Kreis Lörrach Rheinfelden zur Heimat geworden

Von Rolf Rombach

In den vergangenen Monaten gab es kaum eine Woche, in der nicht über Menschen auf der Flucht berichtet wurde. Dazu kommen noch Meldungen von und über Menschen mit Ängsten vor der Zukunft mit den Asyl-Suchenden. Es handele sich um nicht integrationswillige Personen, Kriminelle, Schmarotzer, religiös motivierte Terroristen – so die gängigen Vorurteile.

Beim Besuch bei Familie Murad wird schnell klar – hier treffen Verallgemeinerungen überhaupt nicht zu. Die syrische Familie floh 1999 aus ihrer Heimat. Über die Türkei kamen sie nach Deutschland und wurden über die Baden-Württembergische Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Karlsruhe registriert und dann nach Freiburg in eine Massenunterkunft geschickt, nach 23 Tagen weiter an die Schweizer Grenze nach Rheinfelden.

„Am Anfang war das ganz schlimm“, berichtet Mutter Victoria Murad in fließendem Deutsch, „wir haben Familienangehörige in Sigmaringen und Böblingen – aber kannten niemanden in Rheinfelden. Und nun ist es wirklich zu meiner zweiten Heimat geworden, und ich fühle mich hier sehr wohl.“

Bis es soweit kam erlebte die fünfköpfige Familie eine emotionale Berg- und Talfahrt. Über die Stadtgrenzen hinaus berühmt wurde sie, als 2005 die Abschiebung drohte, da die politische Verfolgung der Familie angezweifelt wurde. Nach einem Monat auf der Flucht erhielten sie von der katholischen St. Josefsgemeinde in Rheinfelden Kirchenasyl. Seit Beginn an waren die syrisch-orthodoxen Christen fast jeden Tag im Gottesdienst um auch mal aus der beengten Unterkunft in der Rheinfelder Schildgasse rauszukommen. Die Familie hatte dort ein Zimmer zu fünft. Andere Flüchtlinge müssen hingegen teilweise mit mehreren fremden Menschen auf wenigen Quadratmetern leben mit einer Gemeinschaftsküche und gemeinsamen sanitären Anlagen.

Schnell nahmen die damals 13-jährige Fabronia (inzwischen 29 Jahre alt) sowie ihre Brüder Schukri (26) und Nour (21) Kontakt auf mit den Ministranten und engagierten sich über Jahre bei den Messdienern. Fabronia war sogar einige Jahre Oberministrantin. Durch diese Verbindungen erhielt die Familie nach ihrer Flucht vor den Behörden für ein halbes Jahr lang Hilfe bis eine neue Überprüfung ihrer Unterlagen einen neuen Aufenthaltsstatus ergab. „Wir Kinder durften bereits während des Kirchenasyls wieder zur Schule gehen, aber unsere Eltern durften das Gelände nicht verlassen, sonst hätte ihnen die Abschiebung gedroht“, erläutert Nour. Nach einem weiteren Jahr in der Asylbewerberunterkunft erhielt die Familie die Duldung und durfte in eine Wohnung außerhalb des Geländes ziehen. Mit der Zeit kam es dann auch immer mehr zu einem normalen Leben und die ständige Angst verschwand. Schukri schloss sich den Ringern des KSV Rheinfelden an und kämpfte 2013 sogar im Verbandsliga-Team. Nour war bis zu einer Knieverletzung Fussballer beim VfR Rheinfelden und FV Degerfelden, dazwischen auch mal Ringer.

Auch der weitere Werdegang der drei jungen Murads klingt fast wie ein Märchen: Fabronia hat bereits einen Master of Science in Biomedizin und schreibt gerade an ihrer Doktor-Arbeit an der Uni Tübingen. Schukri ist seit zwei Jahren Physiotherapeut und Nour will nach seiner Ausbildung zum Zahntechniker ein Zahnmedizinstudium anschließen, wofür er gerade praktische Erfahrungen sammelt. Doch auch negative Erfahrungen macht er, wenn er zu seiner Schule nach Karlsruhe fährt. „Im ICE werde ich als Araber natürlich fast jedes Mal kontrolliert. Ich passe eben in das Beuteschema der Bundespolizisten und des Zolls“, erzählt er lachend. Wobei das manchmal nicht mehr zum Lachen ist. „Ein Beamter hat mich tatsächlich drei Tage hintereinander kontrolliert. Als ich ihn dann darauf ansprach, war er sofort eingeschnappt und ging weiter, obwohl ich das gerne mit ihm geklärt hätte.“ Ähnliche Erfahrungen macht er öfters, wenn er mit kriminellen Ausländern über einen Kamm geschert wird. „Meistens sind Leute mit ihren Vorurteilen dann schnell fertig mit Argumenten. Oder Menschen hören einfach nicht zu, wenn ich sage, dass ich Christ bin und darauf gefragt werde, ob ich ebenfalls Ramadan mache.“

Schukri ärgert sich vor allem über die Willkür, die ihm manchmal bei Behördengängen entgegen kommt. So bekam die Mutter den unbefristeten Aufenthaltstitel deutlich schneller, obwohl sie mit ihren Söhnen zusammen die Unterlagen abgab. Dafür hat Nour bereits seit zwei Monaten den deutschen Pass, obwohl er gemeinsam mit der Mutter den Einbürgerungstest absolvierte. Sie wartet noch. Der deutsche Personalausweis und Reisepass kosteten zusammen 70,30 Euro und gilt nun einige Jahre. „Für den Aufenthaltstitel musste ich jedes Jahr 80 Euro bezahlen, obwohl wir weniger Geld zur Verfügung hatten. Das finde ich schon etwas widersprüchlich.“ Damit muss sich Nour zum Glück nicht mehr beschäftigen. Er überlegt schon, wie er seine Modelliermaterialien im Zug ohne Probleme bei der Kontrolle nach Karlsruhe bekommen wird, und Schukri freut sich auf die neue Ringersaison im September. Vielleicht darf er dann endlich auch als Deutscher auf die Matte.

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