Kreis Lörrach Ohne „Nichterfüller“ geht es nicht

Jahrelang wurden zu wenig Lehrkräfte ausgebildet oder Stellen gestrichen, moniert die GEW. Zurückliegende Fehlentscheidungen und eine mangelnde Attraktivität des Berufs würden sich mittlerweile deutlich bemerkbar machen: An Grund-, Sekundar- und Sonderschulen sei der Mangel an ausgebildeten Lehrern besonders groß.

Von Michael Werndorff

Kreis Lörrach. Wenn morgen die Schule wieder beginnt, sorgen überwiegend Quereinsteiger dafür, dass der Pflichtunterricht an besagten Schulen abgedeckt werden kann, wie im Gespräch mit Anja Hanke, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Kreis Lörrach (GEW), und SPD-Landtagsabgeordnetem Rainer Stickelberger deutlich wurde.

Im Bezirk des Schulamts Lörrach, das für die Kreise Lörrach und Waldshut zuständig ist, wurden zum neuen Schuljahr 360 Lehrkräfte eingestellt – die Hälfte von ihnen sind sogenannte Nichterfüller, also Lehrer ohne Lehramtsausbildung. Um alle Stellen zu besetzen, seien im Regierungsbezirk Freiburg bereits etwa 530 befristete Verträge abgeschlossen worden. Es konnten zudem Pensionäre für Lehraufträge gewonnen werden. Darüber hinaus sei eine große Zahl an Teilzeitanträgen zur Erhöhung des Lehrauftrags genehmigt worden, heißt es in einer Mitteilung des Regierungspräsidiums Freiburg.

„Aus unserer Sicht hat sich die Situation insgesamt nicht verbessert“, sagt Stickelberger, der für Baden-Württemberg und die beiden Landkreise von einer prekären Situation spricht. Es sei sogar schlechter geworden, ergänzt die GEW-Vorsitzende. Keine Region im Land habe einen derart hohen Anteil an „Nichterfüllern“.

Zum Vergleich: Vergangenes Jahr wurden laut GEW 270 Lehrer verbeamtet, darüber hinaus sind insgesamt 110 Nichterfüller eingestellt worden. Derzeit gebe es noch 40 offene Stellen, davon zehn im Kreis Lörrach, wobei der Mangel im Bereich Sonderpädagogik am größten sei, erklärt Hanke: Ohne Quereinsteiger gehe hier nichts mehr, und die Inklusion werde zu einer weiteren Verschärfung der Situation führen. „Der Mangel führt zu gekürzten Stundenplänen und einer zusätzlichen Belastung der Kollegen durch Mehrarbeit“, weiß die Vorsitzende. Auch könne es zu weiterem Unterrichtsausfall bei Krankheit kommen, da Vertretungslehrer nicht verfügbar seien.

Was die „Nichterfüller“ angeht, sei man froh, diese zu haben, stellt Hanke klar. Diese seien oft eine Bereicherung. Allerdings brauche es Fachlichkeit, denn pädagogisches Geschick alleine reiche nicht aus, verweist sie auf die notwendige Didaktik und Methodik im Schulunterricht.

Lehrer kaum bereit, wegzuziehen

Deswegen brauche es flankierende Fortbildungsmaßnahmen, das Land biete diese aber nicht an, kritisiert sie. Wünschenswert seien auch Mehrjahresverträge für die sogenannten Nichterfüller. Für die GEW-Vorsitzende ist klar, dass sich ein Qualitätsproblem an Schulen anbahne.

Angesichts der guten Haushaltslage und der Milliardenüberschüsse im vergangenen Jahr könnte sich das Land die Maßnahmen durchaus leisten, meint Stickelberger. „Anscheinend ist eine echte Problemlösung von der Kultusministerin aber nicht gewollt“, sagt der SPD-Politiker und räumt zugleich auch Fehler der Vorgängerregierung ein. Allerdings sei die Haushaltslage damals schlechter gewesen. Hanke lässt auch die Feminisierung des Lehrerberufs aufgrund der Bezahlung nicht unerwähnt. Da viele Familien immer noch ein eher traditionelles Rollenbild leben, seien Lehrkräfte oft Frauen mit einem Teilzeitdeputat, die Zweitverdiener seien. Daraus ergebe sich auch eine Wohnortbindung an den Beruf des Mannes. Was die Region angehe, sei Freiburg ein attraktiver Magnet. „Junge Lehrer sind nicht bereit, von dort wegzuziehen. Sie pendeln maximal bis Efringen-Kirchen und Weil am Rhein.“ Erschwerend komme die Nähe zur Schweiz hinzu, wo die Einstiegsgehälter für junge Lehrer deutlich höher seien.

Um langfristig Abhilfe zu schaffen, müsse der Lehrerberuf durch Entlastung und eine bessere Bezahlung wieder attraktiver werden, fordert Hanke. Auch müsste die Anerkennung ausländischer Diplome erleichtert und zusätzliche Studienplätze geschaffen werden. Und: „Wir brauchen einen Doppelhaushalt mit der Prämisse ,Bessere Bildung’, fordert die GEW-Vorsitzende.

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