Kleines Wiesental Spontan, authentisch, emotional

Markus Manfred Jung hat gesammelte Glossen in dem neuen Prosaband „Wenn i e Rebschtock wär“ herausgebracht. Fotos: Jürgen Scharf Foto: Markgräfler Tagblatt

Er hat das Notizbuch immer dabei und geht aufmerksam und mit offenen Augen durchs Leben. Und was er da so sieht und hört, das reflektiert Markus Manfred Jung gern in Zeitungsglossen und Kolumnen. Die besten dieser humorvollen Satiren hat der im Kleinen Wiesental lebende Autor jetzt für ein schön illustriertes Buch zusammengetragen: „Wenn i e Rebschtock wär“ heißt dieser neue Band, dessen Titel schon programmatisch zurück zu den (alemannischen) Wurzeln führt.

Von Jürgen Scharf

Kleines Wiesental. Immer recht lebensnah, was dem Dichter in der Landschaft auffällt, und sei es nur eine weiße Waschmaschine mit ein paar Schläuchen, die seit Monaten nicht weit von der Straße zwischen Enkenstein und Langenau mitten auf einer Weide steht. „Hät si öbber verlore?“ Aber warum steht sie gerade dort? Jung sinniert dieser „Länd-Art“ nach, erlebt die „herre- un frauelosi Wöschmaschine ohni Aschluss“ als Mahnmal für unseren gestörten Umgang mit der Umwelt.

Eine von vielen Kurzgeschichten, die Jung von „unterwegs“ registriert. Das Büchlein, bebildert mit sieben gemalten und gezeichneten Porträts älterer Menschen aus dem Kleinen Wiesental von Bettina Bohn, ist in einzelne Rubriken, Gedanken- und Themenfelder gegliedert.

(Selbst)ironische Alltagsbeobachtungen

Die Einblicke in die Schule und das Lehrersein lesen sich flüssig, die Alltagsbeobachtungen und Gedanken zur Heimat und eigenen Herkunft aus dem Alemannischen sind gern auch (selbst)ironisch. Es folgen nachdenkliche Gedanken zu jüngsten Hebelpreisträgern, eine Hommage an den humorvollen „Herz- und Hirnimensch“ Franz Hohler, den Schweizer Kabarettisten und Dichter, sowie ein Nachruf auf die „großi Dichteri Rosemarie Bronikowski“ und nette Erinnerungen an den „Engeli- und Hebelmoler“ Adolf Glattacker. Jung thematisiert auch seine Hebel-Verehrung („Hebel sei Dank“), die er mit dem Dramatiker Lukas Bärfuss teilt, der Johann Peter Hebels seit über 200 Jahren unvergängliche „Vergänglichkeit“ für das wichtigste deutsche Gedicht hält.

Jung schreibt seinen „Heimetdialekt“ auf, pflegt eine Art von „Zweischriftigkeit“, und seine literarisch und dichterisch anspruchsvolle Schreibweise orientiert sich daran, wie er spricht. Jeder Mundartdichter schreibt anders. Jung eben ein Wiesentäler Alemannisch, eine alemannische Sprachvariante.

Aber die handhabt der 66-jährige Mundartdichter virtuos. Sehr kreativ und innovativ füllt er seine „Muettersprooch“ mit alten Begriffen und eigenen erfundenen Wortschöpfungen aus. Das liest sich spontan, authentisch, direkt, emotional. Nur, bei einigen seiner Redeweisen schlägt man wohl vergeblich im „Alemannischen Wörterbuch“ nach.

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Einige Glossen auf CD eingelesen

Mundart beschränkt sich bisher eigentlich auf Mündlichkeit. Das weiß keiner besser als Markus Manfred Jung. Deswegen hat er einige seiner veröffentlichten Glossen gleich auf CD eingelesen. Denn er weiß auch, dass sich die Verschriftlichung seiner Mundart nicht immer leicht liest und sich im Originalton (des stets launig vortragenden Dichters) umso besser erschließt. Vielleicht sollte man, und das ist ein Ratschlag von ihm, einfach im Buch mitlesen, wenn der Autor seine Texte in der Aufnahme selber vorliest.

Bekanntlich wird im Dialekt ja von Ort zu Ort anders gesprochen, und es gibt auch keine Rechtschreibregeln. Als Nicht-Alemanne stolpert ein Leser womöglich über verschiedene Dialektausdrücke in Jungs individuellem alemannischem Schriftdialekt. Diese schriftliche Parallelsprache kommt oft witzig und knitzig daher. Gern auch in einer „jungen“ Sprache; man denke nur an „Ei-Pätt“ oder eine andere lautmalerische Schreibweise wie „kuul“. Da ist der ehemalige Lehrer bei der Jugend von heute, die vor allem in der Schweiz im Dialekt SMS sendet oder Kurznachrichten twittert und so ihren eigenen verschriftlichten Dialekt prägt. In einigen seiner Glossen lacht Jung über diese neue Sprachlust, das Spiel mit dem Dialekt: „Ey geil, kuul!“

Im Kapitel „Däheim in de Sprooch“ lernt man so einiges über das „Welträtsel alemannische Sprooch“ und ihre Tücken, da spielt der Autor mit kuriosen Hör- und Sprachverwechslungen. Beruhigend, dass selbst ein gewiefter Mundartler wie Markus Manfred Jung nicht alle Dialekte gut versteht. Von Berndeutsch, gesteht er in einer Geschichte, habe er in einem Gespräch nur ein Dreiviertel begriffen, von einem Walliser Stammtischgespräch, selbst bei gespitzten Ohren, nicht einmal die Hälfte.

Natürlich sollte man die Mundart anhören, aber auch „läselehre“, sagt Jung zu dieser Schriftart, die man eigentlich nicht gewohnt ist. Man sollte einen Text auch mit den Ohren „lesen“, nicht nur mit den Augen. Und sich manche dieser Glossen selber laut vorlesen, und, „wenn niemand zuhört“, über das lachen, was dabei herauskommt.

So erschließt sich bestenfalls das, was Jung mit der „Schönheit der alemannischen Sprache“ meint. Dabei ist sich der Autor bewusst, wenn er jemandem diese sprachliche Schönheit erklären soll, dass er dann meist die Antwort kriegt: „Aber dieses grauselige Kratzen im Hals, dieses Rachen-CH: chruusig tönt das doch!“.

Na ja, da ist was dran, meint Jung, denn nicht wenige behaupten auch, das Alemannische sei eine Halskrankheit. „Hals-Chranket, wenn scho“. Und „Kuss“ gehe schon gar nicht mit CH, das wäre zu hart. Das habe schon der Hebel gewusst. Darum gebe es auch ein viel sanfteres, lieblicheres Wörtchen dafür: „Schmutz“. Ebbe!

Markus Manfred Jung: „Wenn i e Rebschtock wär“, 83 Glossen und Satiren mit einem ergänzenden Essay über „Muetterschprooch und Vatterschprooch“. Bebildert ist der Prosaband mit Zeichnungen von Bettina Bohn, beigelegt ist eine CD mit einer Lesung des Autors und Zwischenmusiken von Uli Führe. Drey-Verlag, 105 Seiten, 22 Euro.

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