Kreis Lörrach Depressionen sind kein Tabu mehr

Adrian Steineck

Kreis Lörrach - Vor zehn Jahren hat die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Kreiskrankenhaus Lörrach ihre Arbeit aufgenommen. Was sich in dieser Zeit getan hat, wie sich die Corona-Pandemie auf Menschen mit psychischen Erkrankungen auswirken kann und ab wann man sich ärztlichen Rat holen sollte, darüber hat unsere Zeitung mit Chefarzt Thomas Unterbrink gesprochen.

Auch um die Corona-Politik, den Umgang mit Impfskeptikern und die Faktoren, die an der Pandemie belastend sind, geht es im Gespräch mit dem Facharzt für Psychologie und Psychotherapie.

Frage: Herr Unterbrink, die Trierer Glücksforscherin Michaela Brohm-Badry hat kürzlich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass es total in Ordnung sei, wenn man zurzeit nicht gut drauf ist. Ab wann ändert sich der Zustand „Ich bin derzeit nicht gut drauf“ oder „Ich habe heute einen schlechten Tag“ zu „Da sollte ich mir professionelle Hilfe suchen“?

Da gilt es zu unterscheiden zwischen schlechter Laune, traurig sein oder depressiv sein. Das hat damit zu tun, ob die negative Grundstimmung gut nachvollziehbar ist und im Verhältnis zur tatsächlichen Situation steht oder ob ich mich übermäßig schlecht und gehemmt fühle. Wenn ich mich durch die momentane Corona-Situation traurig fühle, ist das ja zunächst gut nachvollziehbar. Ernst wird es, sobald ich mich defizitär fühle, sobald ich das Gefühl habe: Alle anderen kriegen es besser hin. Dann sollte ich mir Hilfe suchen.

Frage: Dann wäre es also ratsam, sich ärztlichen Beistand zu suchen?

Ich würde zunächst noch einen Zwischenschritt gehen und das Gespräch mit Freunden und der Familie, also generell mit wohlmeinenden Personen, suchen. Wenn ich auch damit nicht weiterkomme und keinen Ausweg aus der negativen Grundstimmung finde, dann sollte ich den Weg zum Arzt, zur Seelsorge, zur Beratung oder zum Psychotherapeuten suchen.

Frage: Sie haben bereits die Corona-Situation erwähnt. Ist es so, dass die Pandemielage mit ihren Unsicherheiten, ihren Einschränkungen im Alltag depressive Erkrankungen begünstigen kann?

Ja, das alles kann eine depressive Grundstimmung verstärken. Erst am Montag hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in einer Talkshow ja Vorwürfe zurückgewiesen, dass die deutsche Coronapolitik mit ihren international eher etwas strengeren Maßnahmen für die Zunahme psychischer Störungen verantwortlich ist. Es gibt meines Wissens keinen Nachweis, dass etwa depressive Erkrankungen oder beispielsweise Magen-Darm-Leiden ohne organische Ursache seit Beginn der Pandemie häufiger neu auftreten. Aber wenn jemand in seinem Leben bereits eine depressive Erkrankung hatte, dann ist diese in der Regel episodisch.

Frage: Was bedeutet das?

Das heißt, derjenige neigt dazu, eine Überlastung in einer bestimmten Lebensphase durch eine bestimmte Krankheit auszudrücken. Auch reduzierte Kontakte können Ängste und Depressionen verstärken. Also: Es gibt wohl nicht mehr Neuerkrankungen, sondern wahrscheinlich gibt es durch die zusätzlichen Belastungen eher mehr Ausbrüche psychosomatischer Erkrankungen.

Generell denke ich, dass wir in Deutschland vieles – nicht alles – gut hinkriegen. Vielleicht wäre es manchmal besser, die Erfolge im Kampf gegen die Pandemie zu würdigen und etwa die Zahl der an oder mit Corona Verstorbenen zu betrachten, die im internationalen Vergleich niedrig ist. Das heißt nicht, dass man zufrieden sein muss, aber man darf auch einmal die Erfolge sehen. Und man muss ebenfalls sagen, dass die Menschen in Deutschland sich sehr gut an die Pandemie-Situation und die damit verbundenen Maßnahmen angepasst haben.

Frage: Was macht denn das Belastende an der Corona-Pandemie aus? Ist es die fehlende Planbarkeit, die sich schon an ganz alltäglichen Dingen zeigt wie etwa der Frage, ob man im kommenden Monat noch ins Kino gehen kann oder ob wieder Lockdown ist?

Das ist sehr individuell. Wir sind alle belastet durch die Pandemie-Situation, und sehr viele leiden unter verringerten Kontakten. Auch die fehlende Mimik beim Maskentragen und der fehlende Körperkontakt sind belastend, denn man ist auch verunsichert darüber, wie es dem anderen geht. Das steckt man zunächst vielleicht gut weg, aber auf Dauer fehlt da einfach etwas. Hinzu kommt, dass die Selbstbestimmtheit, das Gefühl, dass man Herr seines Lebens ist, einem Menschen Selbstbewusstsein gibt. Diese Selbstbestimmtheit fehlt seit Beginn der Corona-Pandemie vielen Menschen.

Letztlich haben wir alle mit der Angst vor dem Coronavirus zu tun, und damit lässt sich auf verschiedene Art und Weise umgehen. Man kann die Existenz des Virus leugnen, man kann sich aber auch übermäßig damit beschäftigen. Generell geht es darum, aus dem Möglichen das Beste für sich selbst herauszuholen, und damit sind manche Menschen derzeit überfordert.

Frage: Ist auch Long Covid ein Thema, das psychische Erkrankungen begünstigen kann?

Hier gibt es seit dem vergangenen Sommer eine erste Leitlinie zu typischen Beschwerden. Dabei geht es nur teilweise um Atembeschwerden. Mit Long Covid einher geht oftmals auch das Fatigue- oder chronische Erschöpfungssyndrom, das sich etwa in geringerer Belastbarkeit äußert. Die meisten Beschwerden legen sich mit der Zeit, wobei wir hier von Monaten sprechen. Wenn aber jemand über Monate hinweg keine Kraft mehr hat, seine Kontakte zu pflegen oder zu arbeiten, dann hat das gravierende Folgen. Insofern ist man wiederum anfälliger für eine depressive Erkrankung.

Frage: Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken: Was hat sich seit der Einrichtung der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geändert?

Wir beobachten generell, dass die Menschen mehr über psychische Erkrankungen sprechen und sich früher Hilfe holen als noch vor einigen Jahren. Die Gesellschaft insgesamt wird psychologischen Themen gegenüber aufgeschlossener. Für uns Psychosomatiker ist wichtig, dass die Menschen offener dafür werden, dass ihr Körper mehr als Fleisch und Blut ist; dass also ein Maschinenmodell für den menschlichen Körper nicht passt. Das ist gut so.

Für uns in Lörrach kann ich sagen, dass wir hier sehr herzlich begrüßt wurden und die Kollegen im Kreiskrankenhaus das Angebot als Bereicherung empfunden haben. Wir konnten uns gut integrieren und das Angebot ausweiten. Als Corona kam, haben wir etwa die psychosomatische Mitarbeiterbetreuung verstärkt. Was unsere Patienten angeht, decken wir das gesamte psychosomatische Angebot ab. Wir haben Patienten in der Tagesklinik, die abends nach Hause gehen, Patienten, die wir wochenlang in unserer Klinik betreuen, und solche, die wir bei Bedarf in den anderen Kliniken mitbetreuen. Zusammenfassend kann man sagen: Wir haben uns etabliert, und man rechnet mit uns.

Frage: Worum geht es denn genau bei der Psychosomatik?

Das Kerngebiet unserer Arbeit, quasi die Existenzberechtigung der Psychosomatik, ist der Umstand, dass viele Menschen mit körperlichen Beschwerden wie etwa Schmerzen, anhaltender Erschöpfung oder Schlafstörungen deswegen keine Entlastung ihres Leidens erfahren, weil sich keine organischen Ursachen feststellen lassen. Die Psychosomatik bietet hier Erklärungen dafür, wie psychosoziale Erkrankungen sich körperlich auswirken.

Frage: Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit aus?

Wir wollen unseren Patienten dabei helfen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, und bieten ihnen dafür viele Gruppenerlebnisse an. Das geht nur, indem wir konsequent testen und unseren Patienten auch dazu raten, sich impfen zu lassen, sofern dies noch nicht geschehen ist.

Frage: Stoßen Sie damit auch auf Widerstand?

Wir haben es bei unseren Patienten praktisch nicht mit Corona-Leugnern oder Verschwörungstheoretikern zu tun. Aber es sind Menschen darunter, die entweder extreme Ängste haben oder bisher extrem selbstbestimmt gelebt haben. Wer die Lebenserfahrung gemacht hat, dass er sich in erster Linie auf sich selbst verlassen kann, der ist grundsätzlich eher skeptisch bei einer Impfung. Das ist auch bei unseren Mitarbeitern so, wenngleich wir beim Klinikpersonal eine Impfquote von 85 bis 90 Prozent haben. Aber damit sind wir nicht zufrieden, sondern wir versuchen, die Hintergründe der Ablehnung herauszufinden. Wenn wir das schaffen, ist schon viel erreicht.

Thomas Unterbrink ist Psychologe und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In dieser Funktion hat er bereits über Themen wie psychische Erkrankungen im Schulalltag gesprochen. Für ihn sind Psychosomatiker die „Beziehungsexperten in der Medizin“.

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