Kreis Lörrach Ein Physiker, der weg will vom Öl

Die Oberbadische, 30.01.2015 23:02 Uhr

Von Marco Fraune

Regio. Lebensmittel- und Energieerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien: Dieses Ziel verfolgt Franz Schreier seit mehreren Jahren. Der Physiker hat jetzt mit Fischen in einem Gewächshaus eine Etappe auf dem langen Weg weg von der Nutzung der endlichen Ressource Öl gemeistert.

Fotostrecke 3 Fotos

Der Verbrauch des fossilen Brennstoffes in der Lebensmittelversorgung ist der erste Punkt, über den der Heppenheimer in seinem gerade erst in Betrieb gegangenen Gewächshaus spricht. Anbau, Düngung, Ernte, Trocknung, Logistik – die Produktion von Lebensmitteln für den Supermarktkunden sei mit einer „unglaublichen Menge an Ölverbrauch“ verbunden, wirbt Schreier für sein System der Lebensmittelproduktion, das nahezu ohne externe Energie auskommt. Es ist versehen mit selbst entwickelter Technik, die das Pflanzenwachstum fördern soll und einem Wasserkreislauf, in dem Fische zuerst als Nährstofflieferant und dann als Nahrungsmittel fungieren.

Der Kreislauf ist recht simpel. Das Wasser im Fischbecken, wo derzeit noch Störe und künftig dann Zander schwimmen, fließt mit deren Ausscheidungen weiter in ein Becken, in dem Würmer den Nährstoff zersetzen. Danach geht es in ein weiteres Becken, wo eine weitere natürliche Zersetzung des Wassers (Umwandlung von Nitrit in Nitrat) erfolgt, um zu den in selbst entwickelten kompostierbaren Spezialschalen schwimmenden Pflanzen zu gelangen. Salate, Kräuter oder auch Tomaten saugen über ihre blanken Wurzeln dann das Wasser auf, das wiederum zu den Fischen gelangt.

Das an der A 5 nahe Neuenburg stehende Gewächshaus soll Modellcharakter haben. Auf 200 Quadratmetern gibt es nicht nur die ungewöhnliche Kombination von Fischzucht und klassischer Gewächshausnutzung, was als Aquaponik (Aquakultur für die Fischzucht und Hydroponik für Pflanzenzucht) bezeichnet wird. Hier stellt die hochtransparente Eindeckung, die in ähnlicher Form auch die Allianz-Arena in München überzieht, ebenso einen wichtigen Baustein des Gesamtgebäudes dar, das im Passivbauweise konstruiert und nur nach Süden Licht durchlässt. Wobei hier neben der transparenten Eindeckung und einem möglichen Thermo-Rollo die innen liegenden Abschattungselemente eine entscheidende Rolle spielen. „Viele Innovationen sind hier hereingeflossen“, erklärt Schreier, der als Geschäftsführer des kleinen Betriebs EBF zugleich hofft, in ferner Zukunft seine Ideen auch zu Geld zu machen. „Noch investiere ich alles Geld, was ich einnehme, in das Gewächshaus“, verweist er auf seinen Hauptjob als Energieeffizienzberater.

Die Planungs- und Baukosten des Entwicklungsprojektes beliefen sich auf etwa eine halbe Million Euro, wobei der Visionär über den Innovationsfonds des Umwelt- und Energiedienstleisters Badenova knapp 170 000 Euro erhielt. Deren Leiterin, Anke Held, hofft, dass die Idee Marktreife erlangen wird. „Was wir gerne fördern, sind Pioniere. Dies hier ist die Keimzelle für die Idee. Das kann man später vervielfältigen und vergrößern.“ Seit dem Bestehen des Fonds im Jahr 2001 wurden Projekte mit insgesamt mehr als 22 Millionen Euro unterstützt.

Im Aquaponic-Gewächs- haus, das am Eingang des Geländes der Landesgartenschau 2022 in Neuenburg stehen soll, haben einige Inhalte die Chance, als Nachahmer beziehungsweise Vorbild herzuhalten. „Jede einzelne Innovation ist ein Entwicklungsprojekt“, betont der Physiker.

Die zweilagige Spezialfolie, die den nach Süden ausgerichteten Teil überdeckt, ist besonders stabil, leicht zu reinigen und hoch transparent, womit die UV-Strahlen zu den Pflanzen durchdringen können und damit die Photosynthese befördern. Im Winter kann das Pflanzenwachstum durch neuartige Sulphur-Plasma-Lampen unterstützt werden, die pro Stück etwa 3000 Euro kosten. Die mit Photovoltaik ausgestatten Lamellen fallen wiederum in die Marke Eigenbau. Sie können Schatten spenden, Sonneneinstrahlung regulieren und als Photovaltaikanlage genutzt werden. Im Sommer können die Pflanzen schließlich nur 350 Watt der 1000 Watt pro Quadratmeter nutzen, aus dem Rest kann man Strom erzeugen, weiß das Forscherteam.

Ein umfangreiches Mess-, Regel- und Überwachungssystem ermöglicht Schreier und seinen Mitstreitern, auch die Datengrundlage für Schlussfolgerungen zu liefern. „Mit dem Gewächshaus werden wir Systemlösungen aufzeigen.“ Hierzu zählt auch die unter dem Boden verlaufende Lüftungsanlage.

Wie viel Fremdenergie insgesamt noch benötigt wird, soll in den nächsten Monaten ermittelt werden. Für den Visionär steht schon jetzt fest, dass Aquaponik ein Baustein der Ressourcenschonung ist. „Das Gewächshaus ist eine von ganz vielen Lösungen, lokal und eigenverantwortlich zu produzieren.“