Kreis Lörrach Familien unter großem Druck

Michael Werndorff
Viele Kinder im Landkreis Lörrach stehen auf Kita-Wartelisten. Foto: pixabay

Die Lage im Bereich der Kinderbetreuung im Landkreis Lörrach ist enorm angespannt. Vielerorts sind zu wenig Plätze vorhanden, sodass teilweise Wartelisten im dreistelligen Bereich geführt werden müssen. Ein weiteres Problem ist der Fachkräftemangel. Das berichtete Carolin Eichin von der Jugendhilfeplanung am Mittwoch im Kreis-Jugendhilfeausschuss.

Von Michael Werndorff

Kreis Lörrach. Die Bedarfsplanung der Kommunen im Kreis zeigt eindrücklich, dass es auf vielen Ebenen Anstrengungen braucht, damit Kinderbetreuung auf zukunftsfähigen Füßen steht und vor allem die Bildungschancen der frühen Jahre genutzt werden können, lautete die Botschaft.

Damit der Landkreis seinem gesetzlichen Auftrag gerecht werden kann, den Rechtsanspruch der Kinder auf einen Betreuungsplatz sicherzustellen, wirke dieser durch die jährliche Abfrage der Bedarfsplanungen auf einen entsprechenden Ausbau in den Kommunen hin, wie Eichin erklärte. Nach Auswertung seitens der Kreisverwaltung erfolgten persönliche Beratungen und Gespräche in den Gemeinden, um weitere Handlungsoptionen abzustimmen.

Die Ergebnisse der Bedarfsmeldungen für das laufende Jahr sind aufgrund noch einiger fehlender Rückmeldungen nicht vollständig. Doch schon jetzt zeigt sich, dass im Bereich Ü3 zum Stichtag 1. März ein Defizit von 454 Betreuungsplätzen besteht. Im vergangenen Jahr waren es 418. Insgesamt stehen 7273 Ü3-Plätze zur Verfügung. Laut Eichin sollen nächstes Jahr 374 Plätze neu geschaffen werden, der mit 7875 Plätzen errechnete Bedarf sei dann immer noch nicht gedeckt, erklärte die Planerin. Anders die Lage bei U3: Während vergangenes Jahr ein Defizit von 311 Plätzen registriert wurde, sind es zum Stichtag 191.

Rechtsanspruch ist Herausforderung

Eine Herausforderung ist auch der Rechtsanspruch eines jeden Kindes auf eine bedarfsgerechte Förderung durch ein Kindertagesbetreuungsangebot – hier steht der Kreis in der Pflicht, den Anspruch zu erfüllen. Im Bereich Ü3 wurden vergangenes Jahr 18 Ansprüche erfüllt, in neun Fällen gelang es nicht. Im laufenden Jahr sind es ebenfalls schon neun Fälle, 14 waren am Stichtag erfüllt. Laut Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella hat der Kreis dieses Jahr noch keine Klage registriert.

Ganz oben auf der Agenda stehen auch Personalgewinnung und -sicherung: Der Fachkräftemangel habe schon längst den pädagogischen Bereich erreicht und die Prognosen zeigten der Verwaltung, dass der Fachkräftebedarf in diesem Bereich weiter steigen werde. Somit rückten bei den Beratungs- und Hinwirkungsgesprächen die personalrelevanten Fragestellungen in den Fokus, erklärte Eichin. Um bestehendes Personal zu halten und hohe Fluktuationen zu vermeiden, würden Aspekte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beleuchtet. Dabei gehe es umbauliche Maßnahmen wie Lärmschutz, aber auch ein höherer Personalschlüssel soll für Abhilfe sorgen.

Indes sei die Bedarfsplanung auf knapper Kante genäht, sodass wichtige entlastende Faktoren für die Fachkräfte, wie eine Doppelbelegung eines Platzes bei Kindern mit erhöhtem Förderbedarf oder die langsam anwachsende Gruppengröße wegen unterjähriger Aufnahme, nicht bedacht werden könne. Unvorhergesehene Bedarfe, die ebenfalls mit einkalkuliert werden sollten, können laut Eichin meist nicht bedient werden. Diese sehe die Verwaltung derzeit auch bei der Versorgung der geflüchteten Kinder aus der Ukraine.

Investition in eine sichere Zukunft

Eine verlässliche und qualitativ hochwertige Infrastruktur im Bereich der Kindertagesbetreuung sei die Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und könne für Kommunen zu einem wichtigen Standortfaktor werden.

Die Förderung der frühkindlichen Bildung sei nicht nur eine unmittelbare Investition, weil junge Eltern dadurch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden, es sei vielmehr bereits heute eine Investition in eine sichere Zukunft. Der nicht gedeckte Fachkräftebedarf führte laut Auswertung im vergangenen Jahr zu sieben mehrtägigen Einschränkungen der Öffungszeiten, dieses Jahr waren es zum Stichtag neun. Weiter wurden vier vorübergehende Gruppenschließungen gezählt.

Dass sich die Situation zuspitze, befand Gabriele Weber (SPD). Sie sprach von verzweifelten Eltern, ratlosen Kita-Leitungen und Personal unter Druck. „Es ist dramatisch.“ Gerade im Bereich Ü3 wachse der Bedarf. Jörg-Tonio Paßlick (FW) hob auf die Attraktivität des Erzieher-Berufs ab. Es brauche radikale Attraktivitätsverbesserungen. Und Kräfte aus dem Ausland zu gewinnen, könne keine Lösung sein, betonte Hanspeter Hüttlin (CDU).

Die Ressource Fachkräfte sei erschöpft, machte Eichin deutlich. „Wir wissen bald nicht mehr, wo wir noch ansetzen können.“

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