Kreis Lörrach Poetische Meisterleistung

Porträt von Adolf Glattacker vor der Landschaft des Wiesentales Foto: Sammlung Dreiländermuseum

Regio. Johann Peter Hebel wird außerhalb Badens und der Schweiz gern einmal mit Friedrich Hebbel verwechselt und auch von vielen, die ihn (zu) kennen (glauben), als freundlich belehrender Volksschriftsteller und idyllisch-beschaulicher Dialektdichter des frühen 19. Jahrhunderts unterschätzt.

Dieser Eindruck von provinzieller Behaglichkeit ist sehr oberflächlich, wie der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt am Beispiel des scheinbar munter dahin plätschernden Rätselgedichts „Wie heißt des Kaisers Töchterlein?“ klarstellt: Wie es bei Hebel „auch sonst geschieht, schwingt im locker Hingesagten unversehens ein älteres und anderes Reden mit“.

Erzähler von Weltrang: literarische Leistung

Hebels wichtigste schriftstellerische Leistung, die ihn weit über den deutschen Sprachraum als Erzähler von Weltrang ausweist, sind seine Beiträge zum „Badischen Landkalender“ (1803-1807) und dessen Nachfolger, dem „Rheinländischen Hausfreund“ (1808-1819), allerdings mit einer Unterbrechung in den Jahren 1816-1818: Die Kalendergeschichte „Frommer Rath“ (1815) wurde als religiöse Beleidigung der Katholiken durch den lutherischen Kirchenrat aufgefasst; Hebel trat vom Kalender zurück und erklärte das öffentlich.

Trotzdem haben die Herausgeber von Hebels „Gesammelten Werken“, die Karlsruher Literatur- und Kulturwissenschaftler Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann, den gesamten Jahrgang 1816 in ihre Ausgabe aufgenommen.

Die zweite poetische Meisterleistung Hebels sind seine „Alemannischen Gedichte“ (1803). Sie bilden zusammen mit den „Frühen Schriften“ (1776-1801) den Band I der „Gesammelten Werke“. Der Band enthält – im Wesentlichen chronologisch geordnet – alle alemannischen und hochdeutschen Gedichte.

Hebels alemannische Gedichte sind bis heute nicht nur stilbildend und identitätsstiftend für das alemannische Sprachgebiet, sondern auch Ansporn und Vorbild für andere Dialektdichtungen geworden; sie stellen eine originäre Leistung dar, deren Erfolg Hebel „bis zur Trunkenheit glücklich“ machte.

Dass der größte Teil dieser Gedichte innerhalb weniger Jahre in Karlsruhe, außerhalb des Alemannischen, entstand, zeigt ihre Bedeutung für die innere Entwicklung des Dichters: Seine reale Heimat, das badische Oberland, war in die Ferne gerückt, die ungewollte, aber auch nicht abgewehrte Karriere in Karlsruhe machte die Aussichten auf eine südbadische Pfarrei mit seiner Brieffreundin Gustave Fecht als Ehefrau immer illusorischer.

Die alemannische Mundart seiner Kindheit wurde ihm nun in seinen Gedichten zur inneren Heimat. Zugleich konnte er in dem ergreifenden Gedicht „Die Vergänglichkeit“ den Abschied von seiner Mutter vollenden, deren frühes Sterben er als Bub von 13 Jahren „auf der Straße zwischen Steinen und Brombach“ erleben musste.

Zeitfragen, Praxis und neue Einblicke

Die Bände V und VI der neuen Ausgabe übernehmen die zweibändige Ausgabe der Briefe Hebels von Wilhelm Zentner aus dem Jahre 1957 praktisch unverändert. Für „einzelne Briefe“, die seitdem in der Badischen Landesbibliothek nachgewiesen werden, wird auf Digitalisate der dortigen Autografensammlung verwiesen. Hier wären ein paar ergänzende Angaben hilfreich, denn Hebels Schrift ist für die heutige Leserschaft nicht so leicht entzifferbar.

Die für die vorliegende Ausgabe ausgewählten theologisch-kirchlichen Texte sind in Band IV zusammen mit allen anderen Texten Hebels außerhalb der Kalender chronologisch geordnet, sodass eine bunte Vielfalt von geistlichen und weltlichen Themen angesprochen wird.

Besonders interessant ist hier Hebels „Tagebuch der Schweitzerreise“, die er vom 22. August bis 22. September 1805 als Mentor zweier junger Barone unternahm. Hier schildert Hebel nicht nur die Schönheit der Landschaften und Orte, sondern auch Gewerbefleiß und freiheitliche Gesinnung der Bürger als Quellen des Wohlstandes.

Das Hebel-Bild wird abgerundet durch die in Band II erstmals publizierten Exzerpte, die in bunter, ungeordneter Folge alle möglichen theoretischen und praktischen Fragen seiner Zeit behandeln und einen Einblick in die Arbeitsweise des Kalendermachers und Pädagogen am Karlsruher „Gymnasium illustre“ erlauben.

Ebenfalls neu ist der „Proteus-Komplex“, der die schriftlichen Zeugnisse des Lörracher Freundeskreises (oder Geheimbundes) der „Proteuser“ umfasst. Er enthält eine Reminiszenz Hebels an eine gemeinsame Belchen-Besteigung mit seinem lebenslangen Freund Friedrich Wilhelm Hitzig; dieser Schwarzwaldberg galt als „Altar des Proteus“ und als „erste Station von der Erde zum Himmel“.

Die umfangreiche kommentierte Textsammlung schließt mit einem Lebensbild Hebels, einem Editionsbericht sowie einem umfangreichen Literaturverzeichnis, Danksagungen, dem Inhaltsverzeichnis und einem Personenregister. So wie Hebel in seinen Gedichten und in seinen Kalendergeschichten stets alle gesellschaftlichen Schichten ansprach, so wendet sich die Kommentierte Lese- und Studienausgabe an alle, die heute ein Interesse an Werk und Person des Dichters haben.

Vielleicht liefert ein großer Absatzerfolg bald den Anlass zu einer Neuauflage; da könnte man über zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten, wie Bildzugaben über Hebel und sein Leben oder allfällige Berichtigungen der Textzuschreibung, nachdenken.

 Johann Peter Hebel: Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden, Herausgegeben von Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann, 3712 Seiten, 69 Abbildungen, Leinen, Göttingen: Wallstein-Verlag 2019, ISBN 978-3-8353-3256-0, 69 Euro

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