wieder anderes behauptet, macht es das nicht richtiger“, so Schönbett. Dass in einem eingeebneten Bereich Risse entstünden, wenn das Erdmaterial trockne, liege im Übrigen in der Natur der Sache.

Die Einschätzung von BUND-Mann Dieter Berger fällt dagegen komplett anders aus: „Hier liegt ein eindeutiger Verstoß gegen Paragraf 324 des Strafgesetzbuchs wegen Gewässerverunreinigung vor.“ Und Bernd Fischbeck ergänzt: „Das darf so nicht passieren.“ Berger und Fischbeck hoffen, dass die Staatsanwaltschaft bei ihren laufenden Untersuchungen diesem Fall größere Aufmerksamkeit widmet.

Die Behörde hatte Ende August mitgeteilt, dass sie im Kleinen Wiesental 19 Stellen wegen der Ablagerung oder der Verbauung von Straßenaufbruchmaterial überprüfe. In fünf Fällen habe sich ein Anfangsverdacht einer Umweltstraftat ergeben.

„Wir sind der Staatsanwaltschaft sehr dankbar, dass sie weitergehende Ermittlungen führt“, sagt dazu Bernd Fischbeck, dessen Anzeige den Stein ins Rollen brachte, „aber freuen können wir uns erst dann, wenn all das kontaminierte Material wieder aus dem Wald entfernt worden ist.“ Es gehe darum, dass die Zerstörung der Natur beendet wird, „und dass wir uns darauf besinnen, dass wir hier ein Refugium haben, auf das wir stolz sein können und das nicht weiter misshandelt werden darf“.

Wer übernimmt Verantwortung?

Fischbeck und Berger untermauern ihre Haltung mit dem Verweis darauf, dass es viele Stellen im Neuenweger Wald gibt, an denen fragwürdiges Straßenaufbruchmaterial abgelagert worden ist. Man habe über Monate und Jahre hinweg beobachten müssen, dass Material von Baumaßnahmen im Ort mit unzähligen Lkw-Fahrten in den Wald abtransportiert worden sei. Berger spricht von „Unmengen an Material“. „Es wäre wünschenswert, wenn sich diejenigen, die für diese Abläufe verantwortlich sind, auch dazu bekennen“, fordert Fischbeck, der aber stattdessen den Eindruck hat, „dass man sich herausreden und wegducken will“.

„Sicher sind Fehler gemacht worden“, meint Bürgermeister Gerd Schönbett dazu. Er wehre sich allerdings nach wie vor dagegen, Verantwortung für die Gesamtthematik, die seit dem Frühjahr im Kleinen Wiesental diskutiert wird, zu übernehmen. „Die Gemeinde hat die gesamte Bewirtschaftung des Forsts ans Landratsamt abgegeben. Wir zahlen dafür, und dann erwarte ich auch, dass die Vergaben, die getätigt werden, korrekt sind“, sagt der Rathauschef. Und diese seien alle eigenständig vom seinerzeit zuständigen Revierförster getätigt worden. Die vier Baustofflager für Straßenaufbruch, bei denen die Staatsanwaltschaft einem Anfangsverdacht wegen ungenehmigter Lagerung nachgeht, seien dagegen Sache der an den Arbeitsmaßnahmen im Kleinen Wiesental beteiligten Baufirmen gewesen.

Im fünften Fall, in dem die Staatsanwaltschaft den Anfangsverdacht einer Straftat bejaht hat, handelt es sich um die Befestigung eines Holzlagerplatzes mit Aushubmaterial in Neuenweg im Bereich Obere Belchenhöfe, die im Naturschutzgebiet liegen. Dort müsse die Baufirma noch etwa zehn Lkw-Ladungen wieder abfahren, informierte Schönbett.

Aktuell läuft übrigens im oberen Bereich des Vordergrundbachs, von dem aus eine steile Rinne zu dem jetzt befestigten Areal führt, eine Baumaßnahme, bei der belastetes absturzgefährdetes Material ausgehoben wird, damit es nicht nach unten getragen werden kann. Das Landratsamt habe festgelegt, dass dieses Material im angrenzenden Maschinenweg verbaut werden darf, berichtet Schönbett. Die Dohle an der Steilstelle wurde entfernt, an ihrer Stelle wird eine Furt angelegt. Der Maschinenweg wird dort dann nicht mehr befahrbar sein.

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