Kreis Lörrach Hilfe bei Gewalt gegen Frauen

Schon der erste Eindruck im Treppenhaus auf dem Weg ins Büro der Frauenberatungsstelle ist einladend. Helle Kinderstimmen aus der Erich-Kästner-Schule im darunterliegenden Stoc+kwerk und bunt gemalte Blumenranken begleiten die Besucherinnen zu ihrem Gespräch.

Von Nina Ricca

Kreis Lörrach. „Viele Frauen werden von Freundinnen begleitet.“, erklärt Justina Störk, Diplom-Sozialpädagogin und Fachberaterin für sexualisierte, psychische und körperliche Gewalt in der Frauenberatungsstelle in Lörrach.

Insgesamt 232 Frauen und Mädchen ab 14 Jahren haben allein im vergangenen Jahr in fast 900 Beratungsterminen Hilfe und Rat gesucht. Dabei ist das Spektrum der Fälle sehr weit gesetzt, von sexuellem Missbrauch und weiteren Formen sexualisierter Gewalt wie Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung, körperlicher, häuslicher Gewalt, psychischer Gewalt oder Trennungsberatung, jeder Fall ist anders und jede der Frauen braucht den Raum und die Zeit, um vertrauen zu können. „Wir hören hier von sehr belastenden Erfahrungen und sind gleichzeitig immer wieder beeindruckt vom Mut und der Kraft, mit denen Frauen und Mädchen ihren Weg suchen und gehen“, erklärt Störk.

Auch in dem Bereich der Besucherinnen mit Essstörungen erlebt ihre Kollegin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Diplom-Heilpädagogin Mechthild Frey einen Zuwachs an Beratungen in den letzten Jahren. „Essstörungen sind oft ein schambesetztes Thema. Die Gründe sind ganz vielfältig, zum Teil auch ein seelischer oder körperlicher Missbrauch in der Vergangenheit. Die Beraterin leitet auch eine angeleitete Gruppe für Frauen mit Essstörungen an. Ein kleiner Teil der Arbeit ist auch Prävention. Einerseits sind dies Aktion an Schulen, andererseits Workshops mit Pferden für Mädchen mit dem Thema.

Beratungsbedarf nimmt zu

„Der Bedarf nach Beratung von Frauen geht ganz klar nach oben“, weiß Störk. „In den letzten Jahren sind wir von 650 auf fast 900 Beratungen pro Jahr gekommen. Das liegt auch daran, dass wir relativ zeitnah Termine anbieten können, während viele Psychotherapeutinnen schon Monate im Voraus ausgebucht sind.“

Dazu gehört ein großes Herz, denn keine der Beraterinnen ist Vollzeit angestellt. „Wenn wir träumen dürften, könnten wir leicht noch zwei volle Stellen brauchen“, lächelt Frey.

Die Frauenberatungberatungsstelle in Lörrach ist seit 26 Jahren ein freier Träger, welcher zu 75 Prozent in freiwilliger Leistung vom Landkreis und ein kleinerer Teil auch von der Stadt Lörrach finanziell bezuschusst wird. Die restlichen 25 Prozent, etwa 50 000 Euro müssen die Mitarbeiterinnen des Vereins selber durch Spenden organisieren. Dazu planen die Mitarbeiterinnen und ehrenamtlichen Helferinnen Benefizkonzerte oder sprechen Institutionen oder Einzelpersonen an. „Wir sind sehr dankbar, dass wir finanzielle Unterstützung durch den Landkreis bekommen, der tatsächliche personelle und finanzielle Bedarf ist allerdings deutlich höher.“

Sie hofft, dass sich bundesweit eine Besserung durch das in Kraft treten der Istanbul-Konvention einstellen wird. Die Istanbul-Konvention ist am 1. Februar in Deutschland in Kraft getreten, sie beschreibt das Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Damit verpflichtete sich die Bundesrepublik jegliche Arbeit gegen Gewalt gegen Frauen zu unterstützen, und Betroffenen Schutz und Unterstützung zu gebieten. „Aber es dauert einfach, bis solche Beschlüsse sich in der Realität hier vor Ort auswirken“, sagt Störk. An der Tür klingelt es. Die nächste Frau kommt die Treppe hoch, ein vorsichtiges Lächeln auf dem Gesicht.

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