Kreis Lörrach „Die Chefin bringt uns mit Humor auf Zack“

Niels Herter arbeitet in der Werkstatt der Lebenshilfe in Lörrach-Haagen. Er fühlt sich wohl dort, auch wenn ihm manchmal Dinge auf die Nerven gehen. Foto: Marie-José Rosenwald Foto: Die Oberbadische

Von Niels Herter

Kreis Lörrach. Seit drei Jahren arbeite ich in der Werkstatt der Lebenshilfe in Lörrach-Haagen. Ich fahre jeden Tag mit dem Zug oder dem Bus zur Arbeit. Manchmal kaufe ich mir am Bahnhof im Kiosk etwas zum Lesen für die Mittagspause und halte ein Schwätzchen mit der Verkäuferin.

In der Werkstatt beläuft sich meine Arbeitszeit auf acht Stunden. Angefangen habe ich im Berufsbildungsbereich, jetzt bin ich in der Arbeitsgruppe von Christine Hucke, zusammen mit etwa 18 Kolleginnen und Kollegen.

Darunter sind Spaßvögel, die viel Unsinn machen und Abteilungsgrantler, die sich andauernd über alles Mögliche beschweren. Wir haben auch „Flüchtlinge“, die ständig abhauen oder auf die Toilette gehen. Frau Hucke holt sie dann wieder ein oder lässt sie über die Lautsprecherdurchsage ausrufen.

Ab und zu haben wir auch Praktikanten von Schulen, die eine Woche kommen – von der Karl-Rolfus-Schule, der Helen-Keller-Schule, von der Theodor-Heuss-Realschule oder dem Hans-Thoma-Gymnasium. Die können die Gruppe ganz nett aufmischen, oder auch nicht. So lag einer oft mit dem Kopf auf dem Tisch und hat geschlafen. Einmal hatten wir einen „Bufdi“, der war total nett, da hat die Arbeit viel Spaß gemacht. Hygiene ist bei unserer Arbeit ein großes Thema: Wir haben einen Spender für Desinfektionsmittel, wir desinfizieren uns regelmäßig die Hände.

Zur Arbeit: Wir bestücken Zahnpflege-Reisesets für eine Firma in Schönau und für Polen. Die Zahnputzsets werden nach den jeweiligen Ländern zusammengestellt. Die Deutschen wollen lieber Sets in blau-weiß, die Franzosen mögen orange sehr gerne. Ein Team ist für die Bestückung zuständig, ein anderes für die Endkontrolle. Diese Arbeit kann manchmal ziemlich langweilig sein.

„Die Kerze im Kopf anmachen“

Wenn wir mal keine Arbeit mehr haben oder etwas anderes machen wollen, bekommen wir Arbeiten von anderen Gruppen. Das war auch vor den Werkstattferien so, da musste ich Staubmasken falten und zu fünf Stück verpacken. Eigentlich ganz okay, aber vor den Ferien hat mir die Konzentration gefehlt und dann habe ich Fehler gemacht. Das hat genervt.

Wenn ich mich nicht mehr konzentrieren kann, gehe ich auf den Home-Trainer, der in der Gruppe steht, so für fünf Minuten. Oder Frau Hucke ermuntert mich, „die Kerze im Kopf anzumachen“. Das ist so ein Spruch von ihr. Heißt, wir sollen gut nachdenken.

Frau Hucke hat oft solche Sprüche drauf, sie hat immer alle Hände voll zu tun, damit die Arbeit läuft. Mit Humor und Autorität bringt sie uns alle auf Zack. Wir können immer zu ihr ins „Kabuff“, ihr kleines Büro, manche nennen das auch Aquarium. Sie hört zu und gibt Tipps, wenn wir Probleme mit Arbeitskollegen, in der WG oder zuhause haben.

Oft ist es bei der Arbeit laut, wir sind natürlich auch nicht gerade leise. Aber einige Besucher von Firmen oder Schulen sind nervig, die Philipp Bohner, der Werkstattleiter, durch unseren Gruppenraum führt, die sagen andauernd „Hallo, hallo“.

Frau Hucke hat ein schnurloses Telefon, das sie immer bei sich hat. Das klingelt sehr oft. Eltern rufen an oder andere Gruppenleiter, oder die Mitarbeiter der offenen Hilfen der Lebenshilfe wollen etwas wegen Freizeitaktivitäten wissen. Laut sind auch die Durchsagen; die hören wir überall, auch auf der Toilette. Wir bekommen Informationen, dass der Aufzug kaputt ist oder es etwas anderes zu essen gibt als auf dem Plan steht.

Trotzdem gehe ich gerne zur Arbeit, da ist immer etwas los. Ich kann mit den Kolleginnen und Kollegen Blödsinn machen oder mich mit ihnen unterhalten.

Zur Person: Niels Herter arbeitet in der Werkstatt der Lebenshilfe in Lörrach-Haagen. Wie alle Berufstätigen hat er Tage, an denen ihm die Arbeit Spaß macht und solche, die nervig sind. Dann machen Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen gute Laune.

Im Rahmen unserer Serie „Inklusion – Mitten im Leben“ berichten Niels Herter, Mareike Brischle, Michael Knöbel und Sarah Kropf abwechselnd im zweiwöchentlichen

Rhythmus. Nicht die Behinderung,welche die vier Autoren haben, soll im Mittelpunkt stehen. Vielmehr geht

es darum, was Menschen mit

Behinderung können.Unterstützung beim Schreiben bietet Marie-José Rosenwald, Mitarbeiterin des Netzwerks

Inklusion im Landkreis Lörrach.

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