Kreis Lörrach „Es nervt, immer andere zu fragen“

Von Marie-José Rosenwald

Kreis Lörrach. Leichte Sprache macht Spaß. Das ist bei Sophia Mannsbart und Markus Häusel offensichtlich. Beide haben sich mit Begeisterung in das Thema vertieft und erfolgreich ihr Umfeld „angesteckt“. Sachverhalte einfach und mit Hilfe von Bildern zu erklären, ist das Ziel von Leichter Sprache. Mit Kindersprache hat sie aber nichts zu tun.

Aus „kompliziert“ wird „schwer“, der „Workshop“ ist eine „Arbeits-Gruppe“, aus „diskutieren“ wird „streiten“. Bekannte Wörter, kurze Sätze, Wortwiederholungen, größere Schrift, keine Abkürzungen, Symbole verwenden – das sind einige Merkmale der Leichten Sprache.

Menschen mit Lernschwierigkeiten hilft sie, Texte inhaltlich zu erfassen und sich ohne Hilfe informieren zu können. In seinem Alltag trifft Markus Häusel selten auf Leichte Sprache. „Es nervt, immer andere fragen zu müssen, mir Briefe zu erklären“, bringt er das Problem auf den Punkt.

An ihn adressierte Schreiben von Behörden sind gespickt mit „Paragraphendeutsch“. In Leichter Sprache geschrieben könnte er sie verstehen, so der 42-Jährige, der seit über zehn Jahren in den Werkstätten des St. Josefshauses in Herten arbeitet und im betreuten Wohnen lebt.

Häusel zögerte nicht lange, als ihn Angela Walter, Pädagogin im begleitenden Dienst der Werkstätten, nach seinem Interesse an einer Schulung von „Mensch zuerst“ fragte, einem Verein für und von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Drei Tage lang wurden in Einzel- und Gruppenarbeit Texte in Leichte Sprache übersetzt – für alle Beteiligten eine anstrengende und anspruchsvolle Aufgabe, bei Häusel weckte sie Begeisterung.

Erste praktische Übung nach der Schulung war die Werkstattordnung des St. Josefshauses, die er sich zusammen mit Walter vornahm. Regeln in Textform wurden durch prägnante Bilder ersetzt oder ergänzt, verständlicher auch für Mitarbeiter, die nicht gut lesen können. Protokolle von Sitzungen des Werkstattrates und Info-Briefe für die Beschäftigten folgten.

Reden in Leichter Sprache geht auch. Häusel wünscht sich, dass mehr Mitarbeiter in der Werkstatt lernen, den Beschäftigten mit Hilfe von Leichter Sprache Dinge zu erklären. „Sich anders auszudrücken fällt denen aber oft schwer“, stellt Häusel täglich fest.

Sophia Mannsbart hatte das Glück, dass sich schon die Erzieherinnen in der Kita in Schopfheim bemühten, einfach und verständlich zu sprechen, auch ihre Lehrerinnen und Lehrer der Waldorfschule. Zuhause wechselten die Eltern zwischen einfacher und schwerer Sprache. Das gefiel ihr nicht. Freundlich, aber entschieden forderte die 18-Jährige ihre Umgebung nach und nach auf, mit ihr in Leichter Sprache zu reden. Auch Oma und Opa wurden einbezogen. „Zu Beginn sind die meisten perplex, die kriegen keinen Ton heraus“, berichtet Mannsbart schmunzelnd.

Auch wenn sich der nette Nachbar der Eltern noch etwas sträubt, macht sie insgesamt positive Erfahrungen. Nach einer Fortbildung zum Thema Leichte Sprache vor zwei Jahren stellte sie das Konzept auf der Gesamtlehrerkonferenz an der Karl-Rolfus-Schule in Herten vor. „Sie waren überrascht, dass sie vieles auch einfacher ausdrücken können“, so Mannsbart.

Die junge Frau wird zurzeit in der BVE, eine Einrichtung in Trägerschaft des St. Josefshauses und des Landkreises Lörrach, auf einen Beruf vorbereitet. Diese Einrichtung könnte sich auch mit Leichter Sprache befassen, so Mannsbart. „Mit Praktikumsbeschreibungen in Leichter Sprache können sie mal anfangen“, gibt sie gleich einen guten Hinweis.

Texte in Leichter Sprache kommen nicht nur Sophia Mannsbart und Markus Häusel zugute. Auch Menschen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist oder denjenigen, die nicht gut lesen können.

Und davon leben in Deutschland viele, wie eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 verdeutlicht: Rund zwei Millionen Menschen hierzulande sind totale Analphabeten. Sie können nur einzelne Wörter lesen und schreiben. 7,5 Millionen Erwachsene sind funktionale Analphabeten, sie können einzelne Sätze lesen und schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte verstehen, auch wenn diese kurz sind. Weitere 13 Millionen Menschen vermeiden häufiges Lesen und Schreiben, weil sie damit große Probleme haben. Das trifft auf Menschen aller Bildungsschichten zu.

Briefe von Ämtern und Behörden bleiben häufig ungeöffnet, Zeitungen und Bücher nehmen sie selten zur Hand. Über ihr Leben selbst bestimmen fällt ihnen schwer, wenn sie sich wichtige Informationen nicht selbst beschaffen können.

Deutschland ist im März 2009 der UN-Behindertenrechtskonvention beigetreten. Leitgedanke der Konvention ist die Inklusion: Jeder Mensch kann sich gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen beteiligen, unabhängig von seinen Fähigkeiten, seiner Herkunft, Geschlecht oder Alter.

In 50 Artikeln beschreibt die Konvention den Weg hin zu einer inklusiven Gesellschaft, in der jeder Menschen seinen Alltag selbst gestalten kann: In welche Schule möchte ein Kind gehen? Wo möchte ein Mensch mit Behinderung wohnen? Und mit wem? Wo möchte er arbeiten?

Einen besonderen Akzent legt die Konvention auf die Barrierefreiheit. Diese geht weit über den Zugang zu Gebäuden hinaus. Sie beinhaltet auch das Recht von Menschen, sich eigenständig Informationen zu beschaffen, wichtige Voraussetzung, um selbstbestimmt Entscheiden und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Briefe, Gesetzestexte, aber auch Busfahrpläne, Arbeitsverträge und Handlungsanweisungen sind jedoch nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten oft unverständlich, auch für diejenigen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist und Millionen Erwachsenen in Deutschland, die nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können.

Ihnen hilft Leichte Sprache. Sie ist eine Form der mündlichen und schriftlichen Kommunikation, dabei festen Kriterien unterworfen: Kurze Sätze, einfache Wörter, Wiederholungen, klare Schrift, erklärende Bilder.

In einer vierteiligen Serie, verfasst von Marie-José Rosenwald, Projektmitarbeiterin des Netzwerk Inklusion im Landkreis Lörrach, beleuchten wir das Thema Leichte Sprache aus unterschiedlichen Blinkwinkeln.

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