Kreis Lörrach Suche nach Personal wird zur Qual

Betreuung in Kindergärten und Kindertagesstätten wird in nahezu allen Städten und Gemeinden des Landkreises angeboten. Doch es fehlt zunehmend an Fachpersonal. Foto: Archiv

Kreis Lörrach - „Es ist wie ein Hängen im Schacht“, beschreibt eine Fachkraft aus dem Wiesental den prekären Personalmangel in Kindergärten und Kindertagesstätten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nennt die Lage „dramatisch schlecht“. Björn Köhler, Leiter des Organisationsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit, sagt: „Eigentlich bräuchten wir in Baden-Württemberg 100 000 Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten.“

Auch im Kreis Lörrach werden Erzieherinnen gesucht, wobei der Bedarf recht unterschiedlich ist. Dem baden-württembergischen Städtetag mit seinem geschäftsführenden Vorstandsmitglied, der früheren Lörracher Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm, sind laut einer Mitteilung keine Fälle bekannt, dass aus Personalnot Angebote gestrichen werden mussten. Dagegen berichtet die Landes-GEW, dass es vor allem in Stuttgart zu gelegentlichen Teilschließungen wegen Krankheitsfällen komme.

Jedoch sagte eine Sprecher­in des Städtetags im Interview: „Das Angebot kann nicht ausgeweitet werden, weil Fachkräfte fehlen.“ In verschiedenen Städten gebe es Bedarf an neuen Gruppen, doch diese könnten nicht eingerichtet werden, weil das erforderliche Personal nicht vorhanden sei. Außerdem lasse die Altersstruktur befürchten, dass sich der Fachkräftemangel noch verschärfe.

Personal immer älter

„Das wird zunehmend zum Problem“, bestätigt Elke Wissler, Leiterin der Stabsstelle Fachberatung Kindertagesbetreuung im Landratsamt. Fast ein Drittel des Kita-Personals sei über 50, jede zehnte Erzieherin über 60 Jahre alt. In den nächsten Jahren erreichten so viele Fachkräfte wie noch nie zuvor das Rentenalter. Hinzu kommt: Ein Viertel der Erzieherinnen sind noch keine 30, ein weiteres Fünftel unter 40. Viele aus diesen beiden Gruppen unterbrechen zugunsten einer Familienphase ihre Berufstätigkeit, manche kehren gar nicht mehr zurück.

Auch in den städtischen Kitas in Lörrach besteht Fachkräftemangel. „Die Zahl geeigneter Bewerbungen verringert sich leider spürbar“, heißt es aus dem Rathaus. Stellen müssten zum Teil mehrmals ausgeschrieben werden, um geeignetes Personal zu finden. Komme dann noch die Notwendigkeit einer Zusatzqualifikation hinzu – zum Beispiel im Inklusionsbereich, werde die Bewerberlage noch dünner. Es werde auch schwieriger, bei kurzfristigem Ausfall von Personal einen Ersatz zu finden.

In den fünf städtischen Kitas sind etwa 80 pädagogische Fachkräfte angestellt. Die Stadt ist Ausbilder. Ziel sei es, in jeder städtischen Kita Azubis zu beschäftigen. Dieses Jahr sei etwa die Hälfte von ihnen im pädagogischen Bereich angesiedelt. Der klassische Ausbildungsweg, bei dem erst im dritten Jahr, dem Anerkennungsjahr, ein Gehalt bezogen wird, werde immer weniger nachgefragt. Bei Eignung würden selbstverständlich auch Quereinsteiger eingestellt.

Die Stadt Lörrach, so Pressesprecherin Kornelia Schiller, vergibt für die ersten beiden Jahre dieser Ausbildung zwei Stipendien.  Der Großteil der Azubis gehe jedoch mittlerweile den Weg der Praxisintegrierten Ausbildung (PIA).

Reduzierte Öffnungszeiten

In den fünf Lörracher Kitas hat es nach Angaben der Pressesprecherin bislang nur kurzfristig – maximal zwei Wochen – verkürzte Öffnungszeiten gegeben. „Aufgrund der aktuellen Pandemiebedingungen meldeten uns einige andere Träger von Kitas die Notwendigkeit zur Reduzierung von Öffnungszeiten, um die Betriebserlaubnis aufrecht erhalten zu können.“ Ebenso sei die Neuaufnahme und Eingewöhnung von Kindern aufgrund von Personalmangel teilweise eingeschränkt und – „leider gibt es in Lörrach auch Kitas, die seit Jahren aufgrund des Fachkräftemangels einzelne Gruppen nicht mit voller Auslastung betreiben können“.

Nach Angaben des Landratsamtes kamen zwischen 2010 und 2020 im Kreis Lörrach 15 Einrichtungen und rund 120 Kita-Gruppen neu hinzu. Die Zahl der genehmigten Plätze stieg von 8200 auf knapp 10 000. Umgerechnet auf Vollzeitstellen mit je 39 Stunden hat sich der Personalbedarf von 766 auf 1510 fast verdoppelt. Um das knappe pädagogische Personal kämpfen sowohl Städte und Gemeinden als auch kirchliche und freie Träger. „Doch der Markt ist landesweit wie leergefegt“, bedauert eine Kita-Leiterin aus Rheinfelden.

Neuerdings werden – wie schon länger in der Altenpflege praktiziert – Fachkräfte in Spanien angeworben. Dies, so heißt es, sei aber nur einer von vielen Ansätzen und keineswegs die Lösung. „Ein erfolgversprechender Hebel wäre eine deutlich bessere Bezahlung für Erzieher“, sagt Gaby Marx, die an der kreiseigenen Mathilde-Planck-Schule (MPS) in Lörrach die Abteilung Sozialpädagogik und Altenpflege leitet.

Die Vergütung sei in den vergangenen Jahren zwar etwas besser geworden. Einen Vergleich mit Verwaltungsangestellten dürfe es aber nicht geben, denn die frühkindliche Bildung erfolge auf der Basis höchster Ansprüche. Die MPS-Leiterin unterstreicht: „Wir würden gerne mehr ausbilden.“ Dafür fehlten allerdings sowohl Räume als auch Lehrkräfte.

Die im Herbst vergangenen Jahres an der MPS gestartete Berufsfachschule für Kinderpflege bewertet Marx als „Tropfen auf den heißen Stein“. 28 Teilnehmer hätten die Ausbildung zu einer die Erzieher unterstützenden Tätigkeit begonnen, 20 seien noch dabei. Auch fürs kommende Schuljahr sei eine Klasse vorgesehen. „Eine grundsätzliche Verbesserung der Situation ist allerdings erst zu erwarten, wenn der Beruf durch Umbenennung in Sozialpädagogische Assistenz aufgewertet wird“, sagte die MPS-Chefin.

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