Kreis Lörrach Landleben wieder attraktiv machen

Peter Ade
Frisch vom Feld auf den Tisch –­ das schätzen viele Verbraucher.Archivfoto: Michael Werndorff Quelle: Unbekannt

Die Folgen der Corona-Pandemie und die notwendigen Konsequenzen aus dem angestrebten Klimawandel führen zu einer enormen finanziellen Belastung für Städte und Gemeinden. Doch gibt es ermutigende und hoffnungsvolle Entwicklungen: Regionale Produkte erfahren neue Wertschätzung. Darüber referierte Michael Kopatz, Senior Researcher am Wuppertal Institut, auf Einladung der Energieagentur Südwest vor Unternehmern und Kommunalpolitikern.

Von Peter Ade

Kreis Lörrach. Der Waldshuter Landrat Martin Kistler brachte es auf den Punkt: „Wir müssen die Herausforderung als Chance begreifen und mit vielen Unternehmen und damit Partnern in enger Kooperation unterwegs sein.“ Kistler sprach zum Auftakt der von der Kompetenzstelle Energieeffizienz Hochrhein-Bodensee – kurz KEFF – initiierten Abschlussveranstaltung einer attraktiven Themenreihe, die seit Oktober 2021 angeboten wurde (wir berichteten).

„Wirtschaft ist mehr!“, betitelt der Wissenschaftler Kopatz sein neuestes Buch zu Wachstumsstrategien für nachhaltige Geschäftsmodelle in der Region. Er zeigt auf, dass Gutscheinsysteme, Zwischennutzungen und Lieferservices boomen. Homeoffice und Co-Working-Spaces machten das Leben im Umland wieder attraktiv. Sharing-Ökonomie, lokale Produktion und regionale Nahversorgung seien populär geworden. Bisher, erklärte der Referent, agierten Kommunen und ihre Wirtschaftsförderer meist nur als Beobachter. Daher rät der Soziologe und Umweltwissenschaftler in seinem Buch „Wirtschaft ist mehr!“, sie aktiv zu fördern.

Soziale Innovation

Die Wirtschaft brauche auch soziale und kulturelle Innovationen. Ausschließlich mit klassischer Wirtschaftsförderung sei es nicht getan. Gefragt sei vielmehr ein umfassendes Agieren. Besonders nach der Corona-Pandemie sollten die Kommunen über die klassischen Strategien hinausgehen und lokale und regionale Wirtschaftsstrukturen stärken. Auch private und öffentliche Haushalte, Vereine und soziale Initiativen müssten stärker in den Fokus geraten. Kopatz nennt diesen Ansatz „Wirtschaftsförderung 4.0“.

Kopatz‘ Ideen haben klar zum Ziel, „vor Ort“ neue Wertschöpfung zu entfachen, lokale Investitionsmöglichkeiten aufzudecken und regionale Kaufkraft zu binden. Positive Effekte: Ressourcengerechtigkeit und Klimaschutz werden gefördert, die regionale und lokale Wirtschaft wird stabilisiert und Regionen werden widerstandsfähiger gegen globale Krisen.

Heftig kritisierte der Referent den zunehmenden Ausbau von Lieferketten über Tausende Kilometer hinweg – mitunter für die simpelsten Produkte des täglichen Bedarfs, die vor Ort wesentlich umweltschonender und in freundlichem Ambiente hergestellt werden könnten.

Politik zögert noch

Die Potenziale für die „Renaissance regionaler Produkte“ seien vorhanden, man müsse sie nur sehen und das Landleben wieder attraktiv machen. Kopatz wörtlich: „Meine Vision ist, dass die Menschen nur noch mit schlechtem Gewissen bei Amazon einkaufen.“

Der Debatte über politische Steuerung für den Umweltschutz hat der Wissenschaftler bereits bedeutende Impulse gegeben. Den Regierungen wirft er „viel zu zögerliches Agieren“ vor. Der vom Bund finanziell geförderte Straßenbau habe unweigerlich zur Folge, dass der Verkehr zunehme und die Umwelt letztlich weiter kaputt gehe. Notwendig sei auch ein Tempolimit auf Autobahnen.

Mit seinem Plädoyer für die Stärkung der Regionen verbindet der Wissenschaftler den Wunsch, dass sich die Menschen wieder mit ihren Städten und Gemeinden identifizieren und sich auch in ländlichen Gebieten wohlfühlen.

Kopatz regte die Gründung regionaler Erzeuger- und Vermarkter-Genossenschaften an, die letztlich auch dem „Wir-Gefühl“ der Menschen dienlich seien.

  • Bewertung
    0

Umfrage

Siegfried Russwurm

Rente mit 70 oder 42-Stunden-Woche? Wegen des Fachkräftemangels schlägt BDI-Präsident Siegfried Russwurm die Einführung der 42-Stunden-Woche für alle vor. Was halten Sie davon?

Ergebnis anzeigen
loading