Kreis Lörrach Nur auf den ersten Blick dramatisch

Im neuen Prognos Zukunftsatlas landet der Landkreis Lörrach nur noch auf Platz 168 aller 401 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands. 2013 rangierte der Kreis noch an 50. Stelle und vor drei Jahren auf Position 74 – der jetzige Absturz überrascht.

Von Michael Werndorff

Kreis Lörrach. Was auf den ersten Blick besorgniserregend erscheint, relativiert sich bei genauerem Hinschauen, denn ein wichtiger Faktor, die Schweiz, haben die Verfasser der Studie nicht berücksichtigt, wie im Gespräch mit Prognos-Experte Olaf Arndt deutlich wird. Und: Das vom ältesten Wirtschaftsforschungsunternehmen Europas erstellte Ranking bildet ein Verhältnis ab: Regionen, die sich trotzdem stabil entwickeln, können eine schlechte Platzierung einnehmen, wenn in anderen Regionen die Entwicklung dynamischer abläuft und es bei einzelnen Bereichen zu Zugewinnen kommt.

Im vorderen Mittelfeld

„Der Absturz um 94 Plätze ist nennenwert und uns sofort ins Auge gefallen“, sagt Arndt. Grundsätzlich müsse man sich aber keine Sorgen machen, dass der Kreis Lörrach in Regionen rutsche, die tatsächlich dramatisch seien. Denn beim genauen Blick zeige sich ein gut aufgestellter Landkreis, in einigen Bereichen bestehe aber Handlungsbedarf.

Noch rangiert der Landkreis im vorderen Mittelfeld, vor dem Kreis Waldshut (Platz 174), aber hinter dem Kreis Emmendingen (71), der Stadt Freiburg (57), dem Schwarzwald-Baar-Kreis (109) und dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald (143), wie aus dem Zahlenwerk hervorgeht. Angeführt wird die Liste von München, Schlusslicht ist der Landkreis Stendal.

Standortwettbewerb

Der Zukunftsatlas soll zeigen, wie gut Deutschlands Kreise und Städte für die aktuellen Wachstums- und Veränderungsprozesse sowie die Zukunft gewappnet sind. Städte und Kreise befinden sich in einem starken Standortwettbewerb um Einwohner, Fachkräfte, Investitionen, Erweiterungen und Ansiedlungen sowie den Infrastrukturausbau. Der Zukunftsatlas soll in diesem Wettbewerb Orientierung bieten und dazu beitragen, dass Kreise und Städte, aber auch Wirtschaftsförderer, Industrie- und Handelskammern sowie weitere regionale Akteure Risiken minimieren. Das Ranking dient damit als zentrales Instrument der Gestaltung zukunftsorientierter Strategieprozesse, heißt es in der jetzt veröffentlichten Studie.

Fehlende Dynamik

In drei Bereichen hat sich der Landkreis Lörrach im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2016 deutlich verschlechtert. Was die Dynamik – ­hier werden Entwicklungen aufgezeigt – betrifft, liegt die Region im hinteren Feld auf Platz 384 (minus 260 Plätze). Die fehlende Dynamik sei ein Hauptgrund für das schlechte Abschneiden in der Gesamtbewertung, erklärt Arndt. Hier verharre der Kreis auf dem Ist-Zustand, während sich andere deutlich dynamischer zeigten.

Arbeitslosigkeit

Ein Abwärtstrend ist auch im Bereich Arbeitsmarkt mit 248 (minus 89 Ränge) zu verzeichnen, was angesichts der positiven konjunkturellen Entwicklung überraschend ist. Hier komme aber eine Stagnation beim Abbau von Arbeitslosigkeit zum Tragen. „Der Kreis landet bei diesem Parameter bundesweit auf dem vorletzten Platz“, erklärt Arndt. Das Thema Langzeitarbeitslosigkeit sei eine der ganz großen Aufgaben für den Kreis Lörrach – hier müsse jetzt etwas geschehen. Bei der Zahl von Schulabbrechern ohne Abschluss, hat sich der Kreis verbessert – von Platz 293 auf 148. Indes gebe es zahlreiche unbesetzte Lehrstellen.

Wenig Gründungen

In Sachen Wirtschaftsentwicklung bestehe ebenfalls Handlungsbedarf, ergänzt der Experte. Von Platz 167 geht es für die Region auf Rang 321. Sehr auffällig sei die Anzahl von Unternehmensgründungen, die sich im Vergleich zum letzten Beobachtungszeitraum mehr als halbiert habe. „Der Kreis verzeichnet bundesweit den größten Rückgang und ist Schlusslicht im Ranking“, betont Arndt. Klar sei, dass in wirtschaftlich guten Zeiten, die Dynamik bei Gründungen abnehme, dennoch müsse man die Frage stellen, ob Gründer genug Unterstützung erhielten.

Bei Wettbewerb und Innovation ist der Rückgang ebenfalls ausgeprägt: Hier liegt der Landkreis 157 Ränge schlechter als vor drei Jahren und landet auf Position 200. Dabei liegt vor den Toren Lörrachs Basel und die gesamte Nordwestschweiz mit ihren prosperierenden, innovativen und finanzstarken Pharma- und Chemieunternehmen. Im Zukunftsatlas von Prognos wurde im Rahmen der nationalen Untersuchung die enge Verflechtung mit der Schweiz aber außen vor gelassen. Unter Einbezug sähe das Ranking des Landkreises anders aus, macht Arndt deutlich.

Große Kaufkraft

Der Indikator Wohlstand betrachtet Kaufkraft, Kriminalitätsrate, kommunale Schuldenlast und der Anteil der in Bedarfsgemeinschaften lebenden Menschen. Hier hat sich der Kreis verbessert und ist um neun Zähler auf Position 83 gerückt und führt eine positive Entwicklung fort: Im Jahr 2010 lag der Landkreis noch auf Rang 154, drei Jahre später schon auf 136. Dennoch liegt der heimische Kreis in Sachen Wohlstand derzeit hinter dem Kreis Waldshut (43), Schwarzwald-Baar-Kreis (48) und Breisgau-Hochschwarzwald (81). Aber: Beim Faktor Kaufkraft liegt der Kreis Lörrach dank seiner engen Verflechtung mit der Schweiz deutschlandweit auf einem der Spitzenplätze (13).

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