Kreis Lörrach „D’Immli chömmen und suge“

Hebels Verse faszinieren und begeistern auch heute. Foto: Christoph Schennen Foto: Die Oberbadische

Von Christoph Schennen

Regio. 1803 erschien die erste Ausgabe der „Alemannischen Gedichte für Freunde ländlicher Natur und Sitten“ von Johann Peter Hebel. Das erste Gedicht dieses Bandes, in dem der Verfasser noch nicht genannt wurde, trägt den Titel „Die Wiese“. Auf die Spuren dieses Gedichts haben sich am Sonntag Freunde und Mitglieder des Hebelbunds Lörrach begeben. Zu ihnen zählte unter anderem auch Hans-Jürgen Schrader, von 1988 bis 2008 Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Genf, Pfarrerin Martina Schüßler und Hebeldankpreisträger.

Mit dem Reisebus ging es zunächst vom Lörracher Bahnhof zur Quelle der Wiese am Feldberg. Auf der Fahrt stellte Inge Hemberger den Literaturfreunden die Röttler Burg vor, zählte einige biografische Fakten auf und berichtete beispielsweise vom Schulbesuch auf der Lateinschule. Ab 1773 wohnte Hebel im Haus seines Förderers Karl Friedrich Obermüller in Schopfheim.

Der tägliche Weg des Neunjährigen von Hausen zur Lateinschule nach Schopfheim (als er noch nicht dort wohnte) „barfuß und ohne Schuhe“ habe den „Grundstein für das Interesse an der Natur und der Schöpfung gelegt“, so die Tourführerin.

An der Quelle angekommen

„Am waldige Feldberg, wo mit liebligem Gsicht us tief verborgene Chlüfte d’Wiese luegt“, wie es in Hebels Gedicht heißt, begann die Lesetour. Inge Hemberger zitierte den Anfang des idyllischen Gedichts, das vom freudigen Lebenslauf des Flusses erzählt. Sehr poetisch beschreibt Hebel den Ursprung der Wiese: „Im verschwiegene Schoss der Felse heimli gibohre, an de Wulke gsäugt, mit Duft und himmlischem Rege.“

Nach diesem Auftakt ging es zurück in den Bus, um nach einige Minuten am Wegrand wieder anzuhalten, wo das Vorlesen weitergeführt wurde. Inge Hemberger und Helen Liebendörfer wechselten sich beim Vortragen des Gedichts ab.

Etappe für Etappe folgten die Hebelfreunde dem Lauf der Wiese. Hebel verherrlicht in dem Gedicht die Natur, die üppig gedeiht: „Wo die liebligen Othem weiht, se färbt si der Rase grüner rechts und links, es stöhn in saftige Triebe Gras und Chrüter uf, es stöhn in frischere Gstalte farbige Blümli do, und d’Immli chömmen und suge.“

Der Mensch nutzt die Natur zwar, aber er beutet sie nicht aus – diesen Eindruck gewinnt man, wenn man Hebels Gedicht liest. Der „Hirte-Bueb“ singt freudig, „d’Holz-Ax tönet im Buchwald“.

Helen Liebendörfer übersetzt hin und wieder einige Worte ins Hochdeutsche. „S’ Wuli vo Todtnau“ sind die Gänse von Todtnau, die aus Mambach kommenden „Hätteli“ Ziegen, „wulligi Häli vo Zell“ Schafe.

Man kann die Tour sicherlich auch alleine machen, aber wahrscheinlich erfährt man ohne die Erläuterungen des Frauen-Duos einiges nicht, insbesondere dann, wenn man die alemannische Sprache nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat. Was ist etwa mit „zu de schöne Buchen“ gemeint, die der Fluss passiert? Ortsunkundige könnten hier vermuten, Bäume seien gemeint; im konkreten Fall geht es aber um die Wallfahrtskapelle „Unserer lieben Frau von Schönenbuchen und Zum Heiligen Petrus und Paulus“, in der die Wiese „e heilige Meß ahört“.

Bus hält vor dem Herrenhaus

Die Literaturfreunde besuchten die Kirche mit seinem großen Gemälde mit der Schlacht von Schönenbuchen (1444) und stiegen in die Krypta hinab, wo der Legende nach Petrus gekniet und sein Knieabdrücke im Felsen hinterlassen haben soll.

Nach einer Kaffee- und Kuchenpause in einem Zeller Gasthaus ging es auf die letzte Etappe. Der Bus hielt vor seiner letzten Station aber noch einmal in Hausen, Hebels Heimatdorf, und unterhalb der Röttler Burg direkt an der Wiese.

Der junge Johann Peter habe im Hausener Bergwerk „Steine geklopft“ berichtete Inge Hemberger. „Am Bergwerch“ heißt es in „Die Wiese“, „visperlets abe, lengt e wenig duren, und trüllt e wengeli d’Räder, was der Blos-Balg schnufe mag, aß d’Füürer nit usgöhn.“ Hier treibt die Wasserkraft den Blasebalg an, der dafür sorgt, dass das Feuer nicht ausgeht. Die Wiese sichert die wirtschaftliche Existenz der Dorfbewohner.

An der Wiese in Haagen schließlich hat man einen sehr schönen Blick auf die Burg Rötteln, deren Erscheinungsbild damals schon „verfalleni Mure“ prägte.

„In vertäfelte Stube“, berichtet Hebel in „Die Wiese“, „mit goldene Liiste verblendlet, hen sust Fürste gwohnt und schöni, fürstigli Fraue.“

Dann geht es zum Endpunkt der halbtäglichen Tour. „Feldbergs Tochter“ mündet in Kleinbasel in den Rhein.

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