Kreis Lörrach (sat/wer). Unsere Serie mit der AOK Hochrhein-Bodensee zum Pflegestärkungsgesetz (PSG) II endete am Mittwoch mit einer Telefonaktion, bei der unsere Leser Fragen rund um das Thema Pflege an fünf ausgewählte Experten stellen konnten. Die Experten aus unterschiedlichen Bereichen nutzten die Gelegenheit, zum Erfahrungsaustausch seit Einführung des neuen Gesetzes.

„Wer vor der Entscheidung steht, einen pflegebedürftigen Angehörigen in einem Pflegeheim unterzubringen oder zu Hause zu pflegen, den plagen Gewissensbisse“, sagte Patrick Ball, Leiter des Seniorenzentrums St. Fridolin in Stetten, der genau mit dieser Situation von einer Anruferin konfrontiert wurde. Doch bei solchen individuellen Entscheidungen das Richtige zu raten, sei schwierig, sagte Ball. Ein Richtig oder Falsch gebe es nämlich nicht, vielmehr informierte Ball die Anruferin über ihre Möglichkeiten zwecks ambulanten Pflegediensten und stationären Einrichtungen.

„Pflegende Angehörige überfordern sich oftmals“, ergänzte Bernhard Späth, Vorsitzender des Kreisseniorenrats. Wie die Anruferin seien viele pflegende Angehörige nach einer bestimmten Zeit am Ende ihrer Kräfte, der Schritt, bestimmte Hilfestellungen anzunehmen, sei jedoch schwierig. Späth zeigte dennoch Verständnis dafür, dass die meisten Pflegebedürftigen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben möchten.

Für mögliche Unterstützungen zur Pflege zu Hause oder zum Bereich soziale Absicherung – falls der Beruf neben der Pflege des Angehörigen nicht mehr ausgeübt werden kann – bietet die Kasse ihren Versicherten, die Leistungen der Pflegeversicherung erhalten, eine professionelle Pflegeberatung, erklärten Jürgen Mihailowitsch und Sevim Subasi von der AOK Hochrhein-Bodensee. Die Pflegeberater kennen Leistungserbringer, niedrigschwellige Betreuungsangebote und ehrenamtliche Anbieter vor Ort. „Unsere Berater haben oft Ideen, auf die die Versicherten alleine nicht gekommen wären“, sagte Mihailowitsch.

Späth rät dazu, sich frühzeitig Gedanken über die Pflegesituation zu machen und nicht erst dann, „wenn man mit den Kräften schon am Ende ist“. Auch Ball weist in Gesprächen oftmals auf frühzeitige Absicherung wie das Erstellen einer Patientenverfügung hin.

Insgesamt fiel das Fazit der Experten über die Pflegereform recht positiv aus. „Der Übergang von Pflegestufen auf -grade ist gelungen“, sagte Späth. Allerdings konnte Ball auch von Fällen berichten, bei denen die Bescheide zur Umwandlung der bisherigen Pflegestufen zu früh raus gegeben und im Nachgang noch einmal geändert wurden.

Die Krankenversicherung hatte durch die Einführung des PSG II einen Anstieg an Anträgen auf Pflegeleistungen um 20 Prozent prognostiziert. „Ob wir damit richtig lagen, werden die Auswertungen ergeben. Was wir aber jetzt schon sagen können: Seit Anfang dieses Jahres hatten wir einen deutlichen Anstieg an Anträgen“, sagte Mihailowitsch. Antragsteller, die vor dem PSG II keine Pflegestufe bekommen haben, versuchen es aufgrund der neuen Kriterien zur Einstufung erneut.

Menschen in Pflegegrade einzustufen ist Aufgabe der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK), die seit Anfang dieses Jahres mit der Abarbeitung von Anträgen auf Zuerkennung eines Pflegegrades nicht nachkommt, wie Dr. Siegfried Henninger vom MDK berichtete. Tagtäglich werden die Gutachter des MDK bei ihrer Arbeit mit unterschiedlichsten Situationen konfrontiert, wenn sie die Pflegebedürftigen in ihrem häuslichen Umfeld aufsuchen. „Wir erleben einen Querschnitt der Gesellschaft“, so Henninger. Der demografische Wandel und auch der Trend zu immer mehr Einfamilienhaushalten, insbesondere im städtischen Umfeld, mache sich deutlich bemerkbar, sieht er eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung in Sachen Pflege.