Kreis Lörrach Damit aus Blindflug kein Sturzflug wird

Michael Werndorff
 Illustration: sha Architekten

Das im Lörracher Entenbad entstehende Zentralklinikum ist das bislang größte Bauprojekt im Landkreis und auch das am besten geplante, wie im Bauausschuss zu hören war. Die steigenden Material- und Baukosten sorgen derweil für eine drastische Verteuerung. Zudem muss wegen der aktuellen Lage das Energiekonzept des Neubaus überarbeitet werden.

Von Michael Werndorff

Kreis Lörrach. Die Lage spitzt sich zu: Die Baupreise explodieren, der Baupreisindex steigt, Lieferketten sind zum Teil unterbrochen, und wegen des Kriegs in der Ukraine muss das bislang auf Erdgas ausgerichtete Energiekonzept überarbeitet werden.

Jörg Lutz (SPD) brachte es angesichts der unübersichtlichen Situation auf den Punkt: „Wir sind im Blindflug, die Situation ist historisch.“ Das Sozialministerium müsse, nachdem Ende April der Förderbescheid über 191 Millionen Euro für den Klinikneubau übergeben wurde, nachlegen, war die einhellige Meinung im Gremium. „Das Land kann uns nicht alleine lassen“, meinte dann auch CDU-Fraktionschef Paul Renz.

Auf rund 314 Millionen Euro hatte der Kreis in seinem Förderantrag die Kosten des Klinikbaus beziffert. Der aktuelle Kostenstand liegt mittlerweile bei rund 372 Millionen Euro. Und die Prognose inklusive des zukünftigen Baupreisindexes beziffern die Verantwortlichen mit 387 Millionen bei einem Budget von 395 Millionen Euro, wie aus dem Bericht der begleitenden Kontrolle hervorgeht. Man befinde sich bereits jenseits der genehmigten Kosten, hieß es weiter.

Kein falsches Signal senden

Es wäre das falsche Signal nach Stuttgart, jetzt schon eine Erhöhung der Bürgschaft zu signalisieren, sagte FW-Chef Ulrich May. „Wir haben alles bestens aufgegleist. Es ist besonders bitter, nun in eine solche Situation zu geraten.“

Von einem Blindflug in vielen Bereichen sprach auch AfD-Kreisrat Wolfgang Koch. „Wir können nur beten, dass sich die Lage entspannt.“ Er merkte an, dass man sich mit der Rohbauphase noch im billigsten Teil des Baufortschritts befinde. Wirklich teuer werde es erst noch, sagte Koch. „Covid, Ukraine, China – wir sind uns der Risiken bewusst und gehen wachsam weiter“, erwiderte Landrätin Marion Dammann. Nun dürfe man sich nicht in negativen Prophezeiungen übertreffen. „Angst war noch nie ein guter Ratgeber“, sagte Dammann, die auf die sorgfältigen Planungen verwies.

Schneller Baufortschritt

Was den Baufortschritt angeht, hatte Stolpe frohe Kunde: Das Gebäude wachse schnell in die Höhe, die Arbeiten lägen im Plan, und um bei der Budgetentwicklung handlungsfähig zu bleiben, wurde der Baupreisindex (BPI) von 3,5 auf mittlerweile sechs Prozent angehoben. Doch das scheint nicht zu reichen, wie von Stolpe zu erfahren war. Und: Mit Blick auf die Summe zum Ende des Bauprojekts werde es dramatisch werden, kommentierte der Projektleiter das Budget von rund 395 Millionen Euro im Vergleich zur ursprünglichen Kostenberechnung.

Sparmaßnahmen wurden bereits umgesetzt. So gibt es Veränderungen an der Fensterlaibung (Verzicht auf Fase) und am Aufzugturm (Wärmedämmverbundsysteme anstatt Sichtbeton). Darüber hinaus bestehen Vergabegewinne, welche die derzeitigen Risiken kompensieren und als Puffer in der Gesamtbetrachtung zur Verfügung stehen.

Neues Energiekonzept

Auf den Prüfstand gestellt werden muss derweil das Energiekonzept. So sollen Hochtemperaturheizungen durch Niedertemparaturheizungen ersetzt werden, erklärte Stolpe. Erarbeitet werden sollen Stufenlösungen für die Energieerzeugung mit dem Ziel, mittel- bis langfristig fossile Energieträger zu ersetzen.

Welche Energieträger zum Einsatz kommen sollen, müsse erst noch geprüft werden. „Noch ist es offen, wie wir Wärme und Kälte erzeugen werden“, erklärte der Experte.

Gegenüber dem Terminplan führt die Neuplanung zu einem Zeitverzug von einem halben Jahr; steigen werden auch die Kosten, die im Kreistag noch beraten und beschlossen werden müssen.

Das Planungsteam habe sehr gute Arbeit geleistet, befand Eduard Behringer (FW). „Grundsätzlich gehen wir dabei mit.“ Eine Wärmepumpe habe aber Nachteile, merkte Behringer an, da bei Minustemperaturen der Strombedarf höher sei. Darüber hinaus sei die Dachfläche mit der Solarstromanlage, bezogen auf die Nutzfläche, sehr gering. Grünen-Chef Bernd Martin begrüßte die Umplanung, er regte an, mögliche Fördertöpfe anzuzapfen.

Preis nicht kalkulierbar

Zwar liegt man beim Bau im Plan, bei den Vergaben werde es aber immer problematischer, berichtete Stolpe. Zudem belasteten die Preisentwicklungen und Lieferprobleme die Unternehmen. So kommt es aufgrund nicht kalkulierbarer Preis- und Lieferrisiken zu ausbleibenden Angeboten.

Die Rohbaufirma habe bereits Gesprächsbedarf angemeldet. „Wir schauen, wie wir mit den Herausforderungen umgehen können. Eine Insolvenz wäre eine Katastrophe“, so Stolpe. Und auch termintechnisch drohe man in schwere See zu geraten, warnte Lutz.

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