Kreis Lörrach Die Dinge ins Lot bringen

Wenn jemand in die Psychiatrische Klinik am Kreiskrankenhaus Schopfheim eingewiesen oder verlegt wird, so steht dort ein multidisziplinäres Team bereit, um dem Patienten in vielen Belangen zu helfen: Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte, Ergo- und Kunsttherapeuten, Sozialarbeiter. Fuat Zarifoglu, der ärztliche Leiter und Pflegeleiterin Sigrid Schwalke, haben die 2010 eingerichtete Klinik gemeinsam aufgebaut und Schritt für Schritt weiterentwickelt.

Von Beatrice Ehrlich

Kreis Lörrach. Der Unterschied zur Psychsomatischen Klinik in Lörrach liege im Wesentlichen in der psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Schwerpunktsetzung, erläutert Zarifoglu. In seinem Haus mit 30 Betten würden auch schizophrene Erkrankungen und schwere Depressionen behandelt, solange nicht unmittelbare, akute Selbst- und Fremdgefährdung vorläge. Ziel sei, mit einer sozialpsychiatrischen, psychoedukativen und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Herangehensweise den Erkrankten wieder so weit wie möglich zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Durch die Krankheitssymptome und oft verstärkt durch chronische Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herz- und Kreislaufkrankheiten, sei die Alltagsbewältigung für viele nur sehr eingeschränkt möglich. Alltägliche Tätigkeiten müssten in kleinen Schritten mithilfe von Ergotherapeuten, Sozialarbeitern und Pflegern wieder eingeübt werden. Was möglich sei für jeden einzelnen, wird durch sogenannte Belastungserprobungen festgestellt. „Es geht darum, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen“, präzisiert Pflegefachfrau Schwalke. Einkaufen, Wäsche waschen und sortieren, die wenigen Dinge aufräumen, die man in der Klinik dabei hat oder einmal einen Kuchen backen – das sei manchmal schon eine große Herausforderung für die Patienten.

Auch an die Rückkehr nach Hause ist gedacht. Die Mitarbeiter des Sozialdienstes kümmern sich, wo nötig, um Ämtergänge mit den Patienten, deren Wohnsituation und finanzielle Lage. Manche Patienten hätten nicht einmal einen Versicherungsschutz, wenn sie ins Krankenhaus kämen, und oft sei ihre Krankheit, die sie antriebs- oder orientierungslos macht, mit schuld daran – „Wir bemühen uns, dass alles wieder ins Lot kommt“, fasst Zarifoglu zusammen. Das erfordere viel Geduld und Überzeugungskraft, vor allem dann, wenn Patienten anfangs auf Druck der Angehörigen da seien.

Von der Gesellschaft wünscht sich der erfahrene Arzt für Psychiatrie und Psychosomatik mehr Akzeptanz für psychisch Kranke. Auch wenn sich viel verbessert habe in den vergangenen Jahren, würden sie nach wie vor stigmatisiert in der Öffentlichkeit. Vor allem im Zusammenhang mit Verbrechen würden psychische Krankheiten in den Medien besonders hervorgehoben, hat er beobachtet. Dabei trete Gewalt bei psychisch Kranken nicht öfter auf als in der Normalbevölkerung, oft seien zudem Suchtmittel im Spiel.

Die Arbeit sei strapaziös, vor allem für die Pflegekräfte, betont der Arzt. Sigrid Schwalke berichtet: Die Coronavorschriften erschwerten an vielen Stellen die Arbeit mit den psychisch Kranken. So müssten sie Abstand halten, wo es doch bei vielen gerade auch darum gehe, die Nähe anderer zuzulassen, miteinander zu sprechen und Kontakte zu knüpfen. Ein Spaziergang durch eine Fußgängerzone mit Maskierten koste Angstpatienten große Überwindung, so die Pflegeleiterin. Depressive hätten schnell Angst, etwas falsch zu machen und zögen sich dann um so mehr zurück. Und dennoch halten beide die Corona-Regeln für absolut notwendig und geben dies auch konsequent an ihre Patienten weiter. Richtig ärgern kann sich Fuat Zarifoglu über Corona-Leugner, die durch ihr egoistisches und inhumanes Verhalten andere in Gefahr bringen.

Wegen Corona kann auch die „Offene Gruppe“ jeden Freitag nicht mehr stattfinden, der gemeinsame Abschluss und für manche auch Höhepunkt der Woche. Hier kommen normalerweise Patienten, Angehörige, Ärzte und Pfleger zusammen bei selbstgebackenem Kuchen und Kaffee – für alle ein Lichtstrahl im Klinikalltag.

Dass Leitung und Team mit dem Herzen bei der Sache sind, wird bemerkt: In regelmäßig durchgeführten Patientenbefragungen bekommt die Psychiatrische Klinik Schopfheim positive Rückmeldungen. Patienten sind dankbar, dass sie hier sein durften und berichten, dass sie sich vertrauensvoll aufgehoben fühlten.

Die Psychiatrische Klinik im Kreiskrankenhaus Schopfheim ist als offene, allgemein psychiatrische Klinik Teil des wohnortnahen Grundversorgungsnetzes für psychisch Kranke im Landkreis Lörrach und kooperiert mit dem Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen.

Die 29 Mitarbeiter, darunter sechs Ärzte und Psychologen, 19 Pflegekräfte und jeweils zwei Sozialpädagogen und Ergotherapeuten kümmern sich um 250 bis 300 Patienten im Jahr, rund 60 Prozent davon Frauen.

Behandelt werden Erkrankungen aus dem gesamten psychiatrischen Spektrum – vor allem Depressionen, Schizophrenie, Angst- und Persönlichkeitsstörungen.

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