Kleines Wiesental Wo Tanz auf Kampfkunst trifft

Jürgen Scharf
Mit fantastischen Tanzszenen wie hier in der Kampfkunst von Yotam Peled und den „Free Radicals“ wartete das Tanzfestival in Wies auf. Foto: Jürgen Scharf

Sehr starke, emotionale, kontrastreiche und intensive Stücke waren an den fünf Tagen des internationalen Tanzfestivals im Weideschuppen Wies zu erleben. Die meisten Aufführungen waren gut besucht, so dass Veranstalterin Pilar Buira Ferre vom Kulturraum Rosenhof in Schwand sehr zufrieden ist.

Von Jürgen Scharf

Kleines Wiesental-Wies. Tanz trifft auf Kampf: In der zum Boxring umfunktionierten Maschinenhalle begegnen sich zwei zeitgenössische Tänzer und zwei Kampfkünstler. Der Abend mit der Berliner Gruppe Yotam Peled & the Free Radicals bewegte sich an der Schnittstelle zwischen Sport, Ringkampf und modernem Ausdruckstanz.

Zum Spiel kamen hier tolle turnerische Elemente, geradezu Akrobatisches, aber auch langsame Kung Fu-Kampfelemente, die mit einer Körperbeherrschung kombiniert waren, die staunen machte. Da zeigte sich eine muskulöse Tanzproduktion, in der sich der tätowierte Muskelmensch offenbart. Sogar die zierliche Tänzerin Erin O’ Reilly zeigte Kraft.

Manchmal wirkte die Choreografie wie ein Ringkampf, ging es um Rivalität, Auseinandersetzung, Konfrontation, Aggression bei Begegnungen, dann wieder war sie geladen mit Emotionen, und die Paare fanden sich in Duotänzen zusammen.

Vom Tänzerischen her beherrschte Ensembleleiter Yotam Peled die Szene in diesem experimentellen Stück, einem Work in progress, das noch nicht beendet ist, die ganze Woche über vor Ort erarbeitet und beim Festival uraufgeführt wurde.

Das Publikum saß im Quadrat um den Tanzboden. In den Ecken des „Boxrings“ kauerten die Akteure in blauen Turnertrikots und weißen Turnschuhen, wippten auf ihren Stühlen, machten Warm up, bevor es „Ring frei“ hieß.

Wo Tanz und Kampfkunst Hand in Hand gehen

Optisch sah es aus wie bei einem Ringerwettkampf und manche dieser Free Style-Kampftänze erinnerten an eine Wettkampfsituation, wenn sich die Körper umklammern und niederringen, bisweilen wie in Zeitlupe. Aber es gab auch schöne intime Duos und eine höchst sehenswerte und spektakuläre Körperskulptur in der Mitte - man könnte sie als eine herrlich getanzte Laokoon-Gruppe bezeichnen, eine verschlungene Körpersprache.

Das Tanzstück mit Tänzern und Kampfkünstlern aus Israel, Litauen, Amerika und Deutschland ging wie die meisten Beiträge im Festival über das Thema Begegnungen. Nur dass es hier stellenweise ein Spiel war, dann auch wieder ernst und Kampf.

Ein sichtlich verausgabter, aber glücklicher Yotam Peled von den „Freien Radikalen“ bedankte sich am Schluss bei der Organisatorin Pilar Buira Ferre und beim Publikum für die Großzügigkeit und das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wurde und es ihnen ermöglichte, hier so ein Experiment aufzuführen. Das sei etwas Besonderes in der Welt des Tanzes, betonte er.

Es war dieses Mal das Konzept und die Idee der Festivalmacherin, Künstler einzuladen, die sie nicht kannte und damit auch ein Risiko einzugehen. Doch die Risikobereitschaft wurde belohnt, denn es gab interessante Choreografien zu sehen. Etwa das zwölfminütige Solotanztheaterstück frei nach dem Roman „La Mennulara“, in dem die in Basel lebende Argentinierin Patricia Rotondaro eine getanzte Erzählung über eine geheimnisvolle Frau vorstellte. Der vom Roman inspirierte Tanz drehte sich um Körper, Bewegung, Charakter und brachte eine bestimmte Atmosphäre auf die Bühne, aus der man eine Geschichte „lesen“ konnte.

Erstmals ist auch Tango beim Festival zu erleben

Neben einem Kurzauftritt mit einem Vier-Minuten-Solo von Anna Vogel Buira mit improvisierten Abläufen zu einem Popsong und dem großen, mit stehenden Ovationen aufgenommenen Auftritt des Ensembles Vis à vie mit der Langversion des Stücks „Citoyen“ in der Choreografie von Pilar Buira Ferre war beim Festival erstmals auch Tango zu erleben.

Die Compagnie Estro aus Mulhouse brachte klassischen argentinischen Tango, Piazzollas Tango Nuevo, vermischt mit zeitgenössischem Tanz und Theaterelementen: eine getanzte Beziehungsgeschichte zu Live-Musik mit Bandoneon und Schlagzeug. Danach wurde erstmals zu einer Milonga eingeladen, und viele Besucher nutzten die Gelegenheit zu gepflegten Tangoschritten.

Umfrage

Zeichen

Die Fußball-WM in Katar sorgt für wenig Begeisterung. Sind Sie schon im Fußballfieber?

Ergebnis anzeigen
loading