Kreis Lörrach Für eine gelebte Gesundheitskultur

Sieht Handlungsbedarf seitens der Kliniken: Thilo Jakob Foto: zVg Foto: Die Oberbadische

Im Rahmen der Gespräche zu Gesundheitsthemen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Lörrach spricht Thilo Jakob am morgigen Dienstag zum Thema „Das Unternehmen Krankenhaus … und warum Gesundheit die Informationstechnologie als Wertschöpfungshebel Nummer Eins abgelöst hat“.

Welche Rolle die Gesundheit und das Wohlbefinden von Mitarbeitern für den Erfolg eines Krankenhauses spielen, erklärt Jakob im Gespräch mit Alexander Anlicker.

Der Titel ihres Vortrags lautet „Das Unternehmen Krankenhaus … und warum Gesundheit die Informationstechnologie als Wertschöpfungshebel Nr. 1 abgelöst hat“. Wie kann Gesundheit die Produktivität steigern?

In der Geschichte der Volkswirtschaft standen technische Innovationen für Produktivitätssprünge. Da in der Wissensgesellschaft nicht mehr die Verarbeitung, sondern die Vernetzung von Informationen der Flaschenhals der Produktivität ist, hat die für die Wissens-Vernetzung bei Menschen erforderliche psychosoziale Gesundheit die Informationstechnologie als wichtigsten Wertschöpfungshebel abgelöst. Für immer mehr Unternehmer ist Gesundheitsmanagement deshalb der Erfolgsfaktor Nummer Eins und damit nicht weniger als das Fundament des von der Qualität der Vernetzung abhängigen Unternehmenserfolges.

Es geht in ihrem Vortrag also nicht direkt um die Gesundheit von Patienten, vielmehr steht die Gesundheit der Beschäftigten des „Unternehmens Krankenhaus“ im Mittelpunkt?

So ist es. Mit Thomas von Aquin (1225 bis 1274) hat einer der einflussreichsten Philosophen und Theologen der Geschichte einen Gesundheitsbegriff geprägt, der nichts an seiner Aktualität verloren hat: „Gesundheit ist weniger ein Zustand als Vielmehr eine Haltung, und diese gedeiht mit der Freude am Leben.“

Kurz gesagt: Investiert ein Unternehmen in die Gesundheit und Zufriedenheit seiner Mitarbeiter, dann steigt deren Produktivität. Also im Falle eines Krankenhauses bessere Patientenversorgung bei gleichen oder sogar sinkenden Kosten?

In der Tat. Krankheit von Mitarbeitern ist ein Kostenfaktor, während die Gesundheit von Mitarbeitern eine Investition ist: Es liegt auf der Hand, dass heute der Mangel an psychosozialer Gesundheit der Flaschenhals der Produktivität ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass mehr als zwei Drittel der deutschen Arbeitnehmer Dienst nach Vorschrift machen und 18 Prozent bereits die innere Kündigung vollzogen haben. Die sich daraus ableitenden Kosten von „Präsentismus“ sind dreimal höher, und der Produktivitätsverlust ist sogar 7,5 mal höher als bei Fehlzeiten. Die Qualität der psychosozialen Gesundheit korreliert mit der Qualität der Vernetzung von Wissen und schafft auch die Voraussetzung für das Treffen von intuitiven Entscheidungen, mit denen unbewusstes Wissen und Erfahrungen Einzug in Entscheidungsprozesse halten. Es braucht deshalb eine gelebte Gesundheitskultur und ein innerbetriebliches Gesundheitsmanagement, das sich mit ganz grundsätzlichen Fragen beschäftigt.

Was kann ein Unternehmen konkret tun, wenn es in die Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeiter investieren will?

Wenn Unternehmen mit ihrem Gesundheitsmanagement scheitern, gibt es in der Regel kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem. Das Unternehmen sollte sich deshalb einen externen Partner für die Entwicklung und Institutionalisierung eines systematischen Gesundheitsmanagements suchen. Um alle Mitarbeiter mit einem individualisierten Angebot auch zu erreichen, jeden Tag aufs Neue mitzunehmen und einen unmittelbarer Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten zu können, sollte der Partner auch eine kommunikative Begleitung entsprechender Maßnahmen nach innen, aber auch nach außen anbieten können.

Reichen Sportangebote oder Zuschüsse fürs Fitness-Studio aus, oder braucht es auch strukturelle Veränderungen? Speziell bei Krankenhäusern mit Schichtdienst und einem hohen Frauenanteil in der Pflege dürfte doch auch das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle spielen?

Die Erfahrung zeigt, dass theoretische Managementkonzepte und Seminare alleine genauso wenig nachhaltig und effizient sind wie ein paar unkoordinierte Angebote. Es braucht Lösungen, die alltagstauglich und praktikabel in die betriebliche Organisations- und Infrastruktur integriert werden können. In einem professionellen Gesundheitsmanagement spielen auch strukturelle Veränderungen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wichtige Rolle.

In ihrem Vortrag geht es auch um das Thema Klinikmarketing. Wie wird ein Krankenhaus zu einer Marke? Mundpropaganda spielt bei der Krankenhauswahl von Patienten eine wichtige Rolle, da hat es klassische Werbung doch bestimmt schwer?

Richtig ist, dass Empfehlungen für die Krankenhauswahl oft entscheidend sind. Es kommt für eine Klinik aber eben auch darauf an sicherzustellen, dass das Angebot bei Patienten und Gesundheitspartnern bekannt ist und auch in Anspruch genommen wird. Auf dem Weg zu einer echten Marke gibt es leider keine Patentrezepte.

ZUR PERSON

Thilo Jakob

Der 48-jährige gehört mit seiner Klinikmarketingberatung Thilo Jakob – Health Care To Market in Deutschland zu den Pionieren des Klinikmarketings. Als Geschäftsführer von Breitbarth & Jakob – Corporate Health Care begleitet er Krankenhäuser und Unternehmen bei der Entwicklung und Institutionalisierung eines systematischen Gesundheitsmanagements.

INFO

Gespräche zu Gesundheitsthemen

Im Rahmen der Gespräche zu Gesundheitsthemen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Lörrach findet am morgigen Dienstag, 25. April, ein Vortrag von Thilo Jakob zum Thema „Das Unternehmen Krankenhaus … und warum Gesundheit die Informationstechnologie als Wertschöpfungshebel Nr. 1 abgelöst hat“.Der Vortrag beginnt um 17 Uhr im Raum K 326 der DHBW, Marie-Curie-Straße 4, in Lörrach.

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