Kreis Lörrach Ein artenreiches Biotop schaffen

Streuobstbestände befinden sich im Landkreis Lörrach unter anderem auf dem Tüllinger Berg. Foto: Kristoff Meller Foto: Die Oberbadische

Weg von der Monokultur hin zur Biodiversität. Streuobstwiesen sind ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Landwirtschaft. Denis Bozbag hat sich mit Andreas Breisinger, Obstbaumpfleger und Vorsitzender der Fachwartvereinigung Markgräflerland über diese traditionelle Anbauart unterhalten.

Frage: Herr Breisinger, erleben Streuobstwiesen derzeit eine Renaissance?

Definitiv. Streuobstwiesen sind im Augenblick ein großes Thema. Dies liegt zum einen daran, dass diese die Landschaft prägen und somit für viele Menschen ein Stück Heimat sind. Ein 150 Jahre alter blühender Birnbaum ist ein Naturerlebnis der besonderen Art und nicht mehr oft zu finden.

Zum anderen wurden die Streuobstwiesen als Biotope mit ausgeprägter Biodiversität identifiziert, sodass Politik und Kommunen durch Vergabe von Fördergeldern die Entwicklung unterstützen. Die Stadt Stuttgart zum Beispiel bezuschusst die Pflanzung hochstämmiger Obstbäume.

Frage: Legt der Bürger wieder mehr Wert auf einen traditionellen Anbau aus der Region?

Inwieweit der Bürger auf die Produkte aus dem traditionellen Anbau zurückgreift, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Auslagen im Supermarkt lassen hierauf nicht unbedingt schließen. Leider ist hier das Angebot auf wenige Marktsorten beschränkt.

Frage: Welche Orte im Landkreis Lörrach haben Streuobstwiesen?

Generell finden sich Streuobstbestände in der gesamten Vorbergzone. Aber auch einzelne Orte wie der Dinkelberg und der Tüllinger Berg sind hier besonders hervorzuheben.

Frage: Wer kümmert sich hier um die Wiesen?

Leider ist es im ganzen Markgräflerland so, dass eine entsprechende Vereinsstruktur wie im württembergischen Landesteil fehlt. Dort haben viele Ortschaften einen Obst- und Gartenbauverein (OGV).

Fast jeder Landkreis hat eine Fachwartvereinigung, und alles bewegt sich unter dem Dach des Landesverbandes (LOGL), zu dem wir auch gehören. Wir sprechen hier von einer ganz anderen Manpower gerade im Hinblick auf den Wissenstransfer, von der wir hier im Markgräflerland noch ein gutes Stück entfernt sind.

Die Fachwartvereinigung will die Entwicklung mit dem vom LOGL initiierten landeseinheitlichen Lehrgang zum Fachwart für Obst und Garten beeinflussen. Wichtig ist, die Begeisterung für das Thema Streuobst durch Wissensvermittlung zu verstetigen.

Frage: Die „Fachwartvereinigung Markgräflerland“ ist noch ein sehr junger Verein. Welche Aufgabenschwerpunkte hat er sich gesetzt?

Im Rahmen des MOBIL-Projekts (Modellregion Biotopverbund Markgräflerland) unter Federführung des Regierungspräsidiums Freiburg startete 2016 der erste Lehrgang zum Fachwart für Obst- und Garten (LOGL) in den Landkreisen Lörrach und Breisgau-Hochschwarzwald. Die Kursteilnehmer gründeten den Verein. Schwerpunkt der Vereinsstätigkeit ist die Förderung und Erhaltung der heimischen Streuobstwiesen als Beitrag zum praktischen Natur- und Landschaftsschutz. Ein Projekt der Fachwartvereinigung Markgräflerland ist die Pflege der Streuobstbestände des NSG Berghauser Matten.

Diese Maßnahme gehört zur Biodiversitätsoffensive des Landes Baden-Württemberg.

Frage: Wie sieht dabei die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Lörrach aus?

Das Landratsamt Lörrach ist Partner des Mobilprojekts.

Frage: Die Streuobstwiese ist eine traditionelle Form des Obstanbaus. Was sind die Besonderheiten, die es dabei zu beachten gibt? Inwiefern unterscheidet sich dieser vom herkömmlichen (industriellen) Anbau?

Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Biotopen überhaupt und bieten vielen seltenen Arten einen Lebensraum. Der Artenreichtum beruht auf der Verbindung zwischen den Baumkronen, welche die Eigenschaften lichter Wälder aufweisen und deren Beziehung zum Unterwuchs einer idealerweise blühenden Wiese.

Erst Bestände, die ein Alter von mindestens 40 bis 60 Jahre erreichen, können die gewünschte ökologische Wirkung entfalten.

Es ist daher für den Fortbestand der Streuobstwiesen von entscheidender Bedeutung, Neupflanzungen anzustoßen und durch fachlich fundierte Pflegemaßnahmen die Baumkrone so zu gestalten, dass der Baum überhaupt das gewünschte Alter erreicht.

Frage: Ohne entsprechende Pflegemaßnahmen ist dies nicht möglich?

Nein. Viele Menschen sehen, dass die Bestände altershalber ausfallen oder Bauvorhaben zum Opfer fallen. Die hierfür vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen, werden zwar initiiert, eine zwingend notwendige Folgepflege wird jedoch unterlassen. Die Folgen dieser verfehlten Politik sind landauf, landab zu besichtigen. Ein zwingend notwendiges Monitoring ist nicht etabliert, sodass diesbezügliches Fehlverhalten nicht sanktioniert wird. Im Gegenteil: Es ist eine Aufforderung zum „weiter so“. Die Fachwartvereinigung Markgräflerland hat dieses Ärgernis mit dem heimischen CDU-Bundestagsabgeordneten Armin Schuster erörtert.

Neben den Pflegemaßnahmen kommt dem Verständnis ökologischer Zusammenhänge besondere Bedeutung zu. Beide Aspekte versucht die Fachwartvereinigung nicht nur den Mitgliedern sondern allen Interessierten im Rahmen von Workshops nahezu- bringen.

Frage: Macht der Klimawandel den Streuobstweisen zu schaffen? Welche Schutzmaßnahmen muss man ergreifen?

Der Klimawandel macht auch vor den Streuobstwiesen nicht Halt. Zunächst gilt: Gesunde und vitale Bäume können mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen besser umgehen als alte, vergreiste Bestände.

Dies bedingt eine regelmäßige Baumkontrolle und ein auf den jeweiligen Baumzustand abgestimmtes Schnitt- und Pflegemanagement. Bei Neupflanzungen ist besonderes Augenmerk auf die Sortenwahl zu legen. Zu bevorzugen sind hier alte robuste Sorten wie zum Beispiel der Rheinische Bohnapfel.

Frage: Wie finden Sie qualifizierte Fachkräfte? Welche Weiterbildungsprogramme bieten Sie Interessierten an?

Die Suche nach qualifizierten Fachkräften gestaltet sich schwierig, da das Wissen im Laufe der Zeit verloren gegangen ist. Die Fachwartvereinigung Markgräflerland bietet daher im Rahmen der Modellregion Biotopverbund Markgräflerland auch in diesem Jahr am 8. Oktober den Lehrgang zum Fachwart für Obst- und Garten (LOGL) an.

Schwerpunkt des Lehrgangs ist der Obstbaumschnitt unter besonderer Berücksichtigung der Zusammenhänge, welche den Lebensraum Streuobstwiese kennzeichnen. Der Lehrgang orientiert sich an der biologisch-ökologischen Wirtschaftsweise und wendet sich an alle Interessierte, die eine Obstwiese oder sogar ein Gartengrundstück bewirtschaften.

Frage: Werden die Landwirte für die Instandhaltung immer älter und findet sich genügend Nachwuchs?

Die älteren Landwirte fallen nach und nach aus. Die Pflege von Streuobstbeständen ist oftmals eine sportliche Herausforderung. Die Universität Tübingen hatte hierzu sogar eine wissenschaftliche Studie vorgelegt.

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