Kreis Lörrach Hebel: liberal, aufklärerisch und kindernah

Die Oberbadische, 20.12.2017 04:50 Uhr

Regio (elv). „Er ist so sehr als Verfasser der Alemannischen Gedichte und des Rheinländischen Hausfreundes, als Schulmann und Volksschriftsteller bekannt, dass man fast Mühe hat, sich zu erinnern, dass er auch Theolog[e], Geistlicher gewesen ist“, schreibt der schweizerische reformierte Theologe und Religionspädagoge Johann Müller, ein Schüler von Karl Rudolf Hagenbach in Basel über Hebel.

Für viele Leser von Johann Peter Hebels Werk sind die „Biblischen Geschichten“ ein unentdecktes Land. Zurecht schreibt Otto Frommel: „Wer Hebel wirklich kennen will, der kann an seinen Biblischen Geschichten nicht vorübergehen“. Nun ist eine Neuausgabe erschienen.

Seine „Biblischen Geschichten“ sind 1823 erstmals in einer Gesamtausgabe erschienen [vordatiert auf das Jahr 1824], blieben zehn Jahre lang amtliches Schulbuch und verschwanden spätestens 1855 – „auf Betreiben einer pietistisch-frommen Elternschaft, die Hebels Nacherzählungen als zu liberal empfand, wieder aus den Schulen“, wie Pfarrer Thomas Weiß in seinem Nachwort zur Ausgabe schreibt.

Im Vorwort stellt der Theologe Karl-Josef Kuschel heraus: „Hebel ist eine einzigartige Mischung aus volksnahen und zugleich aufklärerischen Geschichten gelungen, abwechslungsreich zu lesen und kritisch in ihren Pointen.“ Für Goethe trat in den Biblischen Geschichten das zutage, was er als „aufklärerische Vernunftreligion“ bei Hebel erkannte. Die „Biblischen Geschichten“ sollten die als nicht mehr zeitgemäß angesehenen Biblischen Historien von Johann Hübner ersetzen, die im Jahre 1714 verfasst und in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Baden als Schulbuch eingeführt worden waren.

Es ging dabei um eine Kinderbibel, die Episoden aus dem Alten und Neuen Testament enthielt. Hebel verwendete 59 Geschichten aus dem Alten Testament und 64 aus dem Neuen Testament. Hebel ist vor allem daran gelegen, das Alter der angesprochenen Kinder – es sind die Zehn- bis Vierzehnjährigen – gebührend zu berücksichtigen. Hebel wählte aus und ließ besonders im Alten Testament alles Grausame weg und vieles, was nicht zum Erfahrungsbereich der Kinder gehörte.

Die Entstehungsgeschichte der „Biblischen Geschichten“ Hebels ist wohl sehr ungewöhnlich, und wohl kaum ein Schulbuch hat damals und später so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Offenbar erfreute sich Hebel als Autor der Biblischen Geschichten, nicht nur in Dänemark (1826) und England (1962) einer bemerkenswerten Beliebtheit.

Als Kuriosum sei erwähnt, dass im Schweizer Kanton Graubünden zwei rätoromanische Fassungen für das Engadin und das Oberland (Vorderrheintal) und eine freie italienische für das Puschlav und das Bergell länger in Gebrauch blieben als ihre Vorlage in Baden.

Was die Leser in der neuen Ausgabe vielleicht vermissen werden, ist ein Porträtfoto von Johann Peter Hebel (1760 bis 1826), ein Foto seines Elternhauses (heute: Hebelhaus/Literaturmuseum) in Hausen im Wiesental und zwei weitere Lesebändchen.

Man glaubt nur allzu leicht, Johann Peter Hebel zu kennen – und doch gilt es, ihn und sein Werk immer wieder neu zu entdecken. Bereits Gotthold Ephraim Lessing fragte: „Was machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte?“ – im vorliegenden Fall die neue Ausgabe der „Biblischen Geschichten“ aus dem Verlag Klöpfer & Meyer, denn die zuvor erschienenen Ausgaben, zuletzt 1992 im Manesse Verlag in Zürich, sind vergriffen.

 Dem Verleger Hubert Klöpfer und den Autoren gilt der Dank, dass sie diese Marktlücke der „Biblischen Geschichten“ Hebels erkannt und geschlossen haben, denn Jean Paul bekannte bereits: „Hebel sei zu lesen, wenn nicht einmal, so doch zehnmal, wie alles Einfache!“ Johann Peter Hebel: Biblische Geschichten, Herausgegeben, mit einer Einführung und einem Nachwort von Karl-Josef Kuschel und Thomas Weiß, Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2017, 328 Seiten, ISBN 978-3-86351-458-7, 24 Euro

 
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