Kleines Wiesental-Raich (hf). Unterstützt vom „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg“ veranstaltete das Kulturhaus des Kleinen Wiesentals am Samstag eine Doppellesung mit den vielfach ausgezeichneten Autoren Carola Horstmann und Ulrich Zimmermann im Kulturhaus in Raich. Mit dieser Lesung, die eine regelmäßige Einrichtung im Programm des Kulturhauses werden soll, hat der Arbeitskreis um Sonja Eiche und Agnes Liebl ein literarisches Schmuckstück geschaffen.

Der Schriftsteller Markus Manfred Jung stellte die beiden Autoren vor. Carola Horstmann, gebürtige Zellerin, begann nach Studium an der Kunstgewerbeschule und einem Diplom als Musiktherapeutin zu schreiben, als die Söhne aus dem Hause waren – Kurzgeschichten, Gedichte, Kinderbücher. Alemannisch ist die Sprache ihrer Kindheit, in der sie ihre Gefühls- und Gedankenwelt am besten zum Ausdruck bringen kann.

In ihren Kurzgeschichten tauchte Horstmann in die Welt ihrer Erinnerung ein. Wie war das, als die ersten Italiener nach Zell kamen? Vollkommen ungewohnt für die jungen Mädchen, auf der Straße mit „Bella“ angeschmachtet oder angesungen zu werden. Die Mädchen begannen, mehr auf Aussehen, Garderobe oder Gang zu achten. Es war eine Etappe des Erwachsenwerdens, eine ganz neue Erfahrung des Umworbenseins. In das leichte Gefühl des Bedauerns, den Werbungen nicht nachgegeben zu haben, mischt sich die Einsicht: „Es ist nie zu spät für einen Italiener“.

Die Werke von Carola Horstmann zeichnen sich durch viel Mitgefühl aus, gerade auch für Außenseiter. Für das Spinnli zum Beispiel, das keine Netzen spinnen kann, dafür aber Fußballtore und andere tolle Sachen. Es dauert ein wenig, bis das Spinnli Rosetta auch für ihre Spinnkünste die verdiente Anerkennung findet. Eindrücklich auch die Geschichte vom Schutzengel, als die kleine Carola beschließt, auf den Rollschuhen von Gresgen nach Zell zu fahren und erst danach sehen kann, wo und wann der Schutzengel sie vor Schadenbewahrt hat.

Ulrich Zimmermann wurde in Danzig geboren, studierte in Freiburg, war mehr als 30 Jahre im Schuldienst tätig und lebt heute in Ettlingen als freier Schriftsteller. Er ist Gründungsmitglied der Ateliergemeinschaft Wilhelmshöhe in Ettlingen und war von 2001 bis 2007 Vorsitzender des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

Zimmermann las aus den Geschichten um sein literarisches Alter Ego Dr. Friedpferd. In Reflexionen etwa über beengte Sitzverhältnisse in der Straßenbahn oder über Erlebnisse auf der Herrentoilette bei einem Konzert sinnierte der Autor anhand von Alltagserlebnissen über die „großen Fragen des Lebens“ und kam zu überraschenden Erkenntnissen oder Fragestellungen. Nach dem jüngsten Massenmord in Las Vegas und der kolportierten Erkenntnis, dass es sich bei dem Todesschützen um einen Rentner handelt, schloss sich die Frage an, ob das jetzt besser sei als wenn es sich bei dem Schützen nicht um einen IS-Terroristen gehandelt hätte. Philosophie im Alltag könnte man das auch nennen.

Die angenehme, fast intime Atelier-Atmosphäre im Saal des Kulturhauses war ideal für ein zwangloses Beieinandersein in der Pause oder nach der Lesung, um die Autoren kennenzulernen oder untereinander über das Gehörte zu sprechen und sich auszutauschen. Schöner und nachhaltiger kann man Kultur nicht vermitteln.