Kreis Lörrach #allesdichtmachen: Geteiltes Echo in der Regio-Kultur

Zahlreiche prominente Schauspieler haben sich an der Video-Aktion beteiligt. Foto: Die Oberbadische

Regio - Die ironisch-sarkastisch gedachte Video-Kunstaktion von rund 50 prominenten Schauspielern zur Corona-Thematik schlägt weit über das Feuilleton hinaus Wellen. Die Aktion unter dem Hashtag #allesdichtmachen wurde und wird hunderttausendfach aufgerufen, mehrere Videos sind inzwischen gelöscht, Beteiligte distanzieren sich. Wir wollten wissen, was Kreative aus der Regio von der Schauspieler-Initiative halten.

Karin Maßen

Karin Maßen, Leiterin des Theaters Tempus fugit, findet die Aktion blauäugig durchgeführt. „Prinzipiell darf Kunst natürlich sehr viel. Aber: Kunst kann eben auch vereinnahmt werden. Und davor muss sie geschützt werden.“ K

ritische oder satirische Beiträge von Künstlern zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen sieht Maßen durchaus gerechtfertigt. „Man hätte diese Beiträge jedoch anders einbetten, besser kommunizieren müssen. Wenn man provoziert, muss man auch die im Blick haben, die man provoziert.“

Sie glaubt, dass die beteiligten Schauspieler die Aktion gar nicht politisch verstanden hätten; aber solche Beiträge in dieser Größe unkommentiert ins Netz zu stellen, das sei eben politisch.

„Die extremen Reaktionen auf diese Videos sind allerdings völlig übertrieben“, sagt die Theaterfrau. Sie zeigten, wie stark die Polarisierung in unserer Gesellschaft vor allem beim Thema Corona inzwischen sei. Dass einige Künstler Einsicht gezeigt hätten oder Videos gelöscht hätten, findet sie positiv. „Viele zeigen, dass sie sich da nicht verrennen wollen.“

Auch in ihrem Haus werde durchaus mit der coronabedingten Situation gehadert, sagt Karin Maßen. „Wir werden das Thema Corona, vor allem aber auch die Phänomene der Polarisierung sowie der Vereinsamung und Vereinzelung natürlich auf der Bühne aufgreifen.“

Über die Situation der Theater ist sie sehr traurig. „Wir hören immer: Ja, ja, Kultur ist sehr wichtig, aber... Ich glaube, vielen ist immer noch nicht bewusst, was Kultur und kulturelle Bildung bedeuten und wie wichtig sie sind. Wir haben lange alles mitgetragen, aber es wird zunehmend schwieriger, die Einschränkungen zu verkraften.“

Das Abtauchen in andere Welten im Theater sei nicht ersetzbar, auch nicht digital. „Da fehlt Elementares.“

Helmut Förnbacher

Fünf Monate lang musste Helmut Förnbacher sein Theater am Badischen Bahnhof coronabedingt schließen. „Wir sind in einer überspitzen, extremen Situation“, bilanziert er. „Wahnsinn, was das Virus mit uns treibt und macht.“ Am schlimmsten findet er das Hingehaltenwerden, das Fehlen an klaren Perspektiven. Immerhin: An seinem Haus darf wieder gespielt werden.

Er findet die Aktion der deutschen Schauspieler gut und richtig. Sie rege zum Diskutieren an, rücke das Thema Kultur in den Fokus.

Man müsse nun allerdings versuchen, die Diskussion auf einen fairen Nenner zu bringen. „Kunst darf, ja, sie muss sogar provozieren. Deswegen muss sie ja nicht Recht haben.“

Er wolle nicht die Entscheidungen der Politiker treffen müssen. Allerdings stört ihn, wie die Politik über Kultur redet. Letztere werde meist als „nice to have“ angesehen. „Kultur ist aber systemrelevant. Sie ist lebenswichtig“, sagt der Schauspieler, Regisseur und Theatermann Förnbacher und fürchtet um die Existenz vieler Häuser sowie die Karrieren vieler, gerader junger Schauspielkollegen.

Birgit Degenhardt

Die Leiterin des Werkraum Schöpflin Birgit Degenhardt verurteilt die Video-Aktion als „unsäglich und peinlich für die Zunft der Schauspieler“.

Wenn sich die Aktivisten für Pflegekräfte oder zumindest für Schauspielkollegen eingesetzt hätten, die anders als die beteiligten Prominenten extrem unter der aktuellen Situation leiden, hätte dies eine Berechtigung gehabt. So aber sei die geradezu zynische Aktion daneben gegangen, was einige Beteiligte inzwischen auch gemerkt hätten.

„Kunstfreiheit hat viele Räume, und ich bin eine große Freundin der Satire. Bei dieser Aktion allerdings frage ich mich: Was wollten die damit eigentlich erreichen?“

Marion Schmidt-Kumke

„Das ist gründlich misslungen“, sagt die Regisseurin und Dramaturgin Marion Schmidt-Kumke. Es sei keine gute Idee gewesen, solche Videos ohne Kontext ins Netz zu stellen. „Ich habe mir einige angeschaut und fand sie zudem wenig gelungen. Zynismus bringt uns in diesen Zeiten nicht weiter.“

Achtung habe sie vor den Schauspielern, die ihre Videos zurückgezogen haben, wie beispielsweise Meret Becker oder Ulrike Folkerts, und sich entschuldigt haben. „Diese Promi-Schauspieler kapieren gar nicht, wem sie mit ihren Äußerungen eine Steilvorlage bieten. Wie kann man ungefiltert solche Statements ins Mikro sprechen. Ich bin enttäuscht und wütend.“

Damit hätten die Initiatoren der Masse der Schauspieler keinen Dienst erwiesen. Denn es sei die Mittelschicht, die ganz normalen Schauspieler, die unter der Krise enorm litten – nicht die TV-Stars. Schmidt-Kumke befürchtet hier das Schlimmste: „Es herrscht große Depression und Hilflosigkeit. Und ich befürchte, dass viele Theater – auch städtische – diese Krise nicht überleben werden.“

Ihr Rat an die Promis: Sie sollten eine Korrektur ins Netz stellen – oder in einem Krankenhaus helfen.

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