In den nächsten Wochen müssen die Eltern der Viertklässler über die künftige Schullaufbahn ihrer Kinder entscheiden und sie für eine der vier weiterführenden Schulen anmelden: Gymnasium, Werkreal-/Haupt-, Real-, oder Gemeinschaftsschule.

Von Anja Bertsch

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Schopfheim . Als wichtiger Fingerzeig für die Entscheidung dient die Grundschulempfehlung, die die Kinder vor den Fasnachtsferien zusammen mit dem Halbjahreszeugnis der vierten Klasse bekommen haben.

Eine verbindliche Richtungsangabe freilich ist das längst nicht mehr: Seit fünf Jahren sind die Eltern völlig frei in der Entscheidung darüber, welche weiterführende Schule ihr Kind besuchen soll. Reform und Re-Reform

Allerdings hat die Landesregierung das Prozedere zum kommenden Schuljahr etwas nachjustiert: Die Eltern haben weiterhin die freie Wahl; im Unterschied zu bisher aber müssen sie der weiterführenden Schule nun die Empfehlung der Grundschule vorlegen.

Idee ist es, dass die weiterführende Schule den Familien nochmals ein Beratungsgespräch anbieten kann, wenn der anvisierte Schulzweig nicht der Empfehlung entspricht.

„Die Änderung gibt uns die Gelegenheit, das Beratungsverfahren vor dem Wechsel zu verbessern“, befindet Claudia Tatsch als Rektorin des Schopfheimer Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) die Re-Reform für gut: Im Gespräch können speziell fortgebildete Beratungslehrer nochmals darauf hinweisen, worauf es in den einzelnen Schulen besonders ankommt, und Eltern und Schülern bei der Abwägung unterstützen, ob die anvisierte Schulform im individuellen Fall geeignet ist“. Ganzheitliche Sichtweise

Sicher: Die Leistungen vor allem in den Kernfächern Deutsch und Mathe geben einen wichtigen Anhaltspunkt für die Schulempfehlung. Entscheidend bei der Frage, welche weiterführende Schule für das Kind geeignet ist, sind aber nicht allein die messbare Leistung in Form des Notendurchschnitts.

Viel mehr soll die gesamte Persönlichkeit des Kindes einbezogen werden: Lern- und Arbeitsverhalten, Sozialverhalten, Motivation und Konzentrationsfähigkeit, die bisherige Entwicklung und die künftigen Entwicklungspotenziale.

„Es wird nicht nur gerechnet“ , betont in diesem Sinne Rosemarie Jäkel, Rektorin der Grundschule in Wiechs. „Im Mittelpunkt steht eine ganzheitliche Sichtweise des Kindes.“ Und ein Blick darauf, mit welchen Maßnahmen man einem Kind vielleicht mehr Chancengleichheit zukommen lassen kann: Eine Lese-Rechtschreibe-Schwäche allein, oder ein ADHS-Syndrom etwa sollte nicht darüber entscheiden, ob ein Kind Abitur machen kann, so Jäkel. Verantwortung der Eltern

Mit der Freigabe der Schulwahl geht eine größere Freiheit der Eltern einher – und natürlich auch eine größere Verantwortung. Die meisten Eltern sind sich der beiden Seite der Medaille sehr wohl bewusst: So bemerkt beispielsweise Rosemarie Jäkel, dass die Eltern sich seit der Einführung der Wahlfreiheit mehr einbringen – und dabei aus dem Wissen um die eigene Entscheidungsgewalt heraus sehr offen sind für die Einschätzung der Pädagogen. Bildungspartnerschaft

Diese Eigenverantwortung von Eltern und Schülern freilich beginnt schon viel früher. Tatsächlich sollte die Empfehlung zum Ende der Grundschulzeit für Eltern und Kinder keine großen Überraschungen bergen, ist Schulamtsleiter Hans-Joachim Friedemann überzeugt. Im Rahmen der Bildungspartnerschaft werde der enge

Früher Austausch ist wichtig

Kontakt und Austausch zwischen Lehrern, Eltern und Kindern von Beginn der Schulzeit an groß geschrieben, auf dass Förderbedarf und Entwicklungspotenziale früh erkannt und entsprechende Angebote in Anspruch genommen werden können.

„Wichtig ist, dass die Eltern mit den Lehrern ins Gespräch gehen und diese als Informationsquelle nutzen, um ein Feedback über Stärken und Schwächen ihres Kindes zu bekommen“, ermuntert Friedemann. „Und wichtig ist vor allem, dass das rechtzeitig geschieht“. Nicht also erst angesichts einer Empfehlung zum Ende der Grundschulzeit.

Im Austausch mit dem Lehrer könne man dann gemeinsam überlegen, wie die Förderung an der Grundschule auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet werden kann – und was auch die Eltern beitragen können.

Auch nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule bleibt die enge Begleitung des Schülers und der Austausch zwischen Schule und Elternhaus wichtig – etwa, um wiederum gezielte Förderangebote machen zu können. „Das macht es für uns auf jeden Fall transparenter“, befindet Claudia Tatsch aus Gymnasialsicht – „wir können besser absehen, wo sich womöglich Förderbedarf ergibt“.

Wiederum sind neben der Schule aber vor allem auch die Eltern gefragt, gerade in der Orientierungsphase nach dem Wechsel auf eine weiterführenden Schule: „Die Eltern müssen sich Zeit nehmen und zuhören, was die Kinder aus ihrer neuen Schule berichten‘, betont die THG-Direktorin, „damit sie nicht erst aus den Noten erfahren, ob ihr Kind gut aufgehoben ist.“ Richtige Schulwahl

Von der richtigen Wahl der weiterführenden Schule hängt für die Zukunft des Kindes eine Menge ab. Nicht allein mit Blick auf möglichst gute Berufschancen, sondern vor allem auch für das psychische und emotionale Wohlbefinden. Behält man dieses im Blick, ist ein möglichst hoher Schulabschluss nicht aus sich heraus und in jedem Fall auch das Erstrebenswerteste: „Es geht darum, dass das Kind sich in seinen Stärken, Fähigkeiten und Neigungen positiv erfahren kann, und darum, das es sich mit sich und seinem Umfeld wohlfühlt“, betont Rosemarie Jäkel. Meistens seien sich die Eltern dessen bewusst, und bezögen diese Aspekte in ihre Entscheidung mit ein. Aber immer wieder erlebten Lehrer auch, dass die Eltern sagen: „Probieren wir’s mal“, schildert Jäkel aus ihrer Erfahrung. Dafür sei ein Kind aber eigentlich zu „hohes Gut.“

Die drohende Überforderung sei für die Kinder oft hart, bestätigt auch Claudia Tatsch. Oft hat sie bei Schülern in solchen Fällen psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen oder Ängste beobachtet: „Die Kinder sind einfach nicht glücklich.“

Dabei sind es gar nicht immer die Eltern, die ihr Kind in eine bestimmte Richtung drängen: Auch die Steppkes selbst haben durchaus ihren eigenen Kopf und treffen ihre ganz eigene Richtungsentscheid – zum Beispiel danach, auf welche Schule die Freunde gehen. Das aber trägt oft nicht weit: Mit dem Schulwechsel sortierten sich solche Freundschaften oft neu, so Tatsch. Orientierungsphase

Ihren Niederschlag findet die Wahlfreiheit der Eltern gar nicht in erster Linie bei den Gymnasien, sondern an den Realschulen. Die große Mehrzahl der Schüler an den Gymnasien besucht diese Schulart mit einer entsprechenden Empfehlung im Rücken: Im vergangenen Schuljahr lag diese Quote bei 87 Prozent. Etwa elf Prozent der Neu-Gymnasiasten sahen die Grundschullehrer eher auf der Realschule gut aufgehoben, nur 1,5 Prozent auf der Werkreal-/Hauptschule.

Eine viel größere Rolle spielt das „Nichteinhalten“

Überforderung belastet die Kinder

der Grundschulempfehlung in den Realschulen: Nur gut die Hälfte der Schüler, die im vergangenen Jahr auf diese Schulart wechselte, hatte laut Kulturministerium tatsächlich auch eine entsprechende Empfehlung. Für knapp ein Viertel der Kinder wäre nach Einschätzung der Grundschule die Werkreal-/Hauptschule die geeignete Schule gewesen; immerhin 19 Prozent hatten eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Die Realschule also ein Sammelbecken sehr unterschiedlich veranlagter Schüler, die kaum mehr über einen Unterrichtskamm zu scheren sind. Tatsächlich stelle diese Heterogenität seit der Freigabe der Schulwahl die Realschulen vor große Herausforderungen, räumt auch Hans-Joachim Friedemann ein.

Er sieht die Realschulen durch das Konzept der „Neuen Realschule“ aber mittlerweile für diese Herausforderungen gut aufgestellt. Die fünfte und sechste Klasse seien nun Orientierungsstufen, in der die Schüler auf mittlerem (Realschul-)Niveau unterrichtet werden; Sitzenbleiben ist nicht. Erst am Ende der sechsten Klasse wird mit Blick auf die Noten entschieden, ob der Schüler auch künftig auf Realschulniveau weiterlernen soll. Reichen die Leistungen dafür nicht aus, werden die Schüler auf Hauptschulniveau unterrichtet und zum entsprechenden Abschluss geführt. Entscheidend dabei: Beide Stränge werden auf der Realschule angeboten; auch leistungsschwächere Schüler also müssen die Schule nicht wechseln, betont Friedemann den Vorteil.

In Fortführung dieses Konzeptes der Orientierungsstufe wiederum könnte sich Grundschulrektorin Jäkel gar eine weitere Reform vorstellen: „Es wäre gut, wenn die Kinder ein, zwei Jahre länger an der Grundschule verweilen könnten, bevor die Entscheidung über die weiterführende Schule fällt“, so Jäkel. Denn in diesem Alter „tut sich bei den Kindern noch unheimlich viel.“

Übergangquoten: Im Schuljahr 2017/18 wechselten in Baden-Württemberg 44 Prozent der Schüler aus Klasse vier ins Gymnasium; die meisten davon mit einer entsprechenden Empfehlung (87 Prozent). Ein gutes Drittel der Viertklässler (34 Prozent) wechselte auf die Realschule, und knappe 6 Prozent auf die Werkreal-/Hauptschule. 12,5 Prozent der Schüler schließlich wechselten auf die Gemeinschaftsschulen.