Kreis Lörrach Damit Standorte nicht zu Nachteilen werden

Die Oberbadische, 10.08.2018 16:57 Uhr

Der ländliche Raum darf nicht abgehängt werden, daher greift die Strukturpolitik von Verwaltung und Kreistag ein, um diesen Teil des heimischen Kreises zu unterstützen und die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse voranzubringen. Anhand dreier Beispiele in der Region wurde jetzt das strukturpolitische Handeln veranschaulicht.

Von Michael Werndorff

Fotostrecke 3 Fotos

Kreis Lörrach. Der ländliche Raum macht flächenmäßig zwei Drittel des Kreises aus, gut 50 Prozent der Bevölkerung leben aber in urbanen Zentren, wie Landrätin Marion Dammann erklärte. Der ländliche Raum bedürfe mehr Unterstützung, um eine lebensnotwendige Infrastruktur zu erhalten, verwies sie unter anderem auf die Förderung des ÖPNV, die Ärzteversorgung oder den Breitbandausbau für das schnelle Internet. Angesichts der Preisentwicklung im Immobilienmarkt rückt der ländliche Raum immer mehr in den Vordergrund.

Koordiniert und bearbeitet werden die Fördermaßnahmen im Landratsamt von der Stabsstelle Strukturpolitik & Tourismus unter der Führung von Martina Hinrichs. In enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsregion Südwest, dem Zweckverband Breitbandversorgung der Energieagentur des Kreises und weiteren Partnern bildet die Stabsstelle ein Fördernetzwerk und berät Kommunen, Unternehmen sowie Bürger.

Dabei stehen verschiedene Fördertöpfe zur Verfügung, wie Dammann erläuterte. So zum Beispiel das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum, das Tourismusinfrastrukturprogramm oder auch Strukturfördermittel des heimischen Kreises. Hier erstellt die Stabsstelle die Vorlagen, die als Entscheidungsgrundlage für den Kreistag dienen, und begleitet die Maßnahmen fachlich, wie zu erfahren war. Jährlich stehen im Kreishaushalt 151 000 Euro für Strukturfördermaßnahmen bereit.

Schneiderhof Kirchhausen

Von der Förderung profitiert hat neben dem Nordic Center Notschrei, dem Leitbild Kandertal oder der Direktvermarktung in der Landwirtschaft unter anderem das Projekt Dachsanierung des Schneiderhofes in Kirchhausen. Der Verein zur Erhaltung des 1696 erbauten Hofs widmet sich seit mehr als 30 Jahren dem Hof, der als Bauernhausmuseum eine wichtige Rolle spielt. „Für Steinen ist der Hof eine wichtige Institution, weil er regelmäßig von Schulklassen besucht wird“, erklärte Steinens Bürgermeister Gunther Braun.

Das Strohdach auf der Ostseite konnte nach Sturmschäden mittlerweile saniert werden, berichtete Jürgen Kammerer. Die Kosten beliefen sich auf insgesamt 18 000 Euro, von denen der Kreis einen Zuschuss von maximal 3250 Euro beisteuert. Die Gemeinde Steinen beteiligte sich ebenfalls finanziell, betonte Braun, der Rest wurde durch Spenden, Eigenleistung und die Versicherung gedeckt.

Der Schneiderhof ist das einzige strohgedeckte Museum in der Region die anderen sind reetgedeckt, sagte Kammerer, der von den Aktivitäten des Vereins, der Historie des Gebäudes und seiner letzten Bewohnerin Berta Schneider und der Aufwändigkeit der Dachsanierung berichtete. Das Stroh müsse von altem Saatgut stammen und per Hand gemäht werden, weil besonders lange Halme gebraucht würden. Zuletzt kam Baustoff aus Polen und Rumänien. Letztlich hat man sich für eine Kombilösung entschieden, bei der auch Reet dabei ist.

Wie Hinrichs sagte, kämen die Bürger mit guten Ideen, wobei die Spanne sehr breit sei, wie Dammann ergänzte: „Bei der Mittelvergabe orientieren wir uns an gesellschaftlichen Ansprüchen.“

ELR-Wohnprojekt

Das zweite Beispiel gilt dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR), mit dem das Land Baden-Württemberg ein umfassendes Förderangebot für ländliche Dörfer und Gemeinden geschaffen hat. Schwerpunktmäßig sollen Hilfen bei der Gebäudesanierung und -umnutzung angeboten werden. Projektträger und Zuwendungsempfänger können sowohl Kommunen als auch Vereine, Unternehmen und Privatpersonen sein, Anträge können indes nur von Städten und Gemeinden gestellt werden.

Im Landkreis Lörrach ist die Anzahl der geförderten Projekte von neun im Jahr 2015 auf mittlerweile 44 Projekte angewachsen, das Fördervolumen stieg im Kreis auf 1,7 Millionen Euro. Von Vorteil ist, dass das Kleine Wiesental ELR-Schwerpunktgemeinde ist. Laut Bürgermeister Gerd Schönbett bringe das eine Steigerung der Förderung um zehn Prozent mit sich. In Eichholz wurde von Familie Kiefer-Cardinale ein ortsbildstörender Schuppen abgerissen und an gleicher Stelle ein Einfamilienhaus in Holzbauweise errichtet, dessen Bau mit 25 000 Euro bezuschusst wurde. Nicht nur wegen der Ausschöpfung des Wohnraums im ländlichen Raum erfuhr die Familie eine Unterstützung, sondern auch, weil CO2-bindende Baustoffe zum Einsatz kamen. „Es war eine tolle Erfahrung, wir haben von der Gemeinde viel Unterstützung erhalten“, so Jeanette Kiefer-Cardinale. Wie Hinrichs anmerkte, sei die Umnutzung von landwirtschaftlichen Gebäuden zu Wohnzwecken förderfähig. Allerdings: Das Bauen im ländlichen Raum sei laut Dammann nicht unproblematisch, schließlich müssten Splittersiedlungen vermieden werden. „Hier sind enge gesetzliche Spielräume gesetzt.“

Ausbau ÖPNV

Gefördert wird auch der ÖPNV und dessen Ausbau im heimischen Kreis, und zwar mit jährlich zehn Millionen Euro, erläuterte Erster Landesbeamter Ulrich Hoehler beim Besuch des Bertriebshofes der Firma Heizmann in Zell im Wiesental. Der Betrag dient zudem dazu, einen einheitlichen Tarif für den städtischen und ländlichen Raum zu gewährleisten. Mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplanes würden laut Hoehler Maßnahmen und Prüfaufträge sukzessive umgesetzt. So besitzt der Kreis seit Fahrplanwechsel 2016/2017 erstmals Verkehre, um die Bedienqualität weiterzuentwickeln. Dazu gehörten die Verlängerung der Linie 7310 und die Einführung von zwei Nachtfahrten auf der Linie 7300. Weitere Schritte folgten mit dem Fahrplanwechsel 2018: So verbindet im Stundentakt zwischen 5 Uhr und Mitternacht die neue Buslinie 54 „Sausenberger“ Kandern mit Lörrach, wobei das Angebot zur Hälfte durch das Land gefördert wird. Zusätzlich wurden auf der Linie 7310 die Fahrtenpaare von drei auf vier erhöht und die Linie 7300 nochmals um zwei Fahrtenpaare ergänzt.

Ein weiteres Beispiel für die Verbesserungen zeigt die Schülerverkehrslinie 9002 von Tegernau über Zell nach Gerspach, die zum Fahrplanwechsel 2017 vollständig in den ÖPNV integriert und aufgrund des ermittelten Bedarfs zudem verlängert wurde. Bedient wird die Linie mit einem kleinen, wendigen Bus der Firma Heizmann.

Eine weitere Maßnahme ist die Ausstattung der Linie 7300 zwischen Titisee und Basel mit Heckgepäckträgern. Damit habe man nicht nur Touristen, sondern auch Berufspendler im Blick, so Hoeler. Hier fördert der schweizerische Pendlerfonds mit 15 000 Franken.   Weitere Infos zu den Förderprogrammen bietet die Stabsstelle Strukturpolitik & Tourismus unter Tel. 07621/41 03 010

 
          0