Kreis Lörrach Lebenszeichen der Kultur

Regio - Der einsame Balkon als Bühne, die menschenleere Straße als Zuschauerraum? Genau so! Am Sonntag waren Musiker in ganz Deutschland aufgerufen, zu Hause am offenen Fenster ein kleines Ständchen zu geben – als Lebenszeichen einer in Corona-Zeiten vermeintlich stillgelegten Kultur-Community und als kleine Freude für alle. Dank der Verbreitung über die sozialen Medien nämlich kamen bei vielen Teilnehmern nicht nur die direkten Nachbarn in den Genuss der Soloeinlage, sondern eine breite Internetöffentlichkeit. Auch im Landkreis Lörrach war mindestens ein halbes Dutzend Musiker mit von der Partie.

Von Metallica bis Beethoven

Das offiziell ausgerufene Programm – Beethovens gravitätisches „Freude schöner Götterfunke“ – freilich wurde dabei reichlich frei interpretiert: In Nollingen zum Beispiel sägte Metallicas „Nothing else Matters“ durch die Straßen, in Stetten erklang Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“ und in Fahrnau wurde Namikas „Lieblingsmensch“ besungen.

„Ich bin E-Gitarrist und Rocksänger – da steht mir Metallica besser als Beethoven“, schmunzelt Mario Stracuzzi. Der Musiker aus Nollingen hat über sein Netzwerk dafür gesorgt, dass die Aktion auch unter den Musikerkollegen in Landkreis verbreitet wurde.

Warum? „Erstens, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Leute daheim bleiben sollen, damit sich das Virus nicht ungehindert weiter verbreitet.“ Solidarität ist dabei das großes Stichwort: „Wir sitzen alle im gleichen Boot. Corona trifft auf die ein oder andere Art alle und macht keine Ausnahme.“

Gleichzeitig rückt der Fenster-Flashmob die prekäre Situation der Kulturschaffenden in den Blick, die aktuell um ihre Existenz bangen: „Als Berufsmusiker und Gitarrenlehrer bricht mir gerade von einem Moment auf den anderen alles weg: Ich darf nicht unterrichten und kann keine Konzerte spielen, weil sämtliche Veranstaltungen abgesagt sind“, macht Stracuzzi deutlich. „So habe ich wie tausende anderer Musiker das Problem: Ich verdiene von heute auf morgen einfach kein Geld mehr.“ Seine Hoffnungen ruhen nun darauf, dass staatliche Soforthilfen tatsächlich sofort und unkompliziert verfügbar sein werden.

Zeichen der Solidarität

Ins selbe Horn stößt Nicole Kropf. Sie griff am Sonntag im Wohngebiet „Hegne“ in Schopfheim-Fahrnau zum Mikro und schickte vom Fenster ihres Reihenhauses eine intime, auf Keyboard und Stimme reduzierte Version der Hardrock-Ballade „Nothing Else Matters“ auf die (fast) menschenleere Straße. „Momentan haben wir eine noch nie dagewesene Situation, die jeden auf verschiedenen Art fordert“, erklärt sie. So ein Fensterkonzert sei da ein Zeichen der Solidarität und transportiere gleichzeitig auch einfach eine ordentliche Portion gutes Gefühl: „Ich will etwas Ablenkung und Freude zu den Leuten schicken.“

Ähnlich die Motivation des Duos „Tina & Jo“, die in ihrem Garten in Stetten in die Saiten griffen: „Wir wollen die Situation etwas auflockern.“

„Musik kann den Leuten helfen, ihre Sorgen für ein paar Minuten zu vergessen“, erklärt auch der Schopfheimer Musiker Marc Wise. Und wo der sein Duo aus Stimme und Gitarre einen Song lang unplugged in der Schopfheimer Altstadt erklingen ließ, wuchs sich der Flashmob bei Mario Stracuzzi zum einstündigen Konzert mitsamt dezibelstarker E-Gitarre und mächtig Playback aus. Kräftig angespornt wurde Stracuzzi dabei von einer Facebook-Community, die das Balkonkonzert via Live-Stream verfolgte, zeitweise auf über 500 Zuhörer anschwoll und hunderte von Likes und begeisterten Kommentaren daließ: „Das beste was du je gemacht hast.“

Eben diese Resonanz und die über die Musikaktion entstandenen Interaktionen sind es auch, die ihre Teilnahme an der Aktion für die Sängerin Anna Lu und den Gitarristen Kalle Lüber – ebenfalls von einem Balkon in Nollingen aus mit von der Partie – im Rückblick so wertvoll machen: „Das kleine Konzert selbst war ungemein befreiend. Endlich mal wieder aus vollem Herzen singen“, schwärmt Anna Lu. Und zusammen mit dem Feedback von Nachbarn und auf Facebook wurde es „ein wunderschönes Erlebnis“: „Die Rückmeldungen haben gezeigt, wie sehr die Leute das brauchen in diesen Zeiten. Miteinander zu kommunizieren und in Kontakt zu sein – auch wenn es über Balkone oder die sozialen Medien hinweg ist. Das vermittelt den Menschen: Wir sind im Moment vielleicht physisch getrennt. Aber mental trotzdem verbunden.“  

Info:  Unterm Motto "Stay & Play @ Home" lädt Mario Stracuzzi am Freitag von 17 bis 18.30 Uhr schon zum nächsten Konzert: Zuhören? Am besten über seine Facebook-Seite.

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