Kreis Lörrach Cannabis: Kein Konsum ist ohne Risiko

„Es ist richtig, dass sich die Politik mit dem Cannabiskonsum beschäftigt“, erklärt Frank Meißner. Foto: Die Oberbadische

Kreis Lörrach -  Bis zu zehn Gramm Cannabis könnten in Baden-Württemberg bald straffrei sein. Mit dem Schwarz-Grünen-Koalitionsvertrag soll die Eigenbedarfsmenge erhöht werden. Der Leiter der Drogen- und Jugendberatung „Arbeitskreis Rauschmittel“ Lörrach, Frank Meißner, findet die Entscheidung richtig.

„Das ist der richtige Schritt“, findet Meißner. Es sei richtig, dass sich die Politik mit dem Cannabiskonsum und der allgemeinen Suchtfrage beschäftigt.

Mit der Erhöhung der Eigenbedarfsmenge an Cannabis gehe aber keine Straffreiheit einher, hebt Meißner hervor. „Das suggeriert, dass man Cannabis besitzen darf. Aber Cannabis – der Konsum steht laut BtMG nicht unter Strafe – ist noch lange nicht legalisiert.“

Illegaler Bereich

Mit der neuen Gesetzgebung könne lediglich von einer Klage bei bis zu zehn Gramm Cannabis abgesehen werden. Die Polizeiarbeit werde dadurch aber nicht beeinträchtigt. Die mitgeführte Menge werde nach wie vor zur Strafanzeige gebracht. Dort muss dann die Staatsanwaltschaft prüfen, ob von einer Anzeige abgesehen werden kann.

„Wer Cannabis konsumiert, befindet sich in einem illegalen Bereich“, macht Meißner deutlich. Gleichwohl findet er, dass Konsumenten nicht bestraft werden sollten. „Der Schaden bei einer Bestrafung ist beim Großteil der Konsumenten in der Regel größer als der Schaden, der durch den Konsum entsteht.

Grund dafür sind die entstehenden sozialen Konsequenzen durch Diskriminierung und dass Konsumenten mit einer Bestrafung häufig an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.“ Er räumt aber ein, dass eine Strafverfolgung bei dem ein oder anderen bewirkt, den Konsum umgehend einzustellen. „Ich wage aber die These, dass dies in der Regel die Personen sind, die ohnehin eine kurze Konsumphase gehabt hätten. Denn der Großteil der Verbraucher stellt den Konsum bis zum 30. Lebensjahr wieder ein.“

Gefahr der Abhängigkeit

Dies heiße aber nicht, dass das Kiffen ohne Risiko ist. Die Gefahr einer Abhängigkeit bestehe nach wie vor. Dass Cannabis als Einstiegsdroge bezeichnet wird, weist Meißner allerdings zurück. „Es gibt dafür keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Zudem erscheint es für alle unglaubhaft, die risiko- und gesundheitsbewusst konsumieren. Das nimmt den Menschen die Verantwortung.“

In Deutschland haben laut Meißner rund 30 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal Marihuana konsumiert. Zwar sei die Zahl kontinuierlich über die Jahre gestiegen, doch die Zahl der klinisch-relevanten Verbraucher bleibe zwischen 1,2 und 1,5 Prozent stabil. Dies zeige, dass die meisten Konsumenten keine Abhängigkeit durch Cannabis entwickeln.

„Kein Konsum ist ohne Risiko. Dennoch bedeutet er nicht gleich Abhängigkeit. Um abhängig zu werden, spielen andere Faktoren eine Rolle.“ Meißner erklärt: „Ein Faktor ist das persönliche Befinden, sprich, wie verletzlich oder psychisch betroffen eine Person ist. Dann wäre noch die gesellschaftliche Situation wie Armut oder Perspektivlosigkeit.“ Als letzten Punkt nennt der Experte das Lebensumfeld.

Hohe Verfügbarkeit

Die Verfügbarkeit von Cannabis sei im Landkreis Lörrach hoch. Der Online-Cannabis-Boom, der durch die Corona-Pandemie entstanden ist, ist dabei aber noch nicht inbegriffen. Denn der Arbeitskreis-Leiter glaubt, dass die Pandemie eine Auswirkung auf den Cannabis-Konsum hat: „Die soziale Isolation und der Mangel an Beschäftigung können den Konsum bestärken. Dadurch ist ein Abrutschen in die Abhängigkeit möglich.“

Basel hat große Szene

Ob der verstärkte Konsum auch über die Pandemie hinaus anhalten wird, wird sich laut Meißner aber erst noch zeigen. „Derzeit merken wir noch nichts. Die Beratungsanfragen sind gegenüber dem Vorjahr fast gleich geblieben. Aber ich glaube, das liegt daran, dass die Menschen nicht damit rechnen, dass wir erreichbar sind.“

Im Jahr 2020 kamen 248 Personen mit der Hauptdiagnose Marihuana-Abhängigkeit zum Arbeitskreis Rauschmittel. Knapp ein Drittel davon seien behandlungsbedürftig gewesen. „Das ist eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die längerfristig behandelt und unterstützt werden muss. Darunter können aber auch Mischkonsumenten sein.“

Basel als Nachbarstadt spiele hinsichtlich der Verfügbarkeit auch eine Rolle. „Als eine große Stadt hat Basel eine große Szene, bei der man sich versorgen kann.“ Indes glaubt er, dass durch den Grenzübertritt das Entdeckungsrisiko erhöht ist. „Den ein oder anderen hält es ab, Cannabis mitzuführen.“

Um von Cannabis wieder loszukommen, brauchen Suchtkranke stützende Faktoren, weiß Meißner. Dazu gehören zum Beispiel auch Interessen, Hobbys und Lebensperspektiven. Wichtig sei vor allem, sich von anderen Konsumenten zu distanzieren. „Das ist nicht anders als bei Alkohol und Nikotin.“ Klar sei auch, dass der Ausstieg bei Cannabis leichter ist als von Heroin oder Opiaten.

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