Basel Heimat, Not und große Gefühle

Hans Mehlin mit historischen Fotos aus dem Familienalbum seiner Urgroßmutter Anna. Foto: Jürgen Scharf

Regio - Eine Geschichte wie aus einem Heimatfilm: Die junge Bauerntochter Anna will dem schweren, entbehrungsreichen Leben auf dem Hotzenwald entfliehen. Mit 15 Jahren muss sie sich als Magd auf dem Mettlerhof bei Gersbach verdingen, wo sie sich in den Jungbauern und Hoferben verliebt, den sie aber nicht heiraten darf. Als der Mettlerhof in Flammen aufgeht, packt sie ihr Bündel und sucht ihr Glück als „Dienschtmaidli“ in der großen Stadt Basel.

Was wie ein Drehbuch klingt, ist eine wahre Geschichte: die von Anna Büche, geborene Keller (1875-1965). Sie wächst in einem strohgedeckten Haus in der Nähe vom Klausenhof in Großherrischwand in ärmlichen Verhältnissen auf, fristet mit ihren drei Schwestern Pauline, Marie und Stefanie und den Eltern ein einfaches, arbeitsreiches Leben.

Lebensgeschichte der Uroma aufgeschrieben

Wie die junge Hotzenwälderin die kleinbürgerliche Welt verlässt, was sie als Hausmädchen am Basler Nadelberg bei der Industriellenfamilie Alioth erlebt, wie sie das Stadtleben genießt, später mit ihrem Mann, einem Bauschätzer der Basler Feuerversicherung, in Kleinbasel zwischen dem Badischen Bahnhof und der Dreirosenbrücke wohnt, wo viele badische Dienstleute ansässig sind, und wie es dann weitergeht nach einem Schicksalsschlag im Ersten Weltkrieg – davon erzählt Hans Mehlin in der Familiennovelle „Die Hotzenwälder Anna und ihr Mühlespiel“.

Der pensionierte Forstdirektor schildert die Lebensgeschichte seiner Uroma Anna in den Jahren 1890 bis 1918. Mehlins familiäre Wurzel liegen in Lörrach und Weil am Rhein. Er selbst ist in Weil aufgewachsen und hat sein Abitur im Hebelgymnasium Lörrach gemacht. Seine Großelternfamilie hat in der Riesstraße gewohnt, wo er noch als Jugendlicher die Urgroßmutter Anna besuchte, die in der Dachmansarde lebte und in Lörrach fast 90-jährig starb. Von ihr hat Mehlin vieles authentisch erfahren, ebenso aus Erzählungen und Geschichten im Familienkreis, was er in seiner Anna-Novelle verarbeitet hat. Er beschreibt seine Uroma als eine starke Frau, die zwei Weltkriege, Krisen und Notzeiten überstanden hat.

„Uroma Anna liebte das Mühlespiel. Sie richtete ihren Willen im Leben nach dessen Spielregeln“. Dem Autor gelingen lebensnahe Schilderungen des harten Hotzenwälder Bauernalltags Ende des 19. Jahrhunderts, wo Mehlsuppe und Brägel auf den kargen Tisch kommen und der Vater, dessen beide Söhne im Frankreichfeldzug verschollen sind, seine Familie kaum ernähren kann.

Armut hier – Basler Reichtum dort

Dem bäuerlich-ländlichen Milieu gegenüber stellt Mehlin das Basler Großbürgertum: das Stadthaus Alioth, wo Anna in die „Mamsell-Kammer“ zieht, jetzt die Haare offen trägt und sich wie eine städtische Frau gibt, als ob sie ihr altes Landleben schon vergessen hätte.

Man wird beim Lesen durch die präzisen Charakterzeichnungen in die verschiedenen Gesellschafts- und Lebensverhältnisse hineinversetzt: von der Stube mit Kachelofen und Herrgottswinkel im ärmlichen Hotzenwald bis zum feinen Damensalon fürs „Cafikränzli“ in den vornehmen Kreisen des „Basler Daigs“. Das Büchlein beschreibt anschaulich den Weg aus der Armut über den gesellschaftlichen Aufstieg bis zur Ausweisung aus der Schweiz im Ersten Weltkrieg („Use mit de Waggis un de Schwoobe“) und der Übersiedlung ins grenznahe Lörrach.

In seinem „Alemannischen Intermezzo“ bringt der erklärte Hebel-Verehrer Mehlin in den autofiktionalen Dialogen den heimischen Dialekt ein, wie ihn seine Vorfahren gepflegt haben, und schmückt die Erzählung mit einem alemannischen Gedicht von Hebel („Erinnerung an Basel“). In einem Glossar werden die Dialektwörter erläutert.

Annas Geschichte über Heimat, Not, Verlust und große Gefühle liest sich romanhaft – ist aber dem realen Leben abgelauscht. Am Ende weiß Anna: „Jetzt heißt’s gumpe“. Sie stellt ihr Mühlespiel neu auf.  Hans Mehlin: „Die Hotzenwälder Anna“, Verlag Books on demand, ISBN 978-3-7534-6131-1, 87 Seiten, 4,99 Euro

Lesung von Hans Mehlin aus seiner Familiennovelle am 3. Juli um 16 Uhr im Wagenschopf des Klausenhofs in Großherrischwand

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