Kleines Wiesental Kirchengemeinde unter Zeitdruck

Der Pfarrgemeinde Oberes Kleines Wiesental rennt die Zeit davon. In diesem Jahr muss der projektierte Umbau der historischen Merklin-Orgel in der Laurentiuskirche in Tegernau klappen, sonst verfallen zugesagte Fördergelder.

Von Gerald Nill

Kleines Wiesental-Tegernau. Auch ohne garantiertes Eigenkapital aus Spenden-Aktionen spuckt die Gemeinde nun in die Hände und startet den geplanten Umbau.

Worum geht es? Die Kirchengemeinde Oberes Kleines Wiesental will die Königin der Instrumente im Zuge der Restaurierung in den Originalzustand zurückversetzen. Der Glücksfall: Beim Dachneubau der Kirche vor zwölf Jahren wurden auf dem Boden die originalen hölzernen Orgelpfeifen romantischer Bauart entdeckt. Als Jens Steinhoff auf dem Dachboden die 2,40 Meter lange Pfeife erst entstaubte, dann hineinblies und ihr einen samtweichen Ton entlockte, entspannten sich seine Gesichtszüge: „Welch’ schöne, tiefe Grundtöne!“

Es gibt nur acht erhaltene Orgeln des Freiburger Orgelbauers August Merklin; die aus Tegernau sei besonders wegen ihrer Größe und ihrer originalen, gut erhaltenen elfenbeinenen Tastatur. In den 1960er Jahren geschah etwas, was rückwirkend als Fehler angesehen wird: Die romantischen Register wurden damals gegen neobarocke Pfeifen ausgetauscht.

Pfarrer Christian Rave bestätigt, dass die Organistin sich nur ungern an das umgebaute Instrument in der Laurentiuskirche setzt. „Neobarocke Register für eine romantische Orgel - das passt irgendwie nicht“, gibt er ihre Worte wieder. „Das Instrument hat dabei seine Seele verloren“, sagt Orgelbauer Steinhoff rückblickend. „Zum Glück wurden die originalen Pfeifen nicht weggeworfen, sondern auf dem Dach eingelagert“, berichtet der Pfarrer. Andernorts seien sie einfach verbrannt worden.

Der Startschuss für das 130 000 Euro-Projekt sollte eigentlich vor einem Jahr mit einem Orgelkonzert zum Jubiläum der Orgel-Einweihung vor 125 Jahren fallen. Das fiel, coronabedingt, wie auch die geplanten Spendenaktionen aus.

Knapp 60 000 Euro sind über das europäische Leader-Förderprogramm abgedeckt, 40 000 Euro steuert steuert die evangelische Landeskirche bei, verbleiben knapp 30 000 Euro, die die Kirchengemeinde Kleines Wiesental aufbringen muss. Für das Geld intoniert der Orgelbauer die Pfeifen neu, leimt entstandene Risse und ersetzt defekte Register. Die romantische Merklin-Orgel benötigt eine kräftigere „Lunge“, sprich Windzufuhr, und der Spieltisch wird ebenfalls saniert. Ideen fürs Sponsoring gibt es bereits reichlich: „Von Orgel-Wein über Orgel-Honig und Orgelkerzen bis Orgel-Backpfeifen“, freut sich Kirchenältester Klaus Deuss schon jetzt über rege Beteiligung und tatkräftige Unterstützung seitens der Gemeindemitglieder.

„Es geht beim Umbau der Orgel um mehr als romantische Musik“ erklärt Pfarrer Rave. „Das wird das kulturelle Projekt des ganzen Tales.“ Es gehe darum, ein „nahezu einzigartiges Kulturdenkmal zu erhalten und zu neuem Leben zu erwecken“. Man könne Wanderkonzerte veranstalten, zum Beispiel von der barocken Orgel in Wies zur romantischen von Tegernau. Namhafte Organisten seien schon neugierig interessiert. Und beide Standorte könnten in den Atlas der Deutschen Orgelstraße aufgenommen werden, was die touristische Attraktivität des Kleinen Wiesentales erhöhen würde.

Nicht zuletzt solle das Projekt die Leistung der Vorfahren würdigen, die die Merkin-Orgel damals mit einem Kraftakt angeschafft hatten. 5000 Mark kostete sie damals, ein Vermögen. „Das war ein dreifacher Jahreslohn“, verdeutlicht Rave. Er ist noch im Besitz der Einladung zum Einweihungsfest der Orgel von 1895. „Eintritt mindestens 20 Pfennig“, hieß es damals. Man darf schon gespannt sein auf das Hörerlebnis nach Umbau und Restaurierung. Orgelbauer Steinhoff hat mit seinem Auftrag bereits begonnen, restauriert und intoniert die historischen Pfeifen.

Weitere Informationen: Spenden nimmt die evangelische Kirchengemeinde ab sofort entgegen unter der IBAN DE51 6835 1557 0003 0085 62.

Die Orgelbauerdynastie Merklin stammt aus dem Breisgau. Stammvater Franz Joseph Merklin (1788 bis 1857) gründete die Werkstatt in Oberhausen und verlegte sie später nach Freiburg. Aus der Familie gingen sechs selbstständige Orgelbaumeister hervor. Der in Tegernau tätige August Merklin (1860-1940) stammt aus der Enkelgeneration Franz Josephs. August lernte Orgelbau in Freiburg, seine Gesellenjahre führten ihn nach Paris, Brüssel und Lyon, wo sein Onkel Joseph Merklin wirkte. 1883 ist er wieder in Freiburg zurück und wirkt dort bis in die 1930er Jahre. Die Firma Merklin war eine der führenden Orgelbauunternehmen und ein großer Konkurrent des berühmten Aristide Cavaillé-Coll. Merklin führte einen rein handwerklich geprägten Betrieb. Seit etwa 1880 hatte die Mechanisierung und Serienfertigung im Orgelbau Einzug gehalten – nicht so in der Werkstätte Merklin. Hier wurde jedes Instrument einzeln neu konstruiert und jedes Bauteil einzeln hergestellt. Dies machte damals die besondere Qualität seiner Instrumente aus, die auch heute noch gut erkennbar ist und Merklins Orgeln von derjenigen der städtischen „Orgelfabriken“ unterscheidet.

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